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Gedankenaustreibung

5 Antworten1'464 AufrufeGestartet von lauscher ·

lauscherThemenstart
#1
Natürlich weiss ich, dass man Gedanken nicht austreiben kann... dennoch. Je mehr ich an meine Ex denke, umso grösser wird die Angst, dass ich damit nur einen Gedanken nähre, der sich in meinem Hirn eingenistet hat. Und eigentlich will ich ihn austreiben.

Was ich mit meinen Zeilen beabsichtige ist, mir etwas Luft zu verschaffen. Meine Gedanken zu deponieren, sie symbolisch weglegen. Ich habe letzthin das Buch "Bestellungen beim Universum" gelesen. Okay, es mutet wohl etwas esoterisch an, aber was soll's. Ich versuche nun, meine Gedanken ans Universum zu richten, in der Hoffnung (nicht Erwartung), dass es irgendwo eine Resonanz gibt. Und sonst habt ihr halt einfach eine mehr oder minder interessante Story gelesen.

Weswegen ich hier bin: Im Sommer 2005 hat meine damalige Freundin den Schlussstrich unter unsere 16monatige Beziehung und unser fünfmonatiges Zusammenleben gezogen. Offizieller Grund: Man könne sich auf mich nicht verlassen, ich sei ein Luftibus und stünde nicht mit beiden Füssen auf den Boden. Sie liebe mich zwar, aber in Kombination mit ihrer leichten Depression, bedingt durch einen beruflichen Burnout, könne sie die Beziehung nicht mehr ertragen.

Im Herbst habe ich dann erfahren, dass sie mit ihrem allerersten Freund wieder zusammengefunden habe. Er hat sie vor langer Zeit zweimal betrogen (ist er der Verlässliche?), wohnt mit 31 noch zuhause bei den Eltern (ist er der Bodenständige?) und ist selbst depressiv (gründen die beiden eine dyadische Selbsthilfegruppe?). Vielleicht ist es nicht ganz anständig, so was zu schreiben, aber ich muss meinem Zynismus hier und jetzt Genüge tun.

Der Rückblick schmerzt besonders: Ich durfte mir während unserer Beziehung täglich anhören, wie falsch es sei, mit meiner Ex guten Kontakt zu haben (wirklich guten, kollegialen Kontakt). Sie vertraue mir zwar, aber meiner Ex nicht. Heute verstehe ich es: Sie hat ihre eigenen Gefühle auf mich übertragen und dachte sich, ich könne wohl ebenso wenig über meine Vergangenheit hinwegkommen. Aber ich konnte es. Nur bei ihr selbst kann ich es bis heute nicht.

Der grösste Krach gab es, als sie Fotos mit meiner Ex auf dem Compi fand, die ich in guter Erinnerung und ohne dass ich sie hätte verstecken müssen, aufbewahrte. Sie selbst hat zur Selbtvergewisserung alle Versatzstücke der Erinnerung vernichtet. Damit hat sie meiner Meinung aber nur bewiesen, dass sie es eben nicht verdaut hat.

Ich fühle mich betrogen und verarscht. Ich weiss, dass ihr Typ mindestens schon seit August bei ihr ein- und ausgeht. Anderthalb Monate, nachdem ich bei ihr ausgezogen bin, war er schon wieder bei ihr.

Sie hat mir während unserer Beziehung immer nahegelegt, sie sei nicht mehr so naiv wie damals (bei ihrem ersten Freund). Wer kann mir verklickern, warum manche Frauen dann dennoch wieder auf genau diesen Verletzertyp reinfallen wollen? Solche Worte im Ohr zu haben, tönt für mich wie Hohn.

Hätte ich es wissen müssen? War ich zu leichtgläubig? Und warum wollte sie schon seit jeher zu ihm zurück, den sie im Vergleich zu mir halt eben "unendlich liebt" (was den graduellen Unterschied ausmachen soll)? Und warum will ich zu ihr zurück, entgegen aller Regeln der Ritterlichkeit und Vernunft und des Stolzes? Bin ich genauso doof wie sie, die nicht von der Vergangenheit Abschied nehmen kann?

Wieso streube ich mich noch heute davor, Musik zu hören, die sie mir schmackhaft gemacht hat? Warum falle ich heute zynisch und spöttisch über "Verliebt in Berlin" oder Rosamunde-Pilchner-Formate her, währenddem ich zu jener Zeit auch diese Seiten an ihr abgöttisch liebte?

Ich stelle mir häufig vor, wie es ist, wenn ich die Person, zu der ich Funkstille halte, plötzlich auf der Strasse, sei es in Bern oder in Solothurn, antreffe. Ich weiss es nicht. Ich wüsste nicht, wie ich reagieren sollte. Es gab einen Moment in unserer Beziehung, der treibt mir noch heute Tränen in die Augen. Es war der Tag, an dem ich ihre Gedanken hörte. Und das meine ich nicht symbolisch. Wir nahmen einander in glücklicheren Zeiten in den Arm. Ich hörte die Worte "Ich liebe Dich" worauf ich entgegnete "Ich liebe Dich auch". Da fragte sie mich, woher ich denn gewusst hätte, was sie habe sagen wollen. Ich darauf: "Aber Du hast es ja schon gesagt." - danach stellte sich heraus: Sie hatte nichts gesagt... Was soll ich heute vom Schicksal, von Seelenverwandtschaften, vom totgequatschten, abstrakten Substantiv "Bestimmung" denken, wenn die Beziehung, deren Fortsetzung in Zukunft nur absurd wäre, am Arsch ist?

Zeitsprung: Vor ein paar Tagen dachte ich, ich könne ihr vergeben. Heute denke ich schon wieder anders darüber. Ich erhoffte mir, innerlich Ruhe zu finden, wenn ich ihr verzeihe. Aber 1) fühle ich mich nicht mehr danach, ihr zu vergeben und 2) glaube ich nicht, dass sie sich einer Schuld bewusst wäre. Das würde wohl in ihren Ohren nur lustig tönen. Ich habe es verpasst, sie verbal auf die Strafbank zu stellen, obwohl ich es innerlich bereits getan habe. Ich weiss auch nicht, ob ich sie noch liebe oder ob ich ihr einfach noch eine verpasste Portion Tacheles schuldig bin, bis ich innerlich Ruhe finde.

Was meint ihr? Wie komme ich drüber weg, damit ich in ferner Zukunft unbelastet in eine neue Beziehung steigen könnte?

Besten Dank - nur fürs Lesen...

Niemand muss Antwort geben, ich wollte nur meiner inneren Unrast Gelegenheit zum Ausbruch geben...

Andi

#2
Hi lauscher!

Wow! Genau sowas hat mir gefehlt!! Ein thread zum Gedanken austreiben :) )

Diese schlimmen Gedanken verselbstständigen sich irgendwie immer und sind einfach zum kotzen...

Mich plagt im Moment auch sehr, dass ich ihm bis jetzt noch nicht richtig die Meinung gesagt habe. Deshalb habe ich vor, einen letzten Brief zu schreiben, auf den ich allerdings keine Antwort erhalten möchte. Denn genauso wie du es über deine Ex sagst, bin ich mir ziemlich sicher, dass er sich keiner Schuld bewusst ist. Und wenn dann etwas von ihm zurüchkommen würde, was ich nicht hören will, würde das "Gedenke" wieder von vorne anfangen. Das möchte ich verhindern, indem ich einfach nur das loswerde,was mir im Kopf rumgeistert. Was er mit dem Brief macht, ist mir egal. Hauptsache, meine Gedanken, die mich so beschäftigen, gehen an die richtige Adresse (da erscheint seine mir sinnvoller als das Universum ;) ). Vielleicht wäre das auch eine Lösung für dich, besser mit der Sache abschließen zu können!?

LG, Herzchen :)

#3
Hi Lauscher,

ich gebe Herzchen Recht, schreib Dir diesen ganzen Frust von der Seele, ohne auch nur eines Deiner Gefühle, einen Deiner Gedanken auszulassen. Diesen Brief schickst Du ihr dann. Ich weiß aus Erfahrung, dass es, zumindest mir, danach etwas besser ging, obwohl sich meine "Hölle" von Deiner etwas unterscheidet. Es war, als hätte mich ein Stück von ihr endlich etwas mehr in meine Freiheit entlassen. Ein bischen weniger Stein im Magen, wenn Du weißt, was ich meine.

Ich gehe davon aus, wenn Du Tacheles schreibst, dass Du das so meinst, ihr dabei gegenüberzustehen. Halte ich aber in Deiner Situation nicht unbedingt für vorteilig, da sie mir, auf Deine Beschreibung hin so den Eindruck macht, dass sie eh schon nicht mit sich, ihren Gefühlen und ihrer Meinung im Einklang steht. Du würdest ihr dadurch nur die Chance geben, sich erneut in Widersprüche zu verwickeln, und das würde Dich womöglich noch mehr verletzen. Stell sie mit einem Brief vor vollendete Tatsachen, und dann versuche Dich innerlich von ihr zu verabschieden. Wenigstens, bis Du der Meinung bist, dass Du Dich endgültig gelöst hast. Aber ich glaube, wäre das alles bei mir so gelaufen, wie bei Dir, würde ich mir sogar überlegen, ob ich überhaupt mal irgendwann wieder Kontakt zu ihr haben wollte. Aber das musst Du selber wissen.

Gruß, Schattenwesen.

#4
Hallo an alle!

Briefe schreiben ist immer etwas Tolles, Befreiendes - eigentlich tun wir hier nichts anderes. Diese Briefe auch abzuschicken halte ich aber nicht für so ideal.

Sie sind das Synonym für einen Abschied, der uns nicht vergönnt war - weil es eben kein abschließendes Gespräch gab, weil die Trennung fies war, oder warum auch immer.

Also einen letzten Brief schreiben und ihn dann - am besten verbrennen, das hat auch etwas Befreiendes.

Wann man dann wieder frei ist? Gute Frage. Vll ist es dann soweit, wenn man dem anderen gar keine Schuld mehr zuweisen will, weil man weiß, dass keiner Schuld hatte.

Wenn man gar nicht überlegt, ob es etwas zu vergeben gäbe. Wenn man akzeptieren kann, dass die Menschen eben unterschiedlicher nicht sein können.

Denn es ist schwer zu verstehen:

Dass ein liebendes Herz allein nicht der Garant sein kann, dass auch eine Beziehung funktioniert. Sich lieben, aber nicht zusammenpassen, sich angezogen fühlen, sich aber bei grundlegenden Dingen missverstehen, fasziniert sein und dennoch keine gemeinsame Basis finden - das alles gibt es - leider. :rolleyes:

meint

#5
Hallo Andi,

wunderbar, wie du schreibst.

ich komm bestimmt nochmal daruf zurück, im moment nur kurz dazu:

"Was meint ihr? Wie komme ich drüber weg, damit ich in ferner Zukunft unbelastet in eine neue Beziehung steigen könnte?"

ich denke das ist so:

wenn du mit "unbelastet" meinst: wie wenn das andere nie gewesen wäre - das wird nicht gehen.

alles, was du bisher gelebt hast, hat dich zu dem gemacht, was du jetzt bist.

du kannst nie "zurück auf anfang".

das ist ein teil von dir wie deine jugend, deine eltern usw.

aber "unbelastet" geht sicher irgendwann, wenn du komplett damit umgehen kannst. das eine war mal, und jetzt kommt etwas anderes.

wie lisabel auch schreibt:

...ist es dann soweit, wenn man dem anderen gar keine Schuld mehr zuweisen will, ...Wenn man gar nicht überlegt, ob es etwas zu vergeben gäbe.

#6
hallo andi!

bin soeben auf deinen beitrag gestossen und will nur "danke" sagen!

du sprichst mir aus der seele!

du sagst viele dinge, die mir im grunde genauso durch den kopf gehen und auf dem herzen liegen!

"Ich habe es verpasst, sie verbal auf die Strafbank zu stellen, obwohl ich es innerlich bereits getan habe. Ich weiss auch nicht, ob ich sie noch liebe oder ob ich ihr einfach noch eine verpasste Portion Tacheles schuldig bin, bis ich innerlich Ruhe finde."

danke.

und auch an lisabel, die die dinge hervorragend zusammengefaßt hat!

es tut zwar ein weiteres mal sehr weh, dass alles zu lesen und versetzt mir einen gewaltigen stich,

aber es ist nun mal so wahr, dass ich einfach nicht anders konnte, als zu antworten!

und ich wünsche dir, andi, und uns allen alles liebe und ganz viel kraft,

mit unserer situation weiterhin fertig zu werden!

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