Geschichten zum Nachdenken....
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..: Das Licht am Ende des Ganges :..
Eines Tages hatte er beschlossen, die Gitterstäbe nie mehr loszulassen. Er konnte sich nicht mehr an den Zeitpunkt erinnern. Ihm war jedoch bewußt, dass die Entscheidung von Angst getrieben worden war: Angst vor dem Fallenlassen, Angst vor der Dunkelheit unter ihm, vor dem Ungewisssen. So klammerte er sich krampfhaft an die Stäbe des vergitterten Fensters. Er wusste nicht einmal mehr, weshalb er hier war. Aus dem Dunkel seiner Erinnerungen leuchtete hin und wieder ein kleiner Fetzen Licht.
Eine Zelle war da gewesen, eine Tür, dahinter ein dunkler Gang mit einem kleinen Licht am Ende. In sehr seltenen Augenblicken glaubte er, diesen Gang schon ein paar Mal betreten, das Licht gesucht zu haben. Und dann war da ein unsagbarer Schmerz, der sein Gedächtnis zu verriegeln schien.
Zwei Wächter waren am Ende des Ganges gewesen: ein Mann und eine Frau. Oft hatten sie ihn gehindert, den Gang zu verlassen und an die Sonne zu treten. Aber sie hatten ihn auch behütet und versorgt. Nie war deshalb sein Wunsch sich den Weg in die Freiheit zu erkämpfen, so stark gewachsen, dass er es auch nur einmal ernsthaft versucht hätte. Aber diese Erinnerung war sehr tief in ihm versteckt, zeigte sich nur manchmal in hellen Nächten, wenn er träumte. Und diese Träume vergaß er immer schnell.
Irgendwann hatte er etwas entdeckt: Wenn er mit aller Kraft hochsprang zu dem Fenster an der Wand und die Gitterstäbe zu fassen bekam, dann konnte er sich an guten Tagen daran hochziehen. Manchmal gelang es ihm, seinen Kopf zwischen die Gitterstäbe zu drängen und einen Blick auf die Sonne zu erhaschen. Wie glücklich er gewesen war, als er das zum ersten Male schaffte!
Seitdem hatte er sich oft an die Stäbe gehängt, Kraft gesammelt und versucht die Sonne zu sehen. Wenn er stark genug gewesen war, hatte er es geschafft. Und seitdem hatte er im Grunde nur für diese kurzen Augenblicke gelebt, in welchen er eine Ahnung fühlte von Sonne und Freiheit. Da es ihm an Essen und Trinken selten mangelte, ihm sonst nichts zu fehlen schien, hatte er sich inzwischen mit diesem Leben abgefunden.
Dann, eines Tages, hatte er gespürt, dass ihn die Kraft verließ. Seine guten Tage waren seltener geworden; er hatte sich gefürchtet, nie wieder einen Blick auf die sonne werfen zu können. So hatte er sich also entschieden, beim nächsten Mal die Gitterstäbe nicht mehr loszulassen. Mit der Zeit hatte er vergessen, was vorher gewesen war, erinnerte sich kaum an die Zelle, den Gang und die Wächter. Unbestimmte Ängste und Befürchtungen hatten sich in ihm eingenistet. Und ab irgendeinem Zeitpunkt konnte er sich, selbst wenn er gewollte hätte, nicht mehr fallen lassen. Zu groß war die Angst, mühsam vergessene Enttäuschungen wieder erleben zu müssen.
Nun hing er an den Stäben, festgeklammert, verkrampft und voller Furcht. An starken Tagen gelang es ihm immer noch, sich hochzuziehen und sein Gesicht zwischen die Stäbe zu pressen. Aber es wurde mit zunehmendem Alter seltener, erfüllte ihn aber dennoch mit Freude und Wehmut. Irgendwann vergaß er die Wächter, die Zelle, den Gang und das Licht an seinem Ende endgültig. Für ihn gab es nur noch einen winzigen Lebensbereich: das Fenster, die Gitterstäbe und die immer selteneren Blicke auf die Sonne. So starb der Mann, wie er seine letzten Jahre verbracht hatte: festgeklammert an dem, was er für wichtig und lebenswert gehalten hatte.
Als man ihn irgendwann einmal fand, verstand niemand, was da geschehen war. Die Wächter waren längst verschwunden, die Tür der Zelle offen, der Weg in die Freiheit nicht leicht, aber durchaus zu bewältigen. Der Mann hätte nur loszulassen brauchen, sich nur fallen lassen. Vielleicht hätte er sich verletzt, vielleicht auch die Tür erst nach langem Umhertasten in der Dunkelheit gefunden. Auch der dunkle Weg durch den langen Gang hätte ihm sicherlich Abschürfungen beigebracht, ihn manchmal geängstigt.
Aber er hätte jederzeit die Zelle und den Gang verlassen können; niemand hätte ihn gehindert. Weil er den Mut zu einem Versuch nicht gefunden hatte, war es ihm niemals möglich gewesen, sein Leben zu ändern. Er hätte nur hinauszugehen brauchen, hinaus in die Freiheit - und hätte in der Sonne Leben können.
(Heinz Körner)
Eines Tages hatte er beschlossen, die Gitterstäbe nie mehr loszulassen. Er konnte sich nicht mehr an den Zeitpunkt erinnern. Ihm war jedoch bewußt, dass die Entscheidung von Angst getrieben worden war: Angst vor dem Fallenlassen, Angst vor der Dunkelheit unter ihm, vor dem Ungewisssen. So klammerte er sich krampfhaft an die Stäbe des vergitterten Fensters. Er wusste nicht einmal mehr, weshalb er hier war. Aus dem Dunkel seiner Erinnerungen leuchtete hin und wieder ein kleiner Fetzen Licht.
Eine Zelle war da gewesen, eine Tür, dahinter ein dunkler Gang mit einem kleinen Licht am Ende. In sehr seltenen Augenblicken glaubte er, diesen Gang schon ein paar Mal betreten, das Licht gesucht zu haben. Und dann war da ein unsagbarer Schmerz, der sein Gedächtnis zu verriegeln schien.
Zwei Wächter waren am Ende des Ganges gewesen: ein Mann und eine Frau. Oft hatten sie ihn gehindert, den Gang zu verlassen und an die Sonne zu treten. Aber sie hatten ihn auch behütet und versorgt. Nie war deshalb sein Wunsch sich den Weg in die Freiheit zu erkämpfen, so stark gewachsen, dass er es auch nur einmal ernsthaft versucht hätte. Aber diese Erinnerung war sehr tief in ihm versteckt, zeigte sich nur manchmal in hellen Nächten, wenn er träumte. Und diese Träume vergaß er immer schnell.
Irgendwann hatte er etwas entdeckt: Wenn er mit aller Kraft hochsprang zu dem Fenster an der Wand und die Gitterstäbe zu fassen bekam, dann konnte er sich an guten Tagen daran hochziehen. Manchmal gelang es ihm, seinen Kopf zwischen die Gitterstäbe zu drängen und einen Blick auf die Sonne zu erhaschen. Wie glücklich er gewesen war, als er das zum ersten Male schaffte!
Seitdem hatte er sich oft an die Stäbe gehängt, Kraft gesammelt und versucht die Sonne zu sehen. Wenn er stark genug gewesen war, hatte er es geschafft. Und seitdem hatte er im Grunde nur für diese kurzen Augenblicke gelebt, in welchen er eine Ahnung fühlte von Sonne und Freiheit. Da es ihm an Essen und Trinken selten mangelte, ihm sonst nichts zu fehlen schien, hatte er sich inzwischen mit diesem Leben abgefunden.
Dann, eines Tages, hatte er gespürt, dass ihn die Kraft verließ. Seine guten Tage waren seltener geworden; er hatte sich gefürchtet, nie wieder einen Blick auf die sonne werfen zu können. So hatte er sich also entschieden, beim nächsten Mal die Gitterstäbe nicht mehr loszulassen. Mit der Zeit hatte er vergessen, was vorher gewesen war, erinnerte sich kaum an die Zelle, den Gang und die Wächter. Unbestimmte Ängste und Befürchtungen hatten sich in ihm eingenistet. Und ab irgendeinem Zeitpunkt konnte er sich, selbst wenn er gewollte hätte, nicht mehr fallen lassen. Zu groß war die Angst, mühsam vergessene Enttäuschungen wieder erleben zu müssen.
Nun hing er an den Stäben, festgeklammert, verkrampft und voller Furcht. An starken Tagen gelang es ihm immer noch, sich hochzuziehen und sein Gesicht zwischen die Stäbe zu pressen. Aber es wurde mit zunehmendem Alter seltener, erfüllte ihn aber dennoch mit Freude und Wehmut. Irgendwann vergaß er die Wächter, die Zelle, den Gang und das Licht an seinem Ende endgültig. Für ihn gab es nur noch einen winzigen Lebensbereich: das Fenster, die Gitterstäbe und die immer selteneren Blicke auf die Sonne. So starb der Mann, wie er seine letzten Jahre verbracht hatte: festgeklammert an dem, was er für wichtig und lebenswert gehalten hatte.
Als man ihn irgendwann einmal fand, verstand niemand, was da geschehen war. Die Wächter waren längst verschwunden, die Tür der Zelle offen, der Weg in die Freiheit nicht leicht, aber durchaus zu bewältigen. Der Mann hätte nur loszulassen brauchen, sich nur fallen lassen. Vielleicht hätte er sich verletzt, vielleicht auch die Tür erst nach langem Umhertasten in der Dunkelheit gefunden. Auch der dunkle Weg durch den langen Gang hätte ihm sicherlich Abschürfungen beigebracht, ihn manchmal geängstigt.
Aber er hätte jederzeit die Zelle und den Gang verlassen können; niemand hätte ihn gehindert. Weil er den Mut zu einem Versuch nicht gefunden hatte, war es ihm niemals möglich gewesen, sein Leben zu ändern. Er hätte nur hinauszugehen brauchen, hinaus in die Freiheit - und hätte in der Sonne Leben können.
(Heinz Körner)
wahnsinnig tolle geschichte! bringt mich echt ernsthaft zum nachdenken! wahhhhnsinn!
bussale maybe :schmatz:
bussale maybe :schmatz:
°kleines°
..: Der Sinn des Lebens :..
Es gibt viele Wege zu gehen. Und manchmal reicht ein einziges Leben dafür nicht aus. Als sich der junge Mann am frühen Morgen von seiner Familie verabschiedete, funkelte die Kühle der Nacht im satten Grün der Wiesen, und sein Herz klopfte wild vor Aufregung und den Schmerzen der Trennung.
Seine Mutter versuchte ihn nicht mehr umzustimmen. In den Tagen zuvor hatte sie ihn immer wieder beschworen: "Bleib doch hier! Lerne lieber etwas Sinnvolles! Nimm dir eine Frau und gründe eine Familie!" Aber der junge Mann war durch nichts zu überzeugen. In dieser kleinen Stadt kannte er jeden Winkel, den Staub der Strassen, die hektische Betriebsamkeit, die täglichen Lügen und das falsche Lachen, wenn die Menschen miteinander Geschäfte machten. Hier kam ihm alles so sinnlos vor. Er würde den Sinn seines Lebens irgendwo anders finden, davon war er überzeugt.
Die Freundlichkeit des Vaters war schon seit Tagen zerbrochen. Er hatte fest damit gerechnet, dass sein Sohn den Handelsbetrieb übernehmen würde. Auch am heutigen Morgen ließ er sich nicht sehen. Der Vater seines Vaters jedoch nahm ihn zum Abschied fest in die Arme und wünschte ihm alles Gute.
Der junge Mann wanderte den ganzen Tag, den nächsten und den darauffolgenden. Die Sonne brannte und die Straße war einsam und staubig. Sie lag da wie eine lange, tote Schlange in einer dürstenden, vor Hitze flimmernden Steppe. Sie schien ihm bald ohne Anfang und ohne Ende. Am Abend des dritten Tages, im schwachen Licht der untergehenden Sonne, entdeckte der junge Mann eine Hütte am Wegesrand. Auf einer Holzbank vor der Tür saß eine alte Frau und schälte kleine, wilde Kartoffeln. Als er vor ihr stand, erhob sie sich und wischte die Hände an der fleckigen Schürze ab. Dann bat sie ihn ins Haus. Auf dem einfachen Tisch stellte sie inzwischen Brot, Käse und Sauermilch bereit. Nach dem Essen, bei dem kein Wort gesprochen wurde, fragte sie:" Was führt dich durch die Steppe, mein Junge? Es ist sehr selten, dass hier jemand vorbeikommt." "Ich bin unterwgs um den Sinn des Lebens zu finden. Ich weiß zwar nicht, wo ich danach suchen soll, aber mir wird schon etwas einfallen, wenn ich nur lange genug darüber nachdenke."
Die Alte wischte mit der Hand einige Brotkrümel vom Tisch. "Wenn du eine Zeitlang hier bleibst, werde ich Dir den Sinn des Lebens zeigen", sagte sie dann. Natürlich willigte der junge Mann ein, und so blieb er bei der alten Frau. Er arbeitete für sie auf den steinigen Feldern, sorgte für die zwei mageren Kühe, fütterte ihren zahmen Falken und begleitete sie in die Steppe, um Heilkräuter zu suchen. An den Abenden erzählte ihm die Alte Geschichten und berichtete von längst vergangenen Zeiten.
Doch nach einem Jahr hatte er von der Frau noch immer nichts über den Sinn des Lebens gehört. Der junge Mann beschloss deswegen weiterzuziehen und sprach die Frau an: "Seit einem Jahr bin ich nun bei dir. Ich habe für dich gearbeitet. Du hast mir Geschichten erzählt und ich habe Dinge erfahren, die mir bisher fremd waren. Aber du hast nie vom Sinn des Lebens zu mir gesprochen. Morgen werde ich aufbrechen, um weiter zu suchen."
Die Alte seufzte und wischte sich die Hände an der fleckigen Schürze ab. "Ein ganzes Jahr warst du nun hier und hast nicht begriffen, was der Sinn des Lebens ist?" Der junge Mann starrte ein wenig verlegen in den Himmel, an dem die ersten Sterne das Tageslicht besiegt hatten: "Nein", flüsterte er. "Schau nicht in den Himmel, mein Sohn!" Die Alte stupste ihn mit dem Ellebogen. "Dort hinaus mußt du sehen!" Sie deutete mit beiden Armen in einer weitausholenden Bewegung über das Land. "Na,was siehst du da?" "Die Steppe! Sonst eigentlich nichts." Der junge Mann wurde trotzig. Was sollte das? Seit einem Jahr sah er diese Steppe. "Sonst nichts, sagst du?" Die Alte lächelte, und um ihren Mund legte sich eine kleine Spottfalte. "Sonst nichts? Die Steppe hat Dir jeden Tag den Sinn des Lebens gezeigt! Ist sie nicht grenzenlos, unendlich fast? Sie ist weit. Sie atmet Freiheit mit jedem Windhauch - das ist der Sinn des Lebens! Wie die Steppe muß das Leben sein, sonst hast du es verfehlt!" Daraufhin nahm die Alte wieder eine Kartoffel aus dem Korb, schälte sie und sprach kein Wort mehr.
Am nächsten Morgen verabschiedete sie sich jedoch herzlich von dem jungen Mann, gab ihm Brot, Käse und eine Wasserflasche mit. Als er sich schon abwenden wollte, hielt sie ihn zurück: "Nimm den Falken mit", sagte sie. "Er hat sich an dich gewöhnt und außerdem soll er dich immer an das erinnern, was ich dir gestern gesagt habe. Der Falke ist ein Kind der Steppe."
Gerne nahm der Mann den Falken mit. Meist flog dieser hoch über ihm, kreiste manchmal bis zum fernen Horizont, kam aber immer zurück auf die ausgestreckte Hand des jungen Wanderers. Nach vielen Tagen hatte er die Steppe hinter sich gelassen und stand am Fuße eines hoch aufragenden Gebirges. Die wilden Schluchten und schroffen Felsen schreckte ihn. Trotzdem ließ er sich in seinem Weg nicht beirren. Er wagte sich in die geheimnisvolle Stille einer engen Schlucht, die den Himmel über ihm auszulöschen schien. Nur das Echo seiner eigenen Schritte und das gelegentliche Krächzen des Falken, der ein wenig ängstlich auf seiner Schulter saß, begleiteten ihn auf dem engen felsigen, verwirrend verschlungenen Pfad. Als es Abend wurde, entdeckte er unter einem mächtigen Felsvorsprung ein kleines, schiefergedecktes Haus. Der Wind wirbelte durch den dünnen, weißen Rauch, kaum daß er aus dem kleinen Schornstein kam......
Es gibt viele Wege zu gehen. Und manchmal reicht ein einziges Leben dafür nicht aus. Als sich der junge Mann am frühen Morgen von seiner Familie verabschiedete, funkelte die Kühle der Nacht im satten Grün der Wiesen, und sein Herz klopfte wild vor Aufregung und den Schmerzen der Trennung.
Seine Mutter versuchte ihn nicht mehr umzustimmen. In den Tagen zuvor hatte sie ihn immer wieder beschworen: "Bleib doch hier! Lerne lieber etwas Sinnvolles! Nimm dir eine Frau und gründe eine Familie!" Aber der junge Mann war durch nichts zu überzeugen. In dieser kleinen Stadt kannte er jeden Winkel, den Staub der Strassen, die hektische Betriebsamkeit, die täglichen Lügen und das falsche Lachen, wenn die Menschen miteinander Geschäfte machten. Hier kam ihm alles so sinnlos vor. Er würde den Sinn seines Lebens irgendwo anders finden, davon war er überzeugt.
Die Freundlichkeit des Vaters war schon seit Tagen zerbrochen. Er hatte fest damit gerechnet, dass sein Sohn den Handelsbetrieb übernehmen würde. Auch am heutigen Morgen ließ er sich nicht sehen. Der Vater seines Vaters jedoch nahm ihn zum Abschied fest in die Arme und wünschte ihm alles Gute.
Der junge Mann wanderte den ganzen Tag, den nächsten und den darauffolgenden. Die Sonne brannte und die Straße war einsam und staubig. Sie lag da wie eine lange, tote Schlange in einer dürstenden, vor Hitze flimmernden Steppe. Sie schien ihm bald ohne Anfang und ohne Ende. Am Abend des dritten Tages, im schwachen Licht der untergehenden Sonne, entdeckte der junge Mann eine Hütte am Wegesrand. Auf einer Holzbank vor der Tür saß eine alte Frau und schälte kleine, wilde Kartoffeln. Als er vor ihr stand, erhob sie sich und wischte die Hände an der fleckigen Schürze ab. Dann bat sie ihn ins Haus. Auf dem einfachen Tisch stellte sie inzwischen Brot, Käse und Sauermilch bereit. Nach dem Essen, bei dem kein Wort gesprochen wurde, fragte sie:" Was führt dich durch die Steppe, mein Junge? Es ist sehr selten, dass hier jemand vorbeikommt." "Ich bin unterwgs um den Sinn des Lebens zu finden. Ich weiß zwar nicht, wo ich danach suchen soll, aber mir wird schon etwas einfallen, wenn ich nur lange genug darüber nachdenke."
Die Alte wischte mit der Hand einige Brotkrümel vom Tisch. "Wenn du eine Zeitlang hier bleibst, werde ich Dir den Sinn des Lebens zeigen", sagte sie dann. Natürlich willigte der junge Mann ein, und so blieb er bei der alten Frau. Er arbeitete für sie auf den steinigen Feldern, sorgte für die zwei mageren Kühe, fütterte ihren zahmen Falken und begleitete sie in die Steppe, um Heilkräuter zu suchen. An den Abenden erzählte ihm die Alte Geschichten und berichtete von längst vergangenen Zeiten.
Doch nach einem Jahr hatte er von der Frau noch immer nichts über den Sinn des Lebens gehört. Der junge Mann beschloss deswegen weiterzuziehen und sprach die Frau an: "Seit einem Jahr bin ich nun bei dir. Ich habe für dich gearbeitet. Du hast mir Geschichten erzählt und ich habe Dinge erfahren, die mir bisher fremd waren. Aber du hast nie vom Sinn des Lebens zu mir gesprochen. Morgen werde ich aufbrechen, um weiter zu suchen."
Die Alte seufzte und wischte sich die Hände an der fleckigen Schürze ab. "Ein ganzes Jahr warst du nun hier und hast nicht begriffen, was der Sinn des Lebens ist?" Der junge Mann starrte ein wenig verlegen in den Himmel, an dem die ersten Sterne das Tageslicht besiegt hatten: "Nein", flüsterte er. "Schau nicht in den Himmel, mein Sohn!" Die Alte stupste ihn mit dem Ellebogen. "Dort hinaus mußt du sehen!" Sie deutete mit beiden Armen in einer weitausholenden Bewegung über das Land. "Na,was siehst du da?" "Die Steppe! Sonst eigentlich nichts." Der junge Mann wurde trotzig. Was sollte das? Seit einem Jahr sah er diese Steppe. "Sonst nichts, sagst du?" Die Alte lächelte, und um ihren Mund legte sich eine kleine Spottfalte. "Sonst nichts? Die Steppe hat Dir jeden Tag den Sinn des Lebens gezeigt! Ist sie nicht grenzenlos, unendlich fast? Sie ist weit. Sie atmet Freiheit mit jedem Windhauch - das ist der Sinn des Lebens! Wie die Steppe muß das Leben sein, sonst hast du es verfehlt!" Daraufhin nahm die Alte wieder eine Kartoffel aus dem Korb, schälte sie und sprach kein Wort mehr.
Am nächsten Morgen verabschiedete sie sich jedoch herzlich von dem jungen Mann, gab ihm Brot, Käse und eine Wasserflasche mit. Als er sich schon abwenden wollte, hielt sie ihn zurück: "Nimm den Falken mit", sagte sie. "Er hat sich an dich gewöhnt und außerdem soll er dich immer an das erinnern, was ich dir gestern gesagt habe. Der Falke ist ein Kind der Steppe."
Gerne nahm der Mann den Falken mit. Meist flog dieser hoch über ihm, kreiste manchmal bis zum fernen Horizont, kam aber immer zurück auf die ausgestreckte Hand des jungen Wanderers. Nach vielen Tagen hatte er die Steppe hinter sich gelassen und stand am Fuße eines hoch aufragenden Gebirges. Die wilden Schluchten und schroffen Felsen schreckte ihn. Trotzdem ließ er sich in seinem Weg nicht beirren. Er wagte sich in die geheimnisvolle Stille einer engen Schlucht, die den Himmel über ihm auszulöschen schien. Nur das Echo seiner eigenen Schritte und das gelegentliche Krächzen des Falken, der ein wenig ängstlich auf seiner Schulter saß, begleiteten ihn auf dem engen felsigen, verwirrend verschlungenen Pfad. Als es Abend wurde, entdeckte er unter einem mächtigen Felsvorsprung ein kleines, schiefergedecktes Haus. Der Wind wirbelte durch den dünnen, weißen Rauch, kaum daß er aus dem kleinen Schornstein kam......
°kleines°
Der junge Mann klopfte an die schwere Holztür, und nach einiger Zeit öffnete sich diese knarrend und ächzend, gerade so, als hätte sie sich schon lange nicht mehr bewegt. Ein weißhaariger Alter schaute ihn verwundert an. "Ein fremder Wanderer? Hier?" Er schien sich zu wundern, aber gleichzeitig lachte Freude aus seinen Gesichtsfalten. "Es ist lange her, seit jemand an diese Tür geklopft hat. Komm herein, sei willkommen und ruh dich aus."
Nachdem sich der Junge am Ofen aufgewärmt hatte, erklärte er, warum er unterwegs ist. "Wenn du bei mir bleibst", sagte der Alte und rieb sich dabei die Hände über dem Ofen,"werde ich dich lehren, den Sinn des Lebens zu finden."
Der junge Mann zögerte nicht einen Atemzug. Dankbar nahm er die Einladung des Alten an. Er versorgte dessen Schafe, lernte Butter stampfen, sammelte Holz für die harten Wintermonate, und an stillen Abenden erzählte ihm der Alte Geschichten.
Es war einer dieser Abende. Sie hatten gegessen, die Schafe blökten leise im Stall hinter dem Haus, und der Hund des Alten zuckte im Schlaf mit den Pfoten. schließlich stellte der junge Mann die Frage, auf deren Antwort er schon seit drei Jahren wartete: "Als ich hier ankam", begann er ein wenig unsicher, " wolltest du mich den Sinn des Lebens lehren. Nun war ich drei Jahre lang bei dir und habe viel erlebt und gelernt - den Sinn des Lebens hast du mir jedoch nie gelehrt!"
"Hab ich das nicht?" Der Greis fuhr sich mit einer Hand durch das schüttere, weiße Haar." Oder hast du einfach deine Augen nicht aufgemacht? Der Sinn des Lebens wird doch täglich gezeigt! Die Steine, die Felsen, die Grate, die Schluchten, das ganze Gebirge hier zeigt dir doch jeden Tag den Sinn des Lebens." "Das verstehe ich nun aber wirklich nicht." Der junge Mann schüttelte den Kopf und war ziemlich enttäuscht.
"Nicht?" Der Mann schloß müde die Augen. Dann flüsterte er: "Der Sinn des Lebens ähnelt diesem Gebirge hier. Deshalb habe ich auch meine Hütte hier gebaut. Schau das Gebirge ist fest und hart. Alles hat seinen Platz, ist unveränderlich und beständig. So muß das Leben sein. Erst wenn du beständig wirst und fest, hast du den Sinn des Lebens gefunden!" Verwirrt erzählte der junge Mann dem Alten, was ihm die Frau in der Steppe über das Leben gesagt hatte. "Papperlapapp!" fuhr der Alte ihn ärgerlich an, und seine Augen sprühten plötzlich wütende Funken.
"Das Leben hat nur einen Sinn, wenn es etwas Festes, Beständiges, Bleibendes hat. was sollen Grenzenlosigkeit und Unendlichkeit? Das Leben würde sich ja darin verlieren! Vergiß schnell die Flausen, die dir diese Alte in den Kopf gesetzt hat!" Er wühlte eifrig in einer großen Kiste und fand darin einen schweren, schwarzweiß gefleckten Stein. "Hier, ich gebe dir diesen Stein mit auf den Weg. Er soll dich immer an das erinnern, was ich dir über das Leben sagte." Der junge Mann nahm den Stein. Er wog schwer in seiner Hand.
Am nächsten Morgen, noch ehe die Sonne ihre ersten tastenden Fühler über die Kämme des Gebirges streckte, zog er weiter. Der Falke schwebte wie schwerelos im morgentlichen Himmel, wo ein frischer Wind einige Wolken vor sich herjagte. Der Stein des Alten ließ den Wanderer beim Aufstieg schwitzen. Aber er wollte ihn nicht wegwerfen - zu sehr liebte er die Erinnerung an den alten Mann. Höher und höher kletterte er, bis er schließlich den Paß erreichte. Danach führte ihn ein schmaler Pfad langsam wieder bergab. Ein paar Tage später war das Gebirge nur noch ein leichter Schatten am Horizont, und der nächste Morgen hüllte es in einen leichten Nebelschleier.
Der junge Mann wanderte viele Wochen. Schließlich erreichte er einen großen Wald. Nicht einmal einen Fußpfad konnte er in dem dichten Gewirr von ungestürzten Bäumen, Schlingpflanzen, Blüten und Blättern ausmachen. Mit aller Kraft bahnte er sich trotzdem einen Weg. Es roch nach Zerfall. Obwohl die Sonne kaum den feuchten Boden erreichte, keimte und sproß es überall.
Am Abend kam er müde und erschöpft an eine Lichtung. Vor einer Hütte saß eine Frau und sang ein Lied in die wispernden Bäume. Als sie den Mann sah, lächelte sie, ließ sich aber nicht unterbrechen. Er wartete schweigend, bis die Frau ihn heranwinkte: "Ich freue mich, dass du gekommen bist", lächelte sie.
"Hast du mich denn erwartet?" Der junge Mann trat erstaunt einen Schritt zurück. "Aber ich wußte doch selbst nicht, dass ich hierher kommen würde!" "Aber ich", sagte die Frau, und ihr Lachen war so herzlich und offen, dass der junge Mann mitlachen mußte. "Du suchst den Sinn des Lebens, nicht wahr? Deshalb bist du unterwegs." "Woher weißt du das?" "Ich wußte es schon immer." Die Frau sprach sehr bestimmt. "Wenn du den Sinn des Lebens erfahren willst, bleibe hier."
Der junge Mann blieb bei der Frau in dem wild wuchernden Urwald. Sie bereitete ihm ein warmes, weiches Lager, und er half ihr die Felder zu bestellen und bei der Jagd. Nach fünf Jahren sagte sie eines Tages zu ihm: "Morgen wirst du weiterziehen. Es ist Zeit!" Der Mann war damit überhaupt nicht einverstanden. weshalb sollte er weitergehen? Ihm gefiel es hier. Er hatte alles was er brauchte. Er wollte nicht weg. "Hast du vergessen, weshalb du unterwegs bist? Du hast mich nie mehr nach dem Sinn des Lebens gefragt. Hast du ihn inzwischen gefunden?" Der Mann schüttelte den Kopf und war auf einmal sehr bedrückt.
"Schau dir diesen dichten Wald an. Er ist, wie ich mir das Leben wünsche. Hier gibt es ein ständiges Werden und Vergehen. Pflanzen und Bäume sterben und tausendfach werden andere neu geboren. Der Wald ist Kraft und ständige Erneuerung. So soll mein Leben sein, und deshalb lebe ich hier. Aber ich spüre auch, dass du nach etwas anderem suchst. Deshalb mußt du weiterziehen." Sie reichte dem Mann ein kleines Lederbeutelchen: "Hier, nimm diese Samenkörner mit. Wenn du gefunden hast was du suchst, säe sie aus. Sie werden aufgehen und dich ein wenig an diese Zeit deines Lebens erinnern."
Obwohl er gerne bei der Frau geblieben wäre, packte der Mann am nächsten Morgen seine wenigen Habseligkeiten zusammen und machte sich wieder auf den Weg. Lange irrte er durch den Wald, der immer dichter und wilder wurde. Oftmals sah er nur von einem mächtigen Baum zum anderen, seine Beine versanken im morastigen Boden, und seine Arme kämpften mit den herabhängenden Schlingpflanzen. Abends, wenn er zerschunden und müde seine Decke ausrollte, um sich schlafen zu legen, zerzauste oft ein kühler Westwind die Wipfel der Baumriesen. Dieser trug etwas mit sich, einen feinen Geruch, den der Mann noch nicht kannte, der ihn aber neugierig machte. Also folgte er dem abendlichen Wind, und eines Tages wob vor ihm ein blaues Meer ein weiches Tuch aus Wellen. Der Mann wußte jetzt, was ihn hergeführt hatte.
Den ganzen Tag wanderte der Mann am warmen Strand, und die Wellen umschäumten seine Füße. Als die Sonne den Horizont berührte, entdeckte er eine kleine Hütte am Rande der Dünen. Unten am Meer entwirrte ein Fischer sein Netz und begrüßte den Mann: "Hier halte mal das Netz. Die Fäden sind ziemlich durcheinander." Der Wanderer gehorchte, während der Fischer sich mit den verworrenen Fäden beschäftigte. Höflich fragte er den Fischer, ob er heute Nacht in seiner Hütte schlafen könne. "Natürlich" erwiderte der Fischer." Das Bett ist schon bereitet, und auf dem Herd steht eine Suppe.".............
Nachdem sich der Junge am Ofen aufgewärmt hatte, erklärte er, warum er unterwegs ist. "Wenn du bei mir bleibst", sagte der Alte und rieb sich dabei die Hände über dem Ofen,"werde ich dich lehren, den Sinn des Lebens zu finden."
Der junge Mann zögerte nicht einen Atemzug. Dankbar nahm er die Einladung des Alten an. Er versorgte dessen Schafe, lernte Butter stampfen, sammelte Holz für die harten Wintermonate, und an stillen Abenden erzählte ihm der Alte Geschichten.
Es war einer dieser Abende. Sie hatten gegessen, die Schafe blökten leise im Stall hinter dem Haus, und der Hund des Alten zuckte im Schlaf mit den Pfoten. schließlich stellte der junge Mann die Frage, auf deren Antwort er schon seit drei Jahren wartete: "Als ich hier ankam", begann er ein wenig unsicher, " wolltest du mich den Sinn des Lebens lehren. Nun war ich drei Jahre lang bei dir und habe viel erlebt und gelernt - den Sinn des Lebens hast du mir jedoch nie gelehrt!"
"Hab ich das nicht?" Der Greis fuhr sich mit einer Hand durch das schüttere, weiße Haar." Oder hast du einfach deine Augen nicht aufgemacht? Der Sinn des Lebens wird doch täglich gezeigt! Die Steine, die Felsen, die Grate, die Schluchten, das ganze Gebirge hier zeigt dir doch jeden Tag den Sinn des Lebens." "Das verstehe ich nun aber wirklich nicht." Der junge Mann schüttelte den Kopf und war ziemlich enttäuscht.
"Nicht?" Der Mann schloß müde die Augen. Dann flüsterte er: "Der Sinn des Lebens ähnelt diesem Gebirge hier. Deshalb habe ich auch meine Hütte hier gebaut. Schau das Gebirge ist fest und hart. Alles hat seinen Platz, ist unveränderlich und beständig. So muß das Leben sein. Erst wenn du beständig wirst und fest, hast du den Sinn des Lebens gefunden!" Verwirrt erzählte der junge Mann dem Alten, was ihm die Frau in der Steppe über das Leben gesagt hatte. "Papperlapapp!" fuhr der Alte ihn ärgerlich an, und seine Augen sprühten plötzlich wütende Funken.
"Das Leben hat nur einen Sinn, wenn es etwas Festes, Beständiges, Bleibendes hat. was sollen Grenzenlosigkeit und Unendlichkeit? Das Leben würde sich ja darin verlieren! Vergiß schnell die Flausen, die dir diese Alte in den Kopf gesetzt hat!" Er wühlte eifrig in einer großen Kiste und fand darin einen schweren, schwarzweiß gefleckten Stein. "Hier, ich gebe dir diesen Stein mit auf den Weg. Er soll dich immer an das erinnern, was ich dir über das Leben sagte." Der junge Mann nahm den Stein. Er wog schwer in seiner Hand.
Am nächsten Morgen, noch ehe die Sonne ihre ersten tastenden Fühler über die Kämme des Gebirges streckte, zog er weiter. Der Falke schwebte wie schwerelos im morgentlichen Himmel, wo ein frischer Wind einige Wolken vor sich herjagte. Der Stein des Alten ließ den Wanderer beim Aufstieg schwitzen. Aber er wollte ihn nicht wegwerfen - zu sehr liebte er die Erinnerung an den alten Mann. Höher und höher kletterte er, bis er schließlich den Paß erreichte. Danach führte ihn ein schmaler Pfad langsam wieder bergab. Ein paar Tage später war das Gebirge nur noch ein leichter Schatten am Horizont, und der nächste Morgen hüllte es in einen leichten Nebelschleier.
Der junge Mann wanderte viele Wochen. Schließlich erreichte er einen großen Wald. Nicht einmal einen Fußpfad konnte er in dem dichten Gewirr von ungestürzten Bäumen, Schlingpflanzen, Blüten und Blättern ausmachen. Mit aller Kraft bahnte er sich trotzdem einen Weg. Es roch nach Zerfall. Obwohl die Sonne kaum den feuchten Boden erreichte, keimte und sproß es überall.
Am Abend kam er müde und erschöpft an eine Lichtung. Vor einer Hütte saß eine Frau und sang ein Lied in die wispernden Bäume. Als sie den Mann sah, lächelte sie, ließ sich aber nicht unterbrechen. Er wartete schweigend, bis die Frau ihn heranwinkte: "Ich freue mich, dass du gekommen bist", lächelte sie.
"Hast du mich denn erwartet?" Der junge Mann trat erstaunt einen Schritt zurück. "Aber ich wußte doch selbst nicht, dass ich hierher kommen würde!" "Aber ich", sagte die Frau, und ihr Lachen war so herzlich und offen, dass der junge Mann mitlachen mußte. "Du suchst den Sinn des Lebens, nicht wahr? Deshalb bist du unterwegs." "Woher weißt du das?" "Ich wußte es schon immer." Die Frau sprach sehr bestimmt. "Wenn du den Sinn des Lebens erfahren willst, bleibe hier."
Der junge Mann blieb bei der Frau in dem wild wuchernden Urwald. Sie bereitete ihm ein warmes, weiches Lager, und er half ihr die Felder zu bestellen und bei der Jagd. Nach fünf Jahren sagte sie eines Tages zu ihm: "Morgen wirst du weiterziehen. Es ist Zeit!" Der Mann war damit überhaupt nicht einverstanden. weshalb sollte er weitergehen? Ihm gefiel es hier. Er hatte alles was er brauchte. Er wollte nicht weg. "Hast du vergessen, weshalb du unterwegs bist? Du hast mich nie mehr nach dem Sinn des Lebens gefragt. Hast du ihn inzwischen gefunden?" Der Mann schüttelte den Kopf und war auf einmal sehr bedrückt.
"Schau dir diesen dichten Wald an. Er ist, wie ich mir das Leben wünsche. Hier gibt es ein ständiges Werden und Vergehen. Pflanzen und Bäume sterben und tausendfach werden andere neu geboren. Der Wald ist Kraft und ständige Erneuerung. So soll mein Leben sein, und deshalb lebe ich hier. Aber ich spüre auch, dass du nach etwas anderem suchst. Deshalb mußt du weiterziehen." Sie reichte dem Mann ein kleines Lederbeutelchen: "Hier, nimm diese Samenkörner mit. Wenn du gefunden hast was du suchst, säe sie aus. Sie werden aufgehen und dich ein wenig an diese Zeit deines Lebens erinnern."
Obwohl er gerne bei der Frau geblieben wäre, packte der Mann am nächsten Morgen seine wenigen Habseligkeiten zusammen und machte sich wieder auf den Weg. Lange irrte er durch den Wald, der immer dichter und wilder wurde. Oftmals sah er nur von einem mächtigen Baum zum anderen, seine Beine versanken im morastigen Boden, und seine Arme kämpften mit den herabhängenden Schlingpflanzen. Abends, wenn er zerschunden und müde seine Decke ausrollte, um sich schlafen zu legen, zerzauste oft ein kühler Westwind die Wipfel der Baumriesen. Dieser trug etwas mit sich, einen feinen Geruch, den der Mann noch nicht kannte, der ihn aber neugierig machte. Also folgte er dem abendlichen Wind, und eines Tages wob vor ihm ein blaues Meer ein weiches Tuch aus Wellen. Der Mann wußte jetzt, was ihn hergeführt hatte.
Den ganzen Tag wanderte der Mann am warmen Strand, und die Wellen umschäumten seine Füße. Als die Sonne den Horizont berührte, entdeckte er eine kleine Hütte am Rande der Dünen. Unten am Meer entwirrte ein Fischer sein Netz und begrüßte den Mann: "Hier halte mal das Netz. Die Fäden sind ziemlich durcheinander." Der Wanderer gehorchte, während der Fischer sich mit den verworrenen Fäden beschäftigte. Höflich fragte er den Fischer, ob er heute Nacht in seiner Hütte schlafen könne. "Natürlich" erwiderte der Fischer." Das Bett ist schon bereitet, und auf dem Herd steht eine Suppe.".............
°kleines°
"Hast du mich denn erwartet?" Der Wanderer blickte ihn mit großen, hellen Augen an. "Alle kommen zu mir - früher oder später", murmelte der Fischer und blickte hinaus auf das Meer. Der Mann blieb sieben Jahre in der Hütte am Rande der Dünen. Er lernte Netze auswerfen und einholen, half dem Fischer sie zu entwirren und zu flicken. Er begriff, dass er auch vom Meer etwas über den Sinn des Lebens erfahren konnte, obwohl der Fischer nie darüber sprach.
Am Abend bevor er wieder aufbrechen wollte, sagte er zum Fischer: "Ich habe hier viel gelernt. Du hast nie darüber gesprochen, aber für dich ist das Meer wie das Leben. es ist mächtig und immer in Bewegung. Jede Welle ist anders. Manchmal brüllt es wild im Sturm und dann streichelt es wieder zärtlich den Strand. Es gibt alles was man braucht, aber es läßt sich zu nichts zwingen." Der Fischer legte das Netz zur Seite und sah dem Mann in die Augen: "So ist es", meinte er dann, "ich kann dich nichts mehr lehren. Schön, dass du es selbst erfahren hast. Wenn du morgen weiter ziehst, nimm diese Muschel mit. Wenn du sie an dein Ohr hälst, wirst du immer das Rauschen des Meeres hören."
Am nächsten Morgen brach der Mann früh auf. Der Falke tobte wild in der Luft, der Stein aus dem Gebirge wog immer noch schwer im Gepäck, die Samenkörner waren gut verpackt, und auch die Muschel hatte er nicht vergessen. es war eine lange Wanderung. Er vermied das hektische Lärmen der Städte und den geschwätzigen Plausch der Dörfer. Sein Weg führte ihn in immer einsamere und stillere Gegenden. Schließlich erreichte er eine große, steinige Wüste. Es gab keine Wege mehr. Der Mann schloß die Augen. Er hörte nichts. Kein Windhauch fächerte die heiße Luft. Selbst der Falke schwieg und rührte sich nicht von seiner Schulter.
Den ganzen Tag wanderte er durch die Wüste. das grelle Licht der Sonne blendete ihn, der heiße Sand brannte an seinen Fußsohlen. Aber was kümmerte es ihn? Er hatte die Augen fast geschlossen - außer dem Atem und dem gleichmäßigen Pochen seines Herzens gab es keine Geräusche. Am Abend, sein Schatten wanderte ihm schon lange Zeit voraus, hörte er eine Stimme. Er blickte sich um und bemerkte eine winzige Hütte. Im Schatten des weitausladenden Daches saß eine Gestalt. Langsam ging der Wanderer auf die Hütte zu. Die Gestalt war still, und der Mann wußte plötzlich, dass er hier die Antwort auf seine Frage finden würde. Inzwischen war die Nacht wie ein kühler Schatten über die Wüste gefallen.
Als der Mann die Hütte erreichte, war es bereits so dunkel, dass er die Gestalt nur noch schemenhaft erkennen konnte. "Sei mir gegrüßt, fremder Wanderer. Ich teile Brot, Salz und Wasser mit dir." Die Stimme der dunklen Gestalt war wie das Wispern des Abendwindes in der Steppe. "Hier enden alle Wege", hörte er die Gestalt wieder. Jetzt klang die Stimme wie das Atmen des morgentlichen Windes, wenn die Sonne in den Tautropfen glitzert. "Und hier beginnen auch alle Wege wieder". War es wirklich die dunkle Gestalt, die zu ihm sprach? Oder hörte er die Melodie eines kleinen klaren Bergbaches? Immer noch versuchte der Wanderer das Gesicht der Gestalt zu erkennen, aber die Schatten unter dem Dach waren zu dunkel. Nur manchmal konnte er im Widerschein des Mondes zwei helle Augen blitzen sehen.
"Ich habe eine Frage", begann der Wanderer. Aber die Gestalt unterbrach ihn: "Die Frage hat dich", und die Stimme war fröhlich wie das Spiel kleiner Wellen, die sich an Uferfelsen brechen. "Deswegen bist du doch schon so lange unterwegs." "Was ist der Sinn des Lebens?" Der Mann stand regungslos in der Stille der nächtlichen Wüste und wagte kaum zu atmen.
"Du warst in der Steppe und im Gebirge. Du hast im Urwald gelebt und am Meer. Jahrelang hast du dir dein Gehirn zermartert - und weißt es immer noch nicht?" Der Wanderer sah hinaus in die Wüste, wo der Mond sanfte Schatten in den Sand zeichnete. Er lauschte in die Stille und erwiederte schließlich: "Nein, ich weiß es immer noch nicht. Überall wurde mir ein anderer Sinn gelehrt. Immer hörte es sich richtig und gut an, und doch schien auch immer etwas zu fehlen." Die dunkele Gestalt nickte leicht. "Dein Weg mag hier enden - oder nicht", hörte der Wanderer die Stimme, oder war es das Geräusch der Sandkörner, die sich an den Steinen der Wüste rieben?
"Was ist nun der Sinn des Lebens?" rief der Wanderer verzweifelt. "Ich finde einfach keine Antwort!" Die Gestalt hob einen Arm. Der Falke wurde unruhig auf der Schulter des Wanderers und erhob sich schließlich mit einem kurzen Flügelschlag, um auf dem Arm der Gestalt zu landen. "Gib mir den Stein, die Samenkörner und die Muschel", befahl sie. Der Wanderer legte das Gewünschte auf den Tisch. "Der Sinn des Lebens, fremder Wanderer, ist die Steppe, das Gebirge, der Urwald, das Meer und die Wüste - und doch keines von allem." Die Stimme war jetzt sanft wie der Tanz schillernde Farben eines Regenbogens.
"Der Sinn des Lebens, Wanderer, ist das Leben!" dann erhob sich die dunkle Gestalt, steckte Stein, Samenkörner und Muschel unter den weißen Umhang und ging langsam und gebückt, den Falken auf der Schulter, in die kleine Hütte. Der Mann saß die ganze Nacht vor der Tür in der Wüste. Der Mond und die Sterne zogen über ihm ihre Bahn - und zum ersten Mal in seinem Leben dachte er an nichts. Er hörte das ruhige Schlagen seines Herzens und sein Atem wurde tief. Als ich der Morgen mit frischer, kühler Feuchtigkeit auf seine Haut legte, erhob er sich, um seinen Weg zu suchen. Er brauchte jetzt nicht mehr nachzudenken und zu grübeln. Vielleicht würde ihm dies manchmal helfen auf dem weiten Weg, der vor ihm lag - doch finden würde diesen Weg allein sein Herz.
Roland Kübler aus "Wieviele Farben hat die Sehnsucht")
Am Abend bevor er wieder aufbrechen wollte, sagte er zum Fischer: "Ich habe hier viel gelernt. Du hast nie darüber gesprochen, aber für dich ist das Meer wie das Leben. es ist mächtig und immer in Bewegung. Jede Welle ist anders. Manchmal brüllt es wild im Sturm und dann streichelt es wieder zärtlich den Strand. Es gibt alles was man braucht, aber es läßt sich zu nichts zwingen." Der Fischer legte das Netz zur Seite und sah dem Mann in die Augen: "So ist es", meinte er dann, "ich kann dich nichts mehr lehren. Schön, dass du es selbst erfahren hast. Wenn du morgen weiter ziehst, nimm diese Muschel mit. Wenn du sie an dein Ohr hälst, wirst du immer das Rauschen des Meeres hören."
Am nächsten Morgen brach der Mann früh auf. Der Falke tobte wild in der Luft, der Stein aus dem Gebirge wog immer noch schwer im Gepäck, die Samenkörner waren gut verpackt, und auch die Muschel hatte er nicht vergessen. es war eine lange Wanderung. Er vermied das hektische Lärmen der Städte und den geschwätzigen Plausch der Dörfer. Sein Weg führte ihn in immer einsamere und stillere Gegenden. Schließlich erreichte er eine große, steinige Wüste. Es gab keine Wege mehr. Der Mann schloß die Augen. Er hörte nichts. Kein Windhauch fächerte die heiße Luft. Selbst der Falke schwieg und rührte sich nicht von seiner Schulter.
Den ganzen Tag wanderte er durch die Wüste. das grelle Licht der Sonne blendete ihn, der heiße Sand brannte an seinen Fußsohlen. Aber was kümmerte es ihn? Er hatte die Augen fast geschlossen - außer dem Atem und dem gleichmäßigen Pochen seines Herzens gab es keine Geräusche. Am Abend, sein Schatten wanderte ihm schon lange Zeit voraus, hörte er eine Stimme. Er blickte sich um und bemerkte eine winzige Hütte. Im Schatten des weitausladenden Daches saß eine Gestalt. Langsam ging der Wanderer auf die Hütte zu. Die Gestalt war still, und der Mann wußte plötzlich, dass er hier die Antwort auf seine Frage finden würde. Inzwischen war die Nacht wie ein kühler Schatten über die Wüste gefallen.
Als der Mann die Hütte erreichte, war es bereits so dunkel, dass er die Gestalt nur noch schemenhaft erkennen konnte. "Sei mir gegrüßt, fremder Wanderer. Ich teile Brot, Salz und Wasser mit dir." Die Stimme der dunklen Gestalt war wie das Wispern des Abendwindes in der Steppe. "Hier enden alle Wege", hörte er die Gestalt wieder. Jetzt klang die Stimme wie das Atmen des morgentlichen Windes, wenn die Sonne in den Tautropfen glitzert. "Und hier beginnen auch alle Wege wieder". War es wirklich die dunkle Gestalt, die zu ihm sprach? Oder hörte er die Melodie eines kleinen klaren Bergbaches? Immer noch versuchte der Wanderer das Gesicht der Gestalt zu erkennen, aber die Schatten unter dem Dach waren zu dunkel. Nur manchmal konnte er im Widerschein des Mondes zwei helle Augen blitzen sehen.
"Ich habe eine Frage", begann der Wanderer. Aber die Gestalt unterbrach ihn: "Die Frage hat dich", und die Stimme war fröhlich wie das Spiel kleiner Wellen, die sich an Uferfelsen brechen. "Deswegen bist du doch schon so lange unterwegs." "Was ist der Sinn des Lebens?" Der Mann stand regungslos in der Stille der nächtlichen Wüste und wagte kaum zu atmen.
"Du warst in der Steppe und im Gebirge. Du hast im Urwald gelebt und am Meer. Jahrelang hast du dir dein Gehirn zermartert - und weißt es immer noch nicht?" Der Wanderer sah hinaus in die Wüste, wo der Mond sanfte Schatten in den Sand zeichnete. Er lauschte in die Stille und erwiederte schließlich: "Nein, ich weiß es immer noch nicht. Überall wurde mir ein anderer Sinn gelehrt. Immer hörte es sich richtig und gut an, und doch schien auch immer etwas zu fehlen." Die dunkele Gestalt nickte leicht. "Dein Weg mag hier enden - oder nicht", hörte der Wanderer die Stimme, oder war es das Geräusch der Sandkörner, die sich an den Steinen der Wüste rieben?
"Was ist nun der Sinn des Lebens?" rief der Wanderer verzweifelt. "Ich finde einfach keine Antwort!" Die Gestalt hob einen Arm. Der Falke wurde unruhig auf der Schulter des Wanderers und erhob sich schließlich mit einem kurzen Flügelschlag, um auf dem Arm der Gestalt zu landen. "Gib mir den Stein, die Samenkörner und die Muschel", befahl sie. Der Wanderer legte das Gewünschte auf den Tisch. "Der Sinn des Lebens, fremder Wanderer, ist die Steppe, das Gebirge, der Urwald, das Meer und die Wüste - und doch keines von allem." Die Stimme war jetzt sanft wie der Tanz schillernde Farben eines Regenbogens.
"Der Sinn des Lebens, Wanderer, ist das Leben!" dann erhob sich die dunkle Gestalt, steckte Stein, Samenkörner und Muschel unter den weißen Umhang und ging langsam und gebückt, den Falken auf der Schulter, in die kleine Hütte. Der Mann saß die ganze Nacht vor der Tür in der Wüste. Der Mond und die Sterne zogen über ihm ihre Bahn - und zum ersten Mal in seinem Leben dachte er an nichts. Er hörte das ruhige Schlagen seines Herzens und sein Atem wurde tief. Als ich der Morgen mit frischer, kühler Feuchtigkeit auf seine Haut legte, erhob er sich, um seinen Weg zu suchen. Er brauchte jetzt nicht mehr nachzudenken und zu grübeln. Vielleicht würde ihm dies manchmal helfen auf dem weiten Weg, der vor ihm lag - doch finden würde diesen Weg allein sein Herz.
Roland Kübler aus "Wieviele Farben hat die Sehnsucht")
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Wie der kleine Weihnachtsengel glücklich wurde
von Fabian Lith
Als der kleine Weihnachtsengel erwachte, befand er sich in dem festlich geschmückten
Zimmer. Er hing an einem Zweig des Christbaumes ganz in der Nähe einer dicken roten
Glaskugel, und wenn er in die Höhe schaute, bis zur Spitze des Baumes, so gewahrte er dort den Weihnachtsstern. Dem kleinen Weihnachtsengel wurde ganz feierlich zumute. Er erlebte dieses alles ja zum ersten Male in seinem Leben; denn er war erst gestern gekauft worden.
"He! Wer sind Sie denn?" plärrte da eine Stimme durch den Raum.
Der Weihnachtsengel erschrak. "Ist jemand da?" fragte er.
"Das will ich meinen", lautete die Antwort. "Schauen Sie einmal nach unten".
Der kleine Weihnachtsengel folgte dieser Aufforderung und erblickte zu Füßen des
Christbaumes einen großen, buntgekleideten Herrn mit einem entsetzlich breiten Mund.
"Ich bin ein Weihnachtsengel", stellte sich der Weihnachtsengel vor. "Und wer sind Sie?"
Der buntgekleidete Herr war empört über diese Frage. Er vertrat nämlich die Ansicht, jeder auf der Welt müsse ihn kennen. "Na, hören Sie mal!" sagte er. "Kennen Sie etwa mich, den Nußknacker, nicht? Ich bin eine der berühmtesten Persönlichkeiten aller Zeiten." Und bei diesen Worten klapperte er abscheulich mit seinem breiten Mund.
"Entschuldigen Sie vielmals", sagte der Weihnachtsengel. "Ich habe Sie wirklich noch nie in meinem Leben gesehen."
"Ich dachte es mir", erwiderte der Nußknacker. "Sie sehen auch ziemlich dumm aus, und arm scheinen Sie obendrein zu sein."
Er wandte sich an einen Herrn, der neben ihm stand.
"Was meinen Sie dazu, Herr Räuchermännchen?"
Das Räuchermännchen sah aus wie ein Nachtwächter. Es trug einen breitkrempigen Hut, einen langen Mantel, ein Nachtwächterhorn, und es paffte aus einer langen Großvaterpfeife.
"Mich geht das nichts an!" brummelte das Räuchermännchen und stieß eine dicke
Rauchwolke von sich. "Aber wenn Sie mich fragen, so meine ich, ein wenig Farbe könnte nicht schaden."
Der Nußknacker lachte laut auf. "Ja, sehen Sie mich an, meine prächtige Uniform!" rief er. "Ein roter Rock mit goldenen Tressen, eine blaue Hose und ein herrlich langer Säbel. Auf meiner Brust erblicken Sie silberne und goldene Orden, und meine Mütze ist aus edlem Pelzwerk."
Da mußte der kleine Weihnachtsengel dem Nußknacker recht geben. Er war wirklich ein schmucker Herr, der sich sehen lassen konnte. Der kleine Weihnachtsengel hingegen trug nur ein schlichtes Hemdkleid, das ihm bis zu den Füßen reichte. Auf dem Rücken hatte er zwei Flügel, und das einzig Farbige an ihm waren seine rosa Bäckchen. Und das war nun wahrhaftig nicht viel.
Der kleine Weihnachtsengel schämte sich, daß er so einfach gekleidet war, viel einfacher noch als das Räuchermännchen, das immerhin zum roten Mantel einen grünen Hut trug, das ein goldenes Horn besaß und eine braune Pfeife zum Räuchern.
"Es ist wirklich traurig, wenn man so aussieht wie Sie", meckerte der Nußknacker, klapperte mit seinem breiten Mund, wackelte mit dem Kopf und fragte: "Sind Sie wenigstens zu etwas nütze?"
Der Weihnachtsengel wußte nicht, was das ist, zu etwas nütze sein. Er mußte es sich von dem Nußknakcer erklären lassen.
Zu etwas nütze sein, so erläuterte ihm der Nußknacker, das sei, wenn man eine gewichtige Aufgabe zu erfüllen habe, wie er zum Beispiel. "Ich knacke nämlich Nüsse", sagte der Nußknacker und plusterte sich dabei gewaltig auf; denn er war der Meinung, Nüsse knacken sei überhaupt die wichtigste Beschäftigung der Welt. "Knacken Sie vielleicht auch Nüsse?" fragte er den Weihnachtsengel.
"Nein", antwortete der Weihnachtsengel leise, "ich knacke keine Nüsse."
"Das war mir von Anfang an klar!" rief der Nußknacker. "Sie haben auch einen viel zu kleinen Mund." Er blickte triumphierend in die Runde, als suche er Beifall für seine Worte. Aber nur das Räuchermännchen nickte mit dem Kopf und meinte, so einfach sei es eben nicht, zu etwas nütze zu sein. Und das Räuchermännchen fragte den Weihnachtsengel, ob er denn vielleicht räuchern und für einen guten Duft in der Weihnachtsstube sorgen könne.
Der Weihnachtsengel mußte gestehen, daß er auch nicht zu räuchern verstehe.
"Dann können wir leider nicht mit Ihnen verkehren!" rief höchnäsig der Nußknacker. "Wir unterhalten uns nur mit Leuten, die farbenprächtig gekleidet sind, wie es sich gehört, und die zu etwas nütze sind." Das Räuchermännchen nickte zu diesen Worten und stieß dicke Rauchwolken aus, während der Nußknacker mit dem breiten Mund klapperte.
Der Weihnachtsengel aber wurde sehr traurig. Er hatte es nie empfunden, daß er arm und gar zu schlicht gekleidet sei. Er hatte sich recht glücklich gefühlt in seinem langen weißen Kleid.
Es war ihm auch nie bewußt geworden, daß man zu etwas nütze sein müsse. Aber natürlich, der Nußknacker und das Räuchermännchen hatten recht. Was wollte er, der
Weihnachtsengel, in der Weihnachtsstube? Er war nicht schön, wie alles ringsum, und da gab es nichts, wo er sich hätte nützlich machen können.
Eine winzige Träne kullerte dem kleinen Weihnachtsengel über das Gesicht. Er wandte sich hilfesuchend an den Nußknacker und fragte: "Was soll ich tun? Was raten Sie mir?"
Der Nußknacker lachte hämisch und sagte: "Ich an Ihrer Stelle würde rasch zurückkehren in den Pappkarton, der auf dem Speicher steht."
Ehe aber der kleine Weihnachtsengel diesen bösen Rat befolgen konnte, öffnete sich die Tür der Weihnachtsstube. Der Vater trat ein, nahm ein Zündholz und steckte die Kerzen in Brand.
Dann läutete er mit einer kleinen Porzellanglocke, und die Mutter kam mit den Kindern ins Zimmer. Alle sangen gemeinsam ein Weihnachtslied, und jedes der Kinder mußte ein Gedicht aufsagen.
Thomas aber, der Jüngste, blieb mitten in seinem Gedicht stecken. Er hatte den neuen
Weihnachtsengel im Baum entdeckt, und glücklich rief er: "Oh, Mutti, ist der schön!"
Bums - machte es da. Der Nußknacker war vor Ärger umgefallen, und das Räuchermännchen verschluckte sich vor Schreck am Rauch umd mußte husten. Aber niemand kümmerte sich um sie. Alle betrachteten den kleinen Weihnachtsengel.
Dessen Wangen aber röteten sich vor Freude noch mehr. Er wußte nun, daß man nicht
unbedingt bunt sein und mit seinem breiten Mund klappern muß. Auch ein schlichter
Weihnachtsengel ist schön. Thomas hatte es gesagt.
Und nützlich? Na, ist es nichts, wenn einer einen kleinen Buben glücklich macht?
von Fabian Lith
Als der kleine Weihnachtsengel erwachte, befand er sich in dem festlich geschmückten
Zimmer. Er hing an einem Zweig des Christbaumes ganz in der Nähe einer dicken roten
Glaskugel, und wenn er in die Höhe schaute, bis zur Spitze des Baumes, so gewahrte er dort den Weihnachtsstern. Dem kleinen Weihnachtsengel wurde ganz feierlich zumute. Er erlebte dieses alles ja zum ersten Male in seinem Leben; denn er war erst gestern gekauft worden.
"He! Wer sind Sie denn?" plärrte da eine Stimme durch den Raum.
Der Weihnachtsengel erschrak. "Ist jemand da?" fragte er.
"Das will ich meinen", lautete die Antwort. "Schauen Sie einmal nach unten".
Der kleine Weihnachtsengel folgte dieser Aufforderung und erblickte zu Füßen des
Christbaumes einen großen, buntgekleideten Herrn mit einem entsetzlich breiten Mund.
"Ich bin ein Weihnachtsengel", stellte sich der Weihnachtsengel vor. "Und wer sind Sie?"
Der buntgekleidete Herr war empört über diese Frage. Er vertrat nämlich die Ansicht, jeder auf der Welt müsse ihn kennen. "Na, hören Sie mal!" sagte er. "Kennen Sie etwa mich, den Nußknacker, nicht? Ich bin eine der berühmtesten Persönlichkeiten aller Zeiten." Und bei diesen Worten klapperte er abscheulich mit seinem breiten Mund.
"Entschuldigen Sie vielmals", sagte der Weihnachtsengel. "Ich habe Sie wirklich noch nie in meinem Leben gesehen."
"Ich dachte es mir", erwiderte der Nußknacker. "Sie sehen auch ziemlich dumm aus, und arm scheinen Sie obendrein zu sein."
Er wandte sich an einen Herrn, der neben ihm stand.
"Was meinen Sie dazu, Herr Räuchermännchen?"
Das Räuchermännchen sah aus wie ein Nachtwächter. Es trug einen breitkrempigen Hut, einen langen Mantel, ein Nachtwächterhorn, und es paffte aus einer langen Großvaterpfeife.
"Mich geht das nichts an!" brummelte das Räuchermännchen und stieß eine dicke
Rauchwolke von sich. "Aber wenn Sie mich fragen, so meine ich, ein wenig Farbe könnte nicht schaden."
Der Nußknacker lachte laut auf. "Ja, sehen Sie mich an, meine prächtige Uniform!" rief er. "Ein roter Rock mit goldenen Tressen, eine blaue Hose und ein herrlich langer Säbel. Auf meiner Brust erblicken Sie silberne und goldene Orden, und meine Mütze ist aus edlem Pelzwerk."
Da mußte der kleine Weihnachtsengel dem Nußknacker recht geben. Er war wirklich ein schmucker Herr, der sich sehen lassen konnte. Der kleine Weihnachtsengel hingegen trug nur ein schlichtes Hemdkleid, das ihm bis zu den Füßen reichte. Auf dem Rücken hatte er zwei Flügel, und das einzig Farbige an ihm waren seine rosa Bäckchen. Und das war nun wahrhaftig nicht viel.
Der kleine Weihnachtsengel schämte sich, daß er so einfach gekleidet war, viel einfacher noch als das Räuchermännchen, das immerhin zum roten Mantel einen grünen Hut trug, das ein goldenes Horn besaß und eine braune Pfeife zum Räuchern.
"Es ist wirklich traurig, wenn man so aussieht wie Sie", meckerte der Nußknacker, klapperte mit seinem breiten Mund, wackelte mit dem Kopf und fragte: "Sind Sie wenigstens zu etwas nütze?"
Der Weihnachtsengel wußte nicht, was das ist, zu etwas nütze sein. Er mußte es sich von dem Nußknakcer erklären lassen.
Zu etwas nütze sein, so erläuterte ihm der Nußknacker, das sei, wenn man eine gewichtige Aufgabe zu erfüllen habe, wie er zum Beispiel. "Ich knacke nämlich Nüsse", sagte der Nußknacker und plusterte sich dabei gewaltig auf; denn er war der Meinung, Nüsse knacken sei überhaupt die wichtigste Beschäftigung der Welt. "Knacken Sie vielleicht auch Nüsse?" fragte er den Weihnachtsengel.
"Nein", antwortete der Weihnachtsengel leise, "ich knacke keine Nüsse."
"Das war mir von Anfang an klar!" rief der Nußknacker. "Sie haben auch einen viel zu kleinen Mund." Er blickte triumphierend in die Runde, als suche er Beifall für seine Worte. Aber nur das Räuchermännchen nickte mit dem Kopf und meinte, so einfach sei es eben nicht, zu etwas nütze zu sein. Und das Räuchermännchen fragte den Weihnachtsengel, ob er denn vielleicht räuchern und für einen guten Duft in der Weihnachtsstube sorgen könne.
Der Weihnachtsengel mußte gestehen, daß er auch nicht zu räuchern verstehe.
"Dann können wir leider nicht mit Ihnen verkehren!" rief höchnäsig der Nußknacker. "Wir unterhalten uns nur mit Leuten, die farbenprächtig gekleidet sind, wie es sich gehört, und die zu etwas nütze sind." Das Räuchermännchen nickte zu diesen Worten und stieß dicke Rauchwolken aus, während der Nußknacker mit dem breiten Mund klapperte.
Der Weihnachtsengel aber wurde sehr traurig. Er hatte es nie empfunden, daß er arm und gar zu schlicht gekleidet sei. Er hatte sich recht glücklich gefühlt in seinem langen weißen Kleid.
Es war ihm auch nie bewußt geworden, daß man zu etwas nütze sein müsse. Aber natürlich, der Nußknacker und das Räuchermännchen hatten recht. Was wollte er, der
Weihnachtsengel, in der Weihnachtsstube? Er war nicht schön, wie alles ringsum, und da gab es nichts, wo er sich hätte nützlich machen können.
Eine winzige Träne kullerte dem kleinen Weihnachtsengel über das Gesicht. Er wandte sich hilfesuchend an den Nußknacker und fragte: "Was soll ich tun? Was raten Sie mir?"
Der Nußknacker lachte hämisch und sagte: "Ich an Ihrer Stelle würde rasch zurückkehren in den Pappkarton, der auf dem Speicher steht."
Ehe aber der kleine Weihnachtsengel diesen bösen Rat befolgen konnte, öffnete sich die Tür der Weihnachtsstube. Der Vater trat ein, nahm ein Zündholz und steckte die Kerzen in Brand.
Dann läutete er mit einer kleinen Porzellanglocke, und die Mutter kam mit den Kindern ins Zimmer. Alle sangen gemeinsam ein Weihnachtslied, und jedes der Kinder mußte ein Gedicht aufsagen.
Thomas aber, der Jüngste, blieb mitten in seinem Gedicht stecken. Er hatte den neuen
Weihnachtsengel im Baum entdeckt, und glücklich rief er: "Oh, Mutti, ist der schön!"
Bums - machte es da. Der Nußknacker war vor Ärger umgefallen, und das Räuchermännchen verschluckte sich vor Schreck am Rauch umd mußte husten. Aber niemand kümmerte sich um sie. Alle betrachteten den kleinen Weihnachtsengel.
Dessen Wangen aber röteten sich vor Freude noch mehr. Er wußte nun, daß man nicht
unbedingt bunt sein und mit seinem breiten Mund klappern muß. Auch ein schlichter
Weihnachtsengel ist schön. Thomas hatte es gesagt.
Und nützlich? Na, ist es nichts, wenn einer einen kleinen Buben glücklich macht?
°kleines°
Das Engelskind Anna
von Hannelore Kramer, Dezember 1995
Es war wieder einmal Weihnachten auf der Erde.
Der Weihnachtsmann lud alle Geschenke für die Menschenkinder auf seinen
großen Schlitten. Der Schlitten sah sehr prächtig aus und er wurde von 7
Rentieren gezogen.
Neben den Geschenkpaketen saßen 7 Engel, die dem Weihnachtsmann helfen
sollten, die Geschenke zu verteilen. Im Himmel gab es ja ganze Scharen von
Engeln, aber nur 7 Engel wurden für diese Heilige Nacht ausgewählt. In
diesem Jahr war nun also die Wahl auch auf das Engelskind Anna gefallen.
Schon tagelang vorher war sie aufgeregt und sie träumte jede Nacht von der
Fahrt mit dem herrlichen Rentierschlitten. Dann am Heiligen Abend war es
endlich soweit.
Die Rentiere hatten vor lauter Aufregung rote Nasen, und die Engel hatten
ihre goldenen Flügel solange geputzt, daß sie jetzt im Sternenlicht wunderbar
funkelten und blinkten.
Hey, was machte das für einen großen Spaß mit dem Geschenkeschlitten
durch den Himmel zu fliegen!
Der Weihnachtsmann drehte sich zu seinen Engeln um, lächelte Anna
freundlich an und blinzelte dabei mit den Augen, als ob er ihr etwas sagen
wollte.
Im nächsten Moment ging ein Ruck durch den Schlitten: eines der Rentiere
hatte einen Schluckauf bekommen.
Ein Rentier mit Schluckauf? Der Weihnachtsmann fing laut zu lachen an, und
auch die Engel stimmten in das Lachen ein; das klang dann so, als würden
Glocken klingen.
Da aber passierte es: eines der Pakete geriet in's Rutschen und als Anna
danach greifen wollte, fiel auch sie vom Schlitten herunter.
Schnell bewegte sie ihre Flügel, und sie schaffte es auch noch, das Paket
aufzufangen.
Als sie sich dann umschaute war der Schlitten schon weit davongefahren.
Unter sich sah Anna aber schon die Häuser der Menschen.
Und so landete sie erst einmal ganz sanft und leise auf der Erde.
Sie stand ganz verloren zwischen den Menschen. Das Paket in ihren Händen
drückte sie fest an sich, so als könnte sie sich daran festhalten.
Aber warum blieben die Menschen stehen?
Manche schauten sie verwundert an, als könnten sie nicht glauben,
was sie dort sahen.
Wieder andere lachten Anna einfach nur aus!
Warum nur? Anna sah doch genauso aus wie ein Menschenkind.
Bis auf die goldenen Flügel; so etwas hatten die Menschen noch nie gesehen!
Anna schaute verlegen auf den Boden und wünschte sich ganz fest, daß ihre
Flügel unsichtbar wären.
Und mit einem mal gingen die Menschen achtlos an ihr vorbei, denn ihr
Wunsch war in Erfüllung gegangen.
Der Schlitten mit dem Weihnachtsmann würde erst in einem Jahr wieder zur
Erde kommen. Solange mußte Anna erst einmal bei den Menschen leben. Es
fiel ihr nicht leicht, aber es gab sehr nette Menschen, die ihr halfen. Sie lernte
aber auch, daß es Kriege zwischen den Menschen gab; und auch Haß, Neid,
Hunger und Kälte.
Ganz schlimm war es, wenn Anna traurige Menschen sah. Dann wurde auch
sie traurig. Zuhause bei den anderen Engeln gab es so etwas nicht. Alle Engel
waren immer freundlich und nett, und es gab niemals Streit.
Engel kennen deshalb auch keine Tränen, aber weil Anna bei den Menschen
lebte, und sie manchmal sehr traurig war, geschah es eines Tages :
Anna weinte!
Ein junger Mann sah ihre Tränen und er nahm Anna in seine Arme.
Er gab ihr soviel Wärme und Geborgenheit, daß die Tränen bald trockneten,
und nach einer kleinen Weile schenkte Anna ihm ein himmlisches Lächeln
als Dank.
Da wurde auch der junge Mann glücklich und froh.
Sie wurden Mann und Frau, und lebten glücklich miteinander.
Es war aber fast ein Jahr vergangen und die Weihnachtszeit kam wieder
heran.
Der Weihnachtsmann würde mit seinem Schlitten zur Erde kommen und
Anna würde wieder zu den anderen Engeln in den Himmel zurückkehren.
Sie hatte aber ihren Mann sehr lieb gewonnen und wollte ihn nicht verlassen.
So schrieb sie eines Tages wie die anderen Menschenkinder einen Brief
an den Weihnachtsmann.
" Lieber Weihnachtsmann!
Das Leben hier auf der Erde ist nicht immer so schön
wie bei deinen Engeln im Himmel.
Aber ich habe einen lieben Mann und Freunde, die alle traurig wären,
wenn ich von hier fort müßte.
Es gibt auch noch so viele traurige Augen,
in die ich ein Lächeln zaubern möchte,
so viele traurige Herzen, die ich fröhlich machen möchte...
Ich kann hier einfach nicht weggehen, kannst Du das verstehen?
Dein Engelskind Anna
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten:
" Mein lieber Engel Anna!
Seit langer, langer Zeit schon komme ich mit meinem Schlitten zur
Weihnachtszeit zu den Menschen auf die Erde.
Und jedesmal ist ein kleiner Engel vom Schlitten gefallen...
Die Menschen brauchen diese Engel.
Ohne sie wäre das Leben auf der Welt noch ein bißchen kälter,
noch ein bißchen trauriger.
Bleib' bei den Menschen, Anna, sie brauchen Dich!
Wie lange Du noch bleiben kannst, kann auch ich Dir nicht sagen.
Irgendwann wirst auch Du gehen müssen, wie alle anderen Menschen auch.
Aber ich verspreche Dir, daß ich dann einen anderen Engel
zur Erde schicken werde,
damit Dein Mann und Deine Freunde nicht allzu traurig werden.
Und denke immer daran: vielleicht ist ein Mensch, der Dir begegnet,
auch ein Engel.
Ein Engel mit unsichtbaren Flügeln.
Dein Weihnachtsmann
von Hannelore Kramer, Dezember 1995
Es war wieder einmal Weihnachten auf der Erde.
Der Weihnachtsmann lud alle Geschenke für die Menschenkinder auf seinen
großen Schlitten. Der Schlitten sah sehr prächtig aus und er wurde von 7
Rentieren gezogen.
Neben den Geschenkpaketen saßen 7 Engel, die dem Weihnachtsmann helfen
sollten, die Geschenke zu verteilen. Im Himmel gab es ja ganze Scharen von
Engeln, aber nur 7 Engel wurden für diese Heilige Nacht ausgewählt. In
diesem Jahr war nun also die Wahl auch auf das Engelskind Anna gefallen.
Schon tagelang vorher war sie aufgeregt und sie träumte jede Nacht von der
Fahrt mit dem herrlichen Rentierschlitten. Dann am Heiligen Abend war es
endlich soweit.
Die Rentiere hatten vor lauter Aufregung rote Nasen, und die Engel hatten
ihre goldenen Flügel solange geputzt, daß sie jetzt im Sternenlicht wunderbar
funkelten und blinkten.
Hey, was machte das für einen großen Spaß mit dem Geschenkeschlitten
durch den Himmel zu fliegen!
Der Weihnachtsmann drehte sich zu seinen Engeln um, lächelte Anna
freundlich an und blinzelte dabei mit den Augen, als ob er ihr etwas sagen
wollte.
Im nächsten Moment ging ein Ruck durch den Schlitten: eines der Rentiere
hatte einen Schluckauf bekommen.
Ein Rentier mit Schluckauf? Der Weihnachtsmann fing laut zu lachen an, und
auch die Engel stimmten in das Lachen ein; das klang dann so, als würden
Glocken klingen.
Da aber passierte es: eines der Pakete geriet in's Rutschen und als Anna
danach greifen wollte, fiel auch sie vom Schlitten herunter.
Schnell bewegte sie ihre Flügel, und sie schaffte es auch noch, das Paket
aufzufangen.
Als sie sich dann umschaute war der Schlitten schon weit davongefahren.
Unter sich sah Anna aber schon die Häuser der Menschen.
Und so landete sie erst einmal ganz sanft und leise auf der Erde.
Sie stand ganz verloren zwischen den Menschen. Das Paket in ihren Händen
drückte sie fest an sich, so als könnte sie sich daran festhalten.
Aber warum blieben die Menschen stehen?
Manche schauten sie verwundert an, als könnten sie nicht glauben,
was sie dort sahen.
Wieder andere lachten Anna einfach nur aus!
Warum nur? Anna sah doch genauso aus wie ein Menschenkind.
Bis auf die goldenen Flügel; so etwas hatten die Menschen noch nie gesehen!
Anna schaute verlegen auf den Boden und wünschte sich ganz fest, daß ihre
Flügel unsichtbar wären.
Und mit einem mal gingen die Menschen achtlos an ihr vorbei, denn ihr
Wunsch war in Erfüllung gegangen.
Der Schlitten mit dem Weihnachtsmann würde erst in einem Jahr wieder zur
Erde kommen. Solange mußte Anna erst einmal bei den Menschen leben. Es
fiel ihr nicht leicht, aber es gab sehr nette Menschen, die ihr halfen. Sie lernte
aber auch, daß es Kriege zwischen den Menschen gab; und auch Haß, Neid,
Hunger und Kälte.
Ganz schlimm war es, wenn Anna traurige Menschen sah. Dann wurde auch
sie traurig. Zuhause bei den anderen Engeln gab es so etwas nicht. Alle Engel
waren immer freundlich und nett, und es gab niemals Streit.
Engel kennen deshalb auch keine Tränen, aber weil Anna bei den Menschen
lebte, und sie manchmal sehr traurig war, geschah es eines Tages :
Anna weinte!
Ein junger Mann sah ihre Tränen und er nahm Anna in seine Arme.
Er gab ihr soviel Wärme und Geborgenheit, daß die Tränen bald trockneten,
und nach einer kleinen Weile schenkte Anna ihm ein himmlisches Lächeln
als Dank.
Da wurde auch der junge Mann glücklich und froh.
Sie wurden Mann und Frau, und lebten glücklich miteinander.
Es war aber fast ein Jahr vergangen und die Weihnachtszeit kam wieder
heran.
Der Weihnachtsmann würde mit seinem Schlitten zur Erde kommen und
Anna würde wieder zu den anderen Engeln in den Himmel zurückkehren.
Sie hatte aber ihren Mann sehr lieb gewonnen und wollte ihn nicht verlassen.
So schrieb sie eines Tages wie die anderen Menschenkinder einen Brief
an den Weihnachtsmann.
" Lieber Weihnachtsmann!
Das Leben hier auf der Erde ist nicht immer so schön
wie bei deinen Engeln im Himmel.
Aber ich habe einen lieben Mann und Freunde, die alle traurig wären,
wenn ich von hier fort müßte.
Es gibt auch noch so viele traurige Augen,
in die ich ein Lächeln zaubern möchte,
so viele traurige Herzen, die ich fröhlich machen möchte...
Ich kann hier einfach nicht weggehen, kannst Du das verstehen?
Dein Engelskind Anna
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten:
" Mein lieber Engel Anna!
Seit langer, langer Zeit schon komme ich mit meinem Schlitten zur
Weihnachtszeit zu den Menschen auf die Erde.
Und jedesmal ist ein kleiner Engel vom Schlitten gefallen...
Die Menschen brauchen diese Engel.
Ohne sie wäre das Leben auf der Welt noch ein bißchen kälter,
noch ein bißchen trauriger.
Bleib' bei den Menschen, Anna, sie brauchen Dich!
Wie lange Du noch bleiben kannst, kann auch ich Dir nicht sagen.
Irgendwann wirst auch Du gehen müssen, wie alle anderen Menschen auch.
Aber ich verspreche Dir, daß ich dann einen anderen Engel
zur Erde schicken werde,
damit Dein Mann und Deine Freunde nicht allzu traurig werden.
Und denke immer daran: vielleicht ist ein Mensch, der Dir begegnet,
auch ein Engel.
Ein Engel mit unsichtbaren Flügeln.
Dein Weihnachtsmann
°kleines°
Als ich eines Tages wie immer traurig durch den Park schlenderte und mich auf einer Parkbank niederließ, um über alles nachzudenken, was in meinem Leben schief läuft,
setzte sich ein kleines fröhliches Mädchen zu mir.
Sie spürte meine Stimmung und fragte: "Warum bist Du so traurig?"
"Ach" sagte ich " ich habe keine Freunde im Leben.
Alle sind gegen mich. Alles läuft schief.
Ich habe kein Glück und ich weiß nicht wie es weitergehen soll."
"Hmm," meinte das Mädchen, "wo hast Du denn Dein rosa Tütchen? Zeig es mir mal. Ich möchte da mal hineinschaun."
"Was für ein rosa Tütchen?" fragte ich sie verwundert.
"Ich habe nur ein schwarzes Tütchen".
Wortlos reichte ich es ihr. Vorsichtig öffnete sie mit ihren zarten kleinen Fingern den Verschluß
und sah in mein schwarzes Tütchen hinein.
Ich bemerkte wie sie erschrak. "Es ist ja voller Albträume,
voller Unglück und schlimmer Erlebnisse!"
"Was soll ich machen?" Es ist eben so.
Daran kann ich doch nichts ändern."
"Hier nimm," meinte das Mädchen und reichte mir ein rosa Tütchen. "Sieh hinein!"
Mit etwas zitternden Händen öffnete ich
das rosa Tütchen und konnte sehen,
daß es voll war mit Erinnerungen an schöne Momente des Lebens.
Und das, obwohl das Mädchen noch jung an Menschenjahren war.
"Wo ist Dein schwarzes Tütchen?" fragte ich neugierig.
"Das werfe ich jede Woche in den Müll
und kümmere mich nicht weiter drum," sagte sie.
"Für mich besteht der Sinn des Lebens darin,
mein rosa Tütchen im Laufe des Lebens voll zu bekommen.
Da stopfe ich soviel wie möglich hinein.
Und immer wenn ich Lust dazu habe
oder ich beginne traurig zu werden,
dann öffne ich mein rosa Tütchen und schaue hinein.
Dann geht es mir sofort wieder besser.
Wenn ich einmal alt bin und mein Ende droht,
dann habe ich immer noch mein rosa Tütchen.
Es wird voll sein bis oben hin
und ich kann sagen, ja, ich hatte etwas vom Leben.
Mein Leben hatte einen Sinn!"
Noch während ich verwundert über ihre Worte nachdachte
gab sie mir einen Kuss auf die Wange und war verschwunden.
Neben mir auf der Bank lag ein rosa Tütchen.
Ich öffnete es zaghaft und warf einen Blick hinein.
Es war fast leer, bis auf einen zärtlichen Kuss
den ich von dem Mädchen auf der Parkbank erhalten hatte.
Bei dem Gedanken daran mußte ich schmunzeln
und mir wurde warm um´s Herz.
Glücklich machte ich mich auf den Heimweg, nicht vergessend,
am nächsten Papierkorb mich meines schwarzen Tütchens
zu entledigen.
Autor leider* unbekannt *, wer kennt ihn/sie?
setzte sich ein kleines fröhliches Mädchen zu mir.
Sie spürte meine Stimmung und fragte: "Warum bist Du so traurig?"
"Ach" sagte ich " ich habe keine Freunde im Leben.
Alle sind gegen mich. Alles läuft schief.
Ich habe kein Glück und ich weiß nicht wie es weitergehen soll."
"Hmm," meinte das Mädchen, "wo hast Du denn Dein rosa Tütchen? Zeig es mir mal. Ich möchte da mal hineinschaun."
"Was für ein rosa Tütchen?" fragte ich sie verwundert.
"Ich habe nur ein schwarzes Tütchen".
Wortlos reichte ich es ihr. Vorsichtig öffnete sie mit ihren zarten kleinen Fingern den Verschluß
und sah in mein schwarzes Tütchen hinein.
Ich bemerkte wie sie erschrak. "Es ist ja voller Albträume,
voller Unglück und schlimmer Erlebnisse!"
"Was soll ich machen?" Es ist eben so.
Daran kann ich doch nichts ändern."
"Hier nimm," meinte das Mädchen und reichte mir ein rosa Tütchen. "Sieh hinein!"
Mit etwas zitternden Händen öffnete ich
das rosa Tütchen und konnte sehen,
daß es voll war mit Erinnerungen an schöne Momente des Lebens.
Und das, obwohl das Mädchen noch jung an Menschenjahren war.
"Wo ist Dein schwarzes Tütchen?" fragte ich neugierig.
"Das werfe ich jede Woche in den Müll
und kümmere mich nicht weiter drum," sagte sie.
"Für mich besteht der Sinn des Lebens darin,
mein rosa Tütchen im Laufe des Lebens voll zu bekommen.
Da stopfe ich soviel wie möglich hinein.
Und immer wenn ich Lust dazu habe
oder ich beginne traurig zu werden,
dann öffne ich mein rosa Tütchen und schaue hinein.
Dann geht es mir sofort wieder besser.
Wenn ich einmal alt bin und mein Ende droht,
dann habe ich immer noch mein rosa Tütchen.
Es wird voll sein bis oben hin
und ich kann sagen, ja, ich hatte etwas vom Leben.
Mein Leben hatte einen Sinn!"
Noch während ich verwundert über ihre Worte nachdachte
gab sie mir einen Kuss auf die Wange und war verschwunden.
Neben mir auf der Bank lag ein rosa Tütchen.
Ich öffnete es zaghaft und warf einen Blick hinein.
Es war fast leer, bis auf einen zärtlichen Kuss
den ich von dem Mädchen auf der Parkbank erhalten hatte.
Bei dem Gedanken daran mußte ich schmunzeln
und mir wurde warm um´s Herz.
Glücklich machte ich mich auf den Heimweg, nicht vergessend,
am nächsten Papierkorb mich meines schwarzen Tütchens
zu entledigen.
Autor leider* unbekannt *, wer kennt ihn/sie?
°kleines°
Einst schaute eine Frau zum Fenster hinaus. Sie hatte viel gearbeitet und war bedrückter Stimmung: immer das Gleiche - tagaus, tagein - alles griesegraues Einerlei!
Draußen wehte ein lauer Frühlingswind; die Bäume begannen, sich in Grün zu kleiden, und es duftete jung und frisch. Alles war im Aufbruch. Die Natur ließ die Sehnsüchte der Menschen ins Unermessliche wuchern.
Gegenüber dem Haus stand eine alte Kastanie. In ihren Zweigen ließ sich ein seltsamer Vogel nieder: indigo-blaue Federn zierten seinen Körper, der glatt und glänzend wirkte wie Seide. Über die flinken Perlaugen hingen wunderschöne purpurfarbene Schleierfedern. Der Vogel war ein Exot, der in dieser Stadt nicht zu Hause war.
Wo kam er bloß her, fragte sich die Frau, und betrachtete ihn mit wachsender Lust. Sie konnte die Augen nicht von ihm lassen. Mit ihren Hände wollte sie ihn berühren - anfassen - begreifen. Als er flog, staunte sie über seine kräftigen Schwingen und den eleganten königlichen Flug. Wie gern sie doch einmal mit ihm geflogen wäre.
Plötzlich, als hätte der Vogel die Gedanken der Frau gelesen, landete er auf ihrer Fensterbank, machte schöne Augen, lockte und spreizte das schillernde Gefieder. Eine schmeichelnde Stimme schnäbelte honigsüß: "Komm mit, komm mit!"
Wie hypnotisiert, ließ die Frau alles fallen, vergaß, dass sie eigentlich ein flügelloses Wesen war und schwang sich mit ihm in die Luft. Frau und Vogel starteten einen Rundflug durch den Frühling.
Wie herrlich dieser Flug war, und wie sicher der Vogel sie trug. Die Frau wollte nicht mehr vom Fliegen lassen. Schließlich setzte er sie wieder zu Hause ab. In den folgenden Wochen landete der Vogel täglich auf der Fensterbank und nahm sie mit auf seine herrlich freien Flüge. Den ganzen Tag lang wartete die Frau mit wachsender Sehnsucht und schwellendem Begehren auf den Moment an dem sein Schnabel an ihr Fenster klopfte. An nichts anderes mehr konnte sie denken.
Traumhafte Monate vergingen. Alles ging gut bis zu jenem Tag, als die Frau begann, sich zu ängstigen: was, wenn der Vogel eines Tages nicht wieder kommen würde, sie ihn nie wieder sehen könnte, niemals mehr mit ihm fliegen dürfte. Sie hatte sich doch so an ihn gewöhnt, ja sie liebte ihn , wie sie kein Wesen bisher geliebt hatte. Ihr Herz wurde schwer, und das Glück begann sich zu trüben. Im sich steigerndem Maße war die Frau davon besessen, herauszufinden, wie sie den Vogel dauerhaft an sich binden könne.
Eigentlich wusste sie, dass man Vögel nicht festhalten durfte, und doch fing sie ihn ein, stutzte ihm die Flügel und steckte ihn in einen goldenen Käfig. Jetzt konnte sie ihn immerzu betrachten, sich an seiner Schönheit freuen, ihn besitzen. Mit den Flügen war es allerdings nun vorbei.
Was aber geschah dann? Der Vogel wurde immer trauriger, verlor zuerst die Farbe seiner Federn und dann das prachtvolle Gefieder selbst. Seine königliche Haltung sank in sich zusammen. Die blitzenden Perlaugen wurden matt und stumpf. Er wurde so unansehnlich, dass die Frau ihn immer seltener anschaute und sogar fast vergaß. An einem Morgen im Herbst lag der Vogel tot in seinem Käfig.
Erst jetzt wurde der Frau bewusst, was sie verloren hatte. Über den Verlust kam sie nicht hinweg, und so starb nicht viel später auch etwas Wertvolles in ihr selbst.
(Coelho: "Elf Minuten" Marias Tagebuch)
Draußen wehte ein lauer Frühlingswind; die Bäume begannen, sich in Grün zu kleiden, und es duftete jung und frisch. Alles war im Aufbruch. Die Natur ließ die Sehnsüchte der Menschen ins Unermessliche wuchern.
Gegenüber dem Haus stand eine alte Kastanie. In ihren Zweigen ließ sich ein seltsamer Vogel nieder: indigo-blaue Federn zierten seinen Körper, der glatt und glänzend wirkte wie Seide. Über die flinken Perlaugen hingen wunderschöne purpurfarbene Schleierfedern. Der Vogel war ein Exot, der in dieser Stadt nicht zu Hause war.
Wo kam er bloß her, fragte sich die Frau, und betrachtete ihn mit wachsender Lust. Sie konnte die Augen nicht von ihm lassen. Mit ihren Hände wollte sie ihn berühren - anfassen - begreifen. Als er flog, staunte sie über seine kräftigen Schwingen und den eleganten königlichen Flug. Wie gern sie doch einmal mit ihm geflogen wäre.
Plötzlich, als hätte der Vogel die Gedanken der Frau gelesen, landete er auf ihrer Fensterbank, machte schöne Augen, lockte und spreizte das schillernde Gefieder. Eine schmeichelnde Stimme schnäbelte honigsüß: "Komm mit, komm mit!"
Wie hypnotisiert, ließ die Frau alles fallen, vergaß, dass sie eigentlich ein flügelloses Wesen war und schwang sich mit ihm in die Luft. Frau und Vogel starteten einen Rundflug durch den Frühling.
Wie herrlich dieser Flug war, und wie sicher der Vogel sie trug. Die Frau wollte nicht mehr vom Fliegen lassen. Schließlich setzte er sie wieder zu Hause ab. In den folgenden Wochen landete der Vogel täglich auf der Fensterbank und nahm sie mit auf seine herrlich freien Flüge. Den ganzen Tag lang wartete die Frau mit wachsender Sehnsucht und schwellendem Begehren auf den Moment an dem sein Schnabel an ihr Fenster klopfte. An nichts anderes mehr konnte sie denken.
Traumhafte Monate vergingen. Alles ging gut bis zu jenem Tag, als die Frau begann, sich zu ängstigen: was, wenn der Vogel eines Tages nicht wieder kommen würde, sie ihn nie wieder sehen könnte, niemals mehr mit ihm fliegen dürfte. Sie hatte sich doch so an ihn gewöhnt, ja sie liebte ihn , wie sie kein Wesen bisher geliebt hatte. Ihr Herz wurde schwer, und das Glück begann sich zu trüben. Im sich steigerndem Maße war die Frau davon besessen, herauszufinden, wie sie den Vogel dauerhaft an sich binden könne.
Eigentlich wusste sie, dass man Vögel nicht festhalten durfte, und doch fing sie ihn ein, stutzte ihm die Flügel und steckte ihn in einen goldenen Käfig. Jetzt konnte sie ihn immerzu betrachten, sich an seiner Schönheit freuen, ihn besitzen. Mit den Flügen war es allerdings nun vorbei.
Was aber geschah dann? Der Vogel wurde immer trauriger, verlor zuerst die Farbe seiner Federn und dann das prachtvolle Gefieder selbst. Seine königliche Haltung sank in sich zusammen. Die blitzenden Perlaugen wurden matt und stumpf. Er wurde so unansehnlich, dass die Frau ihn immer seltener anschaute und sogar fast vergaß. An einem Morgen im Herbst lag der Vogel tot in seinem Käfig.
Erst jetzt wurde der Frau bewusst, was sie verloren hatte. Über den Verlust kam sie nicht hinweg, und so starb nicht viel später auch etwas Wertvolles in ihr selbst.
(Coelho: "Elf Minuten" Marias Tagebuch)
°kleines°
Der linke und der rechte Flügel
Es war einmal ein kleiner Engel im Himmel, der den unwiderstehlichen
Wunsch empfand, sich mit seinen Flügeln nicht nur schützend
über die Menschen zu stellen. Er wollte selber auf ihren Strassen
und Wegen gehen: einer von ihnen werden. Und eines Tages
erblickte er eine eben erblühte Mohnblume. Da schien es dem
jungen Engel, als habe er im Himmel noch nie ein solches Rot gesehen.
Seine Sehnsucht, den feurigen Mohn aus nächster Nähe zu betrachten, wuchs
mit jedem Tag. So trat er vor die Augen Gottes und bat: "Lass mich
bitte auf die Erde; lass mich doch ein Mensch unter Menschen werden!"
Sogleich trat ein weiser Engel hinzu und entgegnete: "Du weißt doch,
dass es auf der Erde nicht nur Sonne und Blumen gibt.
Es hat auch Stürme und Unwetter und allerhand Ungemütliches."
"Ja", erwiderte der kleine Engel, "das weiß ich. Doch sah ich
auch einen Menschen, der hatte die Kraft, einen großen Schirm
auszuspannen, so dass darunter zwei Platz fanden. Und es
schien mir, den beiden könne kein Unwetter etwas antun."
Da lächelte Gott dem kleinen Besserwisser zu. Die Zeit verging,
und eines Tages erschien das junge Wesen erneut vor dem Thron
Gottes: "Ich habe mir noch mehr von der Erde angesehen.
Es drängt mich mehr und mehr hinunter." Wieder trat der
erhabene Engel vor und belehrte: "Weißt du auch, dass
es Nebel und Fröste gibt und eine Unzahl verschiedener
Arten von Glatteis auf der Erde? "Ja sicher", meinte
der kleine Engel, "ich weiß um die Gefahren.
Doch ich sah auch Menschen, die teilten ihre warmen Mäntel,
und andere, die gingen bei Glatteis Arm in Arm."
Erneut lächelte Gott dem himmlischen Erdenträumer zu.
Als dann wieder einige Jahre verstrichen waren,
trat der kleine Engel zum dritten Mal in die Gegenwart
Gottes und flehte: "Bitte, lass mich ein Mensch werden.
Der Mohn blüht dort unten so unbeschreiblich rot. Mein Herz
ist voller Sehnsucht nach diesem Feuer!" Schon wieder trat
der erhabene Schutzengel dazwischen. "Weißt du denn nicht,
wie schnell diese Art von Blumen welkt, dass sie
zerbrechlich und verwundbar sind?" "Bestimmt, und ich
weiß auch um die Sterblichkeit. Trotzdem gibt es kein roteres
Rot in der Welt und in meinem Herzen. Es lässt mir keine
Ruhe mehr." Nun entsprach Gott dem Wunsch des
unruhigen Geistes. Doch gemäß alter Tradition musste
dieser einen seiner beiden Flügel an der Himmelspforte abgeben.
Und so kam es, dass der kleine Engel auf der Erde die Suche
nach seinem feurigen Mohnfeld etwas schwerfällig und
mit Linksdrall begann. Der Weg führte ihn durch die weite
Welt. Ständig wurde er aufgehalten; die Erde schien auf
einmal nur noch aus Stürmen und Ungemütlichem zu bestehen.
Je verzweifelter er suchte, umso mehr Unverständnis und
Ablehnung fand er vor. Niemand wollte mit dem unerfahrenen
Engel gemeinsame Sache machen; keiner spannte für ihn
einen großen Schirm auf, und einen wärmenden Mantel
bekam er schon gar nicht. Waren etwa das flammende
Rot der Mohnblume und all die guten Menschen auf der
Erde bloß eine optische Täuschung aus dem Jenseits
gewesen? Doch das Verlangen war stärker als der Zweifel.
Obwohl es aussichtslos schien, blieb er seiner Suche
entschlossen treu. So gelangte er eines Tages müde
an den Rand eines Abgrundes. In der Ferne entdeckte er,
jenseits eines gewaltigen Flusses, sein ersehntes Mohnfeld.
Ein derart festliches Rot hatte er nun wirklich noch nie gesehen!
Er meinte, das Blut von Mutter Erde vor sich zu haben.
Der alt gewordene kleine Engel weinte vor Freude und
Trauer zugleich. Denn er musste einsehen, dass er diesen
Graben ohne fremde Hilfe niemals würde überqueren können.
Während er vor sich hintrauerte, gesellte sich ein Wanderer
zu ihm, und gemeinsam bestaunten sie den unbeschreiblich
glühenden Horizont. Gezeichnet von den Stürmen des Lebens
überlegte der Engel: "So müsste denn wohl die Farbe der Liebe sein."
"Ja, aber weißt du denn nicht, wie schnell diese Art von Blumen
welkt, dass sie verwundbar und zerbrechlich sind?", hörte der
ehemalige Himmelsbewohner seinen Begleiter flüstern. Und der
Mensch, der einmal ein Engel gewesen war, erinnerte sich
plötzlich an all das, was er einmal selber im Angesichte Gottes
behauptet hatte. "Ja, ich weiß um ihre Sterblichkeit.
Trotzdem gibt es kein roteres Rot in der Welt und in meinen
Herzen. Diese Blumen sind wie die Liebe. Mag das Äußere
auch verwelken, ihr Rot bleibt in meiner Seele." Da blickten
sich die beiden Wanderer ins Gesicht. Sie erkannten den letzten
Funken Himmelslicht in den Augen des Anderen. Und mit einem
Schlag wussten sie, woher sie kamen, wozu sie gewandert und
wohin sie noch unterwegs waren. Sie entdeckten auch, dass
jeder von ihnen bloß einen Flügel besaß. Voller Freude
umarmten sie sich. Ein Wunder geschah: Gemeinsam
konnten sie fliegen, gelangten sogar zum
feurigen Mohnfeld und noch viel weiter...
Quelle: Internet/Autor leider unbekannt
Es war einmal ein kleiner Engel im Himmel, der den unwiderstehlichen
Wunsch empfand, sich mit seinen Flügeln nicht nur schützend
über die Menschen zu stellen. Er wollte selber auf ihren Strassen
und Wegen gehen: einer von ihnen werden. Und eines Tages
erblickte er eine eben erblühte Mohnblume. Da schien es dem
jungen Engel, als habe er im Himmel noch nie ein solches Rot gesehen.
Seine Sehnsucht, den feurigen Mohn aus nächster Nähe zu betrachten, wuchs
mit jedem Tag. So trat er vor die Augen Gottes und bat: "Lass mich
bitte auf die Erde; lass mich doch ein Mensch unter Menschen werden!"
Sogleich trat ein weiser Engel hinzu und entgegnete: "Du weißt doch,
dass es auf der Erde nicht nur Sonne und Blumen gibt.
Es hat auch Stürme und Unwetter und allerhand Ungemütliches."
"Ja", erwiderte der kleine Engel, "das weiß ich. Doch sah ich
auch einen Menschen, der hatte die Kraft, einen großen Schirm
auszuspannen, so dass darunter zwei Platz fanden. Und es
schien mir, den beiden könne kein Unwetter etwas antun."
Da lächelte Gott dem kleinen Besserwisser zu. Die Zeit verging,
und eines Tages erschien das junge Wesen erneut vor dem Thron
Gottes: "Ich habe mir noch mehr von der Erde angesehen.
Es drängt mich mehr und mehr hinunter." Wieder trat der
erhabene Engel vor und belehrte: "Weißt du auch, dass
es Nebel und Fröste gibt und eine Unzahl verschiedener
Arten von Glatteis auf der Erde? "Ja sicher", meinte
der kleine Engel, "ich weiß um die Gefahren.
Doch ich sah auch Menschen, die teilten ihre warmen Mäntel,
und andere, die gingen bei Glatteis Arm in Arm."
Erneut lächelte Gott dem himmlischen Erdenträumer zu.
Als dann wieder einige Jahre verstrichen waren,
trat der kleine Engel zum dritten Mal in die Gegenwart
Gottes und flehte: "Bitte, lass mich ein Mensch werden.
Der Mohn blüht dort unten so unbeschreiblich rot. Mein Herz
ist voller Sehnsucht nach diesem Feuer!" Schon wieder trat
der erhabene Schutzengel dazwischen. "Weißt du denn nicht,
wie schnell diese Art von Blumen welkt, dass sie
zerbrechlich und verwundbar sind?" "Bestimmt, und ich
weiß auch um die Sterblichkeit. Trotzdem gibt es kein roteres
Rot in der Welt und in meinem Herzen. Es lässt mir keine
Ruhe mehr." Nun entsprach Gott dem Wunsch des
unruhigen Geistes. Doch gemäß alter Tradition musste
dieser einen seiner beiden Flügel an der Himmelspforte abgeben.
Und so kam es, dass der kleine Engel auf der Erde die Suche
nach seinem feurigen Mohnfeld etwas schwerfällig und
mit Linksdrall begann. Der Weg führte ihn durch die weite
Welt. Ständig wurde er aufgehalten; die Erde schien auf
einmal nur noch aus Stürmen und Ungemütlichem zu bestehen.
Je verzweifelter er suchte, umso mehr Unverständnis und
Ablehnung fand er vor. Niemand wollte mit dem unerfahrenen
Engel gemeinsame Sache machen; keiner spannte für ihn
einen großen Schirm auf, und einen wärmenden Mantel
bekam er schon gar nicht. Waren etwa das flammende
Rot der Mohnblume und all die guten Menschen auf der
Erde bloß eine optische Täuschung aus dem Jenseits
gewesen? Doch das Verlangen war stärker als der Zweifel.
Obwohl es aussichtslos schien, blieb er seiner Suche
entschlossen treu. So gelangte er eines Tages müde
an den Rand eines Abgrundes. In der Ferne entdeckte er,
jenseits eines gewaltigen Flusses, sein ersehntes Mohnfeld.
Ein derart festliches Rot hatte er nun wirklich noch nie gesehen!
Er meinte, das Blut von Mutter Erde vor sich zu haben.
Der alt gewordene kleine Engel weinte vor Freude und
Trauer zugleich. Denn er musste einsehen, dass er diesen
Graben ohne fremde Hilfe niemals würde überqueren können.
Während er vor sich hintrauerte, gesellte sich ein Wanderer
zu ihm, und gemeinsam bestaunten sie den unbeschreiblich
glühenden Horizont. Gezeichnet von den Stürmen des Lebens
überlegte der Engel: "So müsste denn wohl die Farbe der Liebe sein."
"Ja, aber weißt du denn nicht, wie schnell diese Art von Blumen
welkt, dass sie verwundbar und zerbrechlich sind?", hörte der
ehemalige Himmelsbewohner seinen Begleiter flüstern. Und der
Mensch, der einmal ein Engel gewesen war, erinnerte sich
plötzlich an all das, was er einmal selber im Angesichte Gottes
behauptet hatte. "Ja, ich weiß um ihre Sterblichkeit.
Trotzdem gibt es kein roteres Rot in der Welt und in meinen
Herzen. Diese Blumen sind wie die Liebe. Mag das Äußere
auch verwelken, ihr Rot bleibt in meiner Seele." Da blickten
sich die beiden Wanderer ins Gesicht. Sie erkannten den letzten
Funken Himmelslicht in den Augen des Anderen. Und mit einem
Schlag wussten sie, woher sie kamen, wozu sie gewandert und
wohin sie noch unterwegs waren. Sie entdeckten auch, dass
jeder von ihnen bloß einen Flügel besaß. Voller Freude
umarmten sie sich. Ein Wunder geschah: Gemeinsam
konnten sie fliegen, gelangten sogar zum
feurigen Mohnfeld und noch viel weiter...
Quelle: Internet/Autor leider unbekannt
°kleines°
Warum die Liebe blind ist
____________________________________________________________________
Es wird erzählt, dass alle Gefühle und Qualitäten der Menschen ein Treffen hatten.
Als die Langeweile zum dritten Mal gähnte, schlug der Wahnsinn, wie immer sehr gewitzt
vor: "Lasst uns Verstecken spielen!"
Die Intrige hob die Augenbraue, und die Neugierde konnte sich nicht mehr zurückhalten
und fragte: "Verstecken? Was ist das?" - "Das ist ein Spiel", sagte der Wahnsinn.
"Ich verstecke mein Gesicht und fange an zu zählen, von eins bis eine Million.
Inzwischen versteckt ihr euch. Wenn ich das Zählen beendet habe, wird der erste von
euch, den ich finde, meinen Platz einnehmen um das Spiel danach fortzusetzen".
Die Begeisterung und die Euphorie tanzten vor Freude. Die Freude machte so viele
Sprünge, dass sie den letzten Schritt tat um den Zweifel zu überzeugen.
Sogar die Gleichgültigkeit, die sonst keine Interessen hatte, machte mit. Aber nicht
alle wollten teilnehmen: Die Wahrheit bevorzugte es sich nicht zu verstecken, wozu?
Zum Schluss würde man sie immer entdecken und der Stolz meinte, dass es ein dummes
Spiel wäre (im Grunde ärgerte er sich, dass die Idee nicht von ihm kam)
und die Feigheit zog vor, nichts zu riskieren.
"Eins, zwei, drei ... „, der Wahnsinn begann zu zählen. Als erste versteckte sich
die Trägheit, die sich wie immer hinter den ersten Stein fallen ließ. Der Glaube
stieg zum Himmel empor und die Eifersucht versteckte sich hinter dem Schatten des
Triumphes, der es aus eigener Kraft geschafft hatte, bis zur höchsten Baumkrone
zu gelangen. Die Großzügigkeit schaffte es kaum sich zu verstecken, da sie bei allen
Verstecken, die sie ausfindig machte, glaubte, ein wunderbares Versteck für einen ihrer
Freunde gefunden zu haben. Ein kristallklarer See, ideal für die Schönheit. Der Spalt
eines Baumes, ideal für die Angst. Der Flug eines Schmetterlings, das Beste für die
Wolllust. Ein Windstoß... großartig für die Freiheit und sie versteckte sich auf
einem Sonnenstrahl. Der Egoismus dagegen fand von Anfang an einen sehr guten Ort,
luftig gemütlich... aber nur für ihn allein. Die Lüge versteckte sich im Meeresgrund
(stimmt nicht, in Wirklichkeit versteckte sie sich hinter dem Regenbogen). Die Leidenschaft
und das Verlangen, im Zentrum des Vulkans. Die Vergesslichkeit...
ich habe vergessen wo sie sich versteckte, aber das ist nicht so wichtig.
Als der Wahnsinn 999.999 zählte, hatte die Liebe noch kein Versteck gefunden.
Alle Plätze schienen besetzt zu sein... bis sie den Rosenstrauch erblickte und gerührt
entschloss, sich in seinen Blüten zu verstecken. "Eine Million", zählte der Wahnsinn und
begann zu suchen. Die erste, die entdeckt wurde, war die Trägheit, nur drei Schritte
vom ersten Stein entfernt.
Danach hörte man den Glauben, der mit Gott im Himmel über Theologie diskutierte.
Die Leidenschaft und das Verlangen hörte man im Vulkan vibrieren. In einem unachtsamen
Moment fand er die Eifersucht und so natürlich auch den Triumph. Den Egoismus brauchte
er gar nicht zu suchen, ganz allein kam er aus seinem Versteck, das sich als Bienennest
herausstellte. Vom vielen Laufen empfand er Durst und als er sich dem See näherte
entdeckte er die Schönheit. Mit dem Zweifel war es noch einfacher, er fand ihn auf
einem Zaun sitzend, da dieser sich nicht entscheiden konnte, auf welcher Seite er sich
verstecken sollte.
So fand er einen nach dem anderen.
Das Talent hinter dem Frischen Gras, die Angst in einer dunklen Höhle,
die Lüge hinter dem Regenbogen (stimmt nicht, sie war im Meeresgrund) und sogar die
Vergesslichkeit, die schon wieder vergessen hatte, dass sie Verstecken spielte.
Nur die Liebe tauchte nirgendwo auf.
Der Wahnsinn suchte hinter jedem Baum, in jedem Bach dieses Planeten auf jedem Berg
und als er schon aufgeben wollte, erblickte er die Rosen. Mit einem Stöckchen fing er
an die Zweige zu bewegen, als auf einmal ein schmerzlicher Schrei aufkam. Die Dornen
hatten der Liebe die Augen ausgestochen. Der Wahnsinn war hilflos und wusste
nicht, wie er seine Tat wieder gut machen sollte. Er weinte, entschuldigte sich bei ihr
und versprach der Liebe, für immer ihr Begleiter zu sein.
Seit dieser Zeit, seitdem das erste Mal auf Erden Verstecken gespielt wurde,
ist die Liebe blind und der Wahnsinn immer ihr Begleiter.
Quelle: Internet/Autor leider unbekannt.
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Es wird erzählt, dass alle Gefühle und Qualitäten der Menschen ein Treffen hatten.
Als die Langeweile zum dritten Mal gähnte, schlug der Wahnsinn, wie immer sehr gewitzt
vor: "Lasst uns Verstecken spielen!"
Die Intrige hob die Augenbraue, und die Neugierde konnte sich nicht mehr zurückhalten
und fragte: "Verstecken? Was ist das?" - "Das ist ein Spiel", sagte der Wahnsinn.
"Ich verstecke mein Gesicht und fange an zu zählen, von eins bis eine Million.
Inzwischen versteckt ihr euch. Wenn ich das Zählen beendet habe, wird der erste von
euch, den ich finde, meinen Platz einnehmen um das Spiel danach fortzusetzen".
Die Begeisterung und die Euphorie tanzten vor Freude. Die Freude machte so viele
Sprünge, dass sie den letzten Schritt tat um den Zweifel zu überzeugen.
Sogar die Gleichgültigkeit, die sonst keine Interessen hatte, machte mit. Aber nicht
alle wollten teilnehmen: Die Wahrheit bevorzugte es sich nicht zu verstecken, wozu?
Zum Schluss würde man sie immer entdecken und der Stolz meinte, dass es ein dummes
Spiel wäre (im Grunde ärgerte er sich, dass die Idee nicht von ihm kam)
und die Feigheit zog vor, nichts zu riskieren.
"Eins, zwei, drei ... „, der Wahnsinn begann zu zählen. Als erste versteckte sich
die Trägheit, die sich wie immer hinter den ersten Stein fallen ließ. Der Glaube
stieg zum Himmel empor und die Eifersucht versteckte sich hinter dem Schatten des
Triumphes, der es aus eigener Kraft geschafft hatte, bis zur höchsten Baumkrone
zu gelangen. Die Großzügigkeit schaffte es kaum sich zu verstecken, da sie bei allen
Verstecken, die sie ausfindig machte, glaubte, ein wunderbares Versteck für einen ihrer
Freunde gefunden zu haben. Ein kristallklarer See, ideal für die Schönheit. Der Spalt
eines Baumes, ideal für die Angst. Der Flug eines Schmetterlings, das Beste für die
Wolllust. Ein Windstoß... großartig für die Freiheit und sie versteckte sich auf
einem Sonnenstrahl. Der Egoismus dagegen fand von Anfang an einen sehr guten Ort,
luftig gemütlich... aber nur für ihn allein. Die Lüge versteckte sich im Meeresgrund
(stimmt nicht, in Wirklichkeit versteckte sie sich hinter dem Regenbogen). Die Leidenschaft
und das Verlangen, im Zentrum des Vulkans. Die Vergesslichkeit...
ich habe vergessen wo sie sich versteckte, aber das ist nicht so wichtig.
Als der Wahnsinn 999.999 zählte, hatte die Liebe noch kein Versteck gefunden.
Alle Plätze schienen besetzt zu sein... bis sie den Rosenstrauch erblickte und gerührt
entschloss, sich in seinen Blüten zu verstecken. "Eine Million", zählte der Wahnsinn und
begann zu suchen. Die erste, die entdeckt wurde, war die Trägheit, nur drei Schritte
vom ersten Stein entfernt.
Danach hörte man den Glauben, der mit Gott im Himmel über Theologie diskutierte.
Die Leidenschaft und das Verlangen hörte man im Vulkan vibrieren. In einem unachtsamen
Moment fand er die Eifersucht und so natürlich auch den Triumph. Den Egoismus brauchte
er gar nicht zu suchen, ganz allein kam er aus seinem Versteck, das sich als Bienennest
herausstellte. Vom vielen Laufen empfand er Durst und als er sich dem See näherte
entdeckte er die Schönheit. Mit dem Zweifel war es noch einfacher, er fand ihn auf
einem Zaun sitzend, da dieser sich nicht entscheiden konnte, auf welcher Seite er sich
verstecken sollte.
So fand er einen nach dem anderen.
Das Talent hinter dem Frischen Gras, die Angst in einer dunklen Höhle,
die Lüge hinter dem Regenbogen (stimmt nicht, sie war im Meeresgrund) und sogar die
Vergesslichkeit, die schon wieder vergessen hatte, dass sie Verstecken spielte.
Nur die Liebe tauchte nirgendwo auf.
Der Wahnsinn suchte hinter jedem Baum, in jedem Bach dieses Planeten auf jedem Berg
und als er schon aufgeben wollte, erblickte er die Rosen. Mit einem Stöckchen fing er
an die Zweige zu bewegen, als auf einmal ein schmerzlicher Schrei aufkam. Die Dornen
hatten der Liebe die Augen ausgestochen. Der Wahnsinn war hilflos und wusste
nicht, wie er seine Tat wieder gut machen sollte. Er weinte, entschuldigte sich bei ihr
und versprach der Liebe, für immer ihr Begleiter zu sein.
Seit dieser Zeit, seitdem das erste Mal auf Erden Verstecken gespielt wurde,
ist die Liebe blind und der Wahnsinn immer ihr Begleiter.
Quelle: Internet/Autor leider unbekannt.
°kleines°
Das perfekte Herz
Eines Tages stand ein junger Mann mitten in der Stadt und erklärte, dass er das schönste Herz im ganzen Tal habe. Eine große Menschenmenge versammelte sich, und sie alle bewunderten sein Herz, denn es war perfekt. Es gab keinen Fleck oder Fehler in ihm. Ja, sie alle gaben ihm Recht, es war wirklich das schönste Herz, das sie je gesehen hatten. Der junge Mann war sehr stolz und prahlte noch lauter über sein schönes Herz.
Plötzlich tauchte ein alter Mann vor der Menge auf und sagte: "Nun, dein Herz ist nicht mal annähernd so schön, wie meines." Die Menschenmenge und der junge Mann schauten das Herz des alten Mannes an.
Es schlug kräftig, aber es war voller Narben, es hatte Stellen, wo Stücke entfernt und durch andere ersetzt worden waren. Aber sie passten nicht richtig, und es gab einige ausgefranste Ecken.... Genau gesagt, an einigen Stellen waren tiefe Furchen, wo ganze Teile fehlten. Die Leute starrten ihn an: wie kann er behaupten, sein Herz sei schöner, dachten sie?
Der junge Mann schaute auf des alten Mannes Herz, sah dessen Zustand und lachte: "Du musst scherzen", sagte er, "dein Herz mit meinem zu vergleichen. Meines ist perfekt und deines ist ein Durcheinander aus Narben und Tränen."
"Ja", sagte der alte Mann, deines sieht perfekt aus, aber ich würde niemals mit dir tauschen. Jede Narbe steht für einen Menschen, dem ich meine Liebe gegeben habe. Ich reiße ein Stück meines Herzens heraus und reiche es ihnen, und oft geben sie mir ein Stück ihres Herzens, das in die leere Stelle meines Herzens passt. Aber weil die Stücke nicht genau sind, habe ich einige raue Kanten, die ich sehr schätze, denn sie erinnern mich an die Liebe, die wir teilten. Manchmal habe ich auch ein Stück meines Herzens gegeben, ohne dass mir der andere ein Stück seines Herzens zurückgegeben hat. Das sind die leeren Furchen. Liebe geben heißt manchmal auch ein Risiko einzugehen. Auch wenn diese Furchen schmerzhaft sind, bleiben sie offen und auch sie erinnern mich an die Liebe, die ich für diese Menschen empfinde... und ich hoffe, dass sie eines Tages zurückkehren und den Platz ausfüllen werden. Erkennst du jetzt, was wahre Schönheit ist?"
Der junge Mann stand still da und Tränen rannen über seine Wangen.
Er ging auf den alten Mann zu, griff nach seinem perfekten jungen und schönen Herzen und riss ein Stück heraus. Er bot es dem alten Mann mit zitternden Händen an. Der alte Mann nahm das Angebot an, setzte es in sein Herz. Er nahm dann ein Stück seines alten vernarbten Herzens und füllte damit
die Wunde in des jungen Mannes Herzen. Es passte nicht perfekt, da es einige ausgefranste Ränder hatte.
Der junge Mann sah sein Herz an, nicht mehr perfekt, aber schöner als je zuvor, denn er spürte die Liebe des alten Mannes in sein Herz fließen.
Sie umarmten sich und gingen weg, Seite an Seite.
Narben auf dem Körper bedeuten, dass man gelebt hat....
Narben auf der Seele bedeuten, dass man geliebt hat....
Quelle: Internet/Autor leider unbekannt.
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Darf hier auch gerne von anderen Usern gepostet werden, wer eine schöne Geschichte hat - bitte rein damit :klatsch:
°kleines°
Eines Tages stand ein junger Mann mitten in der Stadt und erklärte, dass er das schönste Herz im ganzen Tal habe. Eine große Menschenmenge versammelte sich, und sie alle bewunderten sein Herz, denn es war perfekt. Es gab keinen Fleck oder Fehler in ihm. Ja, sie alle gaben ihm Recht, es war wirklich das schönste Herz, das sie je gesehen hatten. Der junge Mann war sehr stolz und prahlte noch lauter über sein schönes Herz.
Plötzlich tauchte ein alter Mann vor der Menge auf und sagte: "Nun, dein Herz ist nicht mal annähernd so schön, wie meines." Die Menschenmenge und der junge Mann schauten das Herz des alten Mannes an.
Es schlug kräftig, aber es war voller Narben, es hatte Stellen, wo Stücke entfernt und durch andere ersetzt worden waren. Aber sie passten nicht richtig, und es gab einige ausgefranste Ecken.... Genau gesagt, an einigen Stellen waren tiefe Furchen, wo ganze Teile fehlten. Die Leute starrten ihn an: wie kann er behaupten, sein Herz sei schöner, dachten sie?
Der junge Mann schaute auf des alten Mannes Herz, sah dessen Zustand und lachte: "Du musst scherzen", sagte er, "dein Herz mit meinem zu vergleichen. Meines ist perfekt und deines ist ein Durcheinander aus Narben und Tränen."
"Ja", sagte der alte Mann, deines sieht perfekt aus, aber ich würde niemals mit dir tauschen. Jede Narbe steht für einen Menschen, dem ich meine Liebe gegeben habe. Ich reiße ein Stück meines Herzens heraus und reiche es ihnen, und oft geben sie mir ein Stück ihres Herzens, das in die leere Stelle meines Herzens passt. Aber weil die Stücke nicht genau sind, habe ich einige raue Kanten, die ich sehr schätze, denn sie erinnern mich an die Liebe, die wir teilten. Manchmal habe ich auch ein Stück meines Herzens gegeben, ohne dass mir der andere ein Stück seines Herzens zurückgegeben hat. Das sind die leeren Furchen. Liebe geben heißt manchmal auch ein Risiko einzugehen. Auch wenn diese Furchen schmerzhaft sind, bleiben sie offen und auch sie erinnern mich an die Liebe, die ich für diese Menschen empfinde... und ich hoffe, dass sie eines Tages zurückkehren und den Platz ausfüllen werden. Erkennst du jetzt, was wahre Schönheit ist?"
Der junge Mann stand still da und Tränen rannen über seine Wangen.
Er ging auf den alten Mann zu, griff nach seinem perfekten jungen und schönen Herzen und riss ein Stück heraus. Er bot es dem alten Mann mit zitternden Händen an. Der alte Mann nahm das Angebot an, setzte es in sein Herz. Er nahm dann ein Stück seines alten vernarbten Herzens und füllte damit
die Wunde in des jungen Mannes Herzen. Es passte nicht perfekt, da es einige ausgefranste Ränder hatte.
Der junge Mann sah sein Herz an, nicht mehr perfekt, aber schöner als je zuvor, denn er spürte die Liebe des alten Mannes in sein Herz fließen.
Sie umarmten sich und gingen weg, Seite an Seite.
Narben auf dem Körper bedeuten, dass man gelebt hat....
Narben auf der Seele bedeuten, dass man geliebt hat....
Quelle: Internet/Autor leider unbekannt.
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Meine persönliche Lieblingsgeschichte:
Der Baum
Es war einmal ein Gärtner. Eines Tages nahm er seine Frau bei der Hand und sagt: "Komm, Frau, wir wollen einen Baum pflanzen". Die Frau antwortete:"Wenn du meinst mein lieber Mann, dann wollen wir einen Baum pflanzen". Sie gingen in den Garten und pflanzten einen Baum.
Es dauerte nicht lange, da konnte man das erste grün zart aus der Erde sprießen sehen. Der Baum, der eigentlich noch kein richtiger Baum war, erblickte zum ersten Mal die Sonne. Er fühlte die Wärme ihrer Strahlen auf seinen Blättchen und streckte sich ihnen hoch entgegen. Er begrüsste sie auf seine Weise, liess sich glücklich bescheinen und fand es wunderschön, auf der Welt zu sein und zu wachsen.
"Schau", sagte der Gärtner zu seiner Frau, "ist er nicht schön unser Baum?" Und seine Frau antwortete: "Ja lieber Mann, wie du schon sagtest: Ein schöner Baum!"
Der Baum begann größer und höher zu wachsen und reckte sich immer weiter der Sonne entgegen. Er fühlte den Wind und spürte den Regen, genoss die warme und feste Erde um seine Wurzeln und war glücklich. Und jedes Mal, wenn der Gärtner und seine Frau nach ihm sahen, ihn mit Wasser tränkten und ihn einen schönen Baum nannten, fühlte er sich wohl. Denn da war jemand, der ihn mochte, ihn hegte, pflegte und beschützte. Er wurde lieb gehabt und war nicht allein auf der Welt.
So wuchs er zufrieden vor sich hin und wollte nichts weiter als leben und wachsen, Wind und Regen spüren, Erde und Sonne fühlen, lieb gehabt werden und andere lieb haben. Eines Tages merkt der Baum, dass es besonders schön war, ein wenig nach links zu wachsen, denn von dort schien die Sonne mehr auf seine Blätter. Also wuchs er jetzt ein wenig nach links.
"Schau", sagte der Gärtner zu seiner Frau, "unser Baum wächst schief. Seit wann dürfen Bäume denn schief wachsen, und dazu noch in unserem Garten? Ausgerechnet unser Baum! Gott hat die Bäume nicht erschaffen, damit sie schief wachsen, nicht wahr, Frau? Seine Frau gab ihm natürlich recht. "Du bist eine kluge und gottesfürchtige Frau", meinte daraufhin der Gärtner. "Hol also unsere Schere, denn wir wollen unseren Baum gerade schneiden".
Der Baum weinte. Die Menschen, die ihn bisher so lieb gepflegt hatten, denen er vertraute, schnitten ihm die Äste ab, die der Sonne am nächsten waren. Er konnte nicht sprechen und deshalb nicht fragen. Er konnte nicht begreifen. Aber sie sagten ja, dass sie ihn lieb hätten und es gut mit ihm meinten. Und sie sagten, dass ein richtiger Baum gerade wachsen müsse. Und Gott es nicht gern sähe, wenn er schief wachse. Also musste es wohl stimmen. Er wuchs nicht mehr der Sonne entgegen. "Ist er nicht brav, unser Baum?" fragte der Gärtner seine Frau. "Sicher lieber Mann", antwortete sie "du hast wie immer recht. Unser Baum ist ein braver Baum."
Der Baum begann zu verstehen. Wenn er machte was ihm Spass und Freude bereitete, dann war er, anscheinend ein böser Baum. Er war nur lieb und brav, wenn er tat, was der Gärtner und seine Frau von ihm erwarteten. Also wuchs er jetzt strebsam in die Höhe und gab drauf acht, nicht mehr schief zu wachsen. "Sieh dir das an", sagte der Gärtner eines Tages zu seiner Frau, "der Baum wächst unverschämt schnell in die Höhe. Gehört sich das für einen rechten Baum?" Seine Frau antwortete: "Aber nein, lieber Mann, das gehört sich natürlich nicht. Gott will, dass Bäume langsam und in Ruhe wachsen. Und auch unser Nachbar meint, dass Bäume bescheiden sein müssten, ihrer wachse auch schön langsam." Der Gärtner lobte seine Frau und sagte, dass sie etwas von Bäumen verstehe und dann schickte er sie die Schere holen, um dem Baum die Äste zu stutzen.
Sehr lange weinte der Baum in dieser Nacht. Warum schnitt man ihm einfach die Äste ab und wer war dieser Gott, der angeblich gegen alles war, was Spass machte?
"Schau her Frau" sagte der Gärtner, "wir können stolz sein auf unseren Baum." Und seine Frau gab ihm, wie immer, recht. Der Baum wurde trotzig. Nun gut, wenn nicht in die Höhe, dann eben in die Breite. Sie würden ja schon sehen wohin sie damit kommen. Schließlich wollte er nur wachsen, Sonne, Wind und Erde fühlen, Freude haben und Freude bereiten. In seinem Inneren spürte er ganz genau, dass es richtig war, zu wachsen. Also wuchs er jetzt in die Breite.
"Das ist doch nicht zu fassen". Der Gärtner holte empört die Schere und sagte zu seiner Frau: "Stell Dir vor unser Baum wächst einfach in die Breite. Das könnte ihm so passen. Das scheint ihm ja gerade zu Spaß zu machen, so etwas können wir auf keinen Fall dulden!" Und seine Frau pflichtete ihm bei: "Das können wir nicht zulassen, dann müssen wir ihn eben wieder zurechtstutzen."
Der Baum konnte nicht mehr weinen, er hatte keine Tränen mehr. Er hörte auf zu wachsen. Ihm machte das Leben keine rechte Freude mehr. Immerhin, er schien nun dem Gärtner und seiner Frau zu gefallen. Wenn auch alles keine rechte Freude mehr bereitete, so wurde er wenigstens lieb gehabt. So dachte der Baum.
Viele Jahre später kam ein kleines Mädchen mit seinem Vater am Baum vorbei. Er war inzwischen erwachsen geworden. Der Gärtner und seine Frau waren stolz auf ihn. Er war ein rechter und anständiger Baum geworden. Das kleine Mädchen blieb vor ihm stehen. "Papa findest du nicht auch, dass der Baum hier ein bisschen traurig aussieht?", fragte es. "Ich weiß nicht", sagte der Vater. „Als ich so klein war wie du , konnte ich auch sehen, ob ein Baum fröhlich oder traurig ist. Aber heute sehe ich das nicht mehr. "Der Baum sieht wirklich ganz traurig aus." Das kleine Mädchen sah mitfühlend den Baum an. "Den hat bestimmt niemand richtig lieb. Schau mal, wie ordentlich der gewachsen ist. Ich glaube, der wollte mal ganz anders wachsen, durfte aber nicht. Und deshalb ist er jetzt traurig."
"Vielleicht", antwortete der Vater versonnen. "Aber wer kann schon wachsen wie er will?" "Warum denn nicht?", fragte das Mädchen. "Wenn jemand den Baum wirklich lieb hat, kann er ihn auch so wachsen lassen, wie er selber will, oder nicht? Er tut doch niemanden etwas zuleide." Erstaunt und schließlich erschrocken blickte der Vater sein Kind an. Dann sagte er: "Weisst du, keiner darf so wachsen, wie er will, weil sonst die anderen merken würden, dass auch sie nicht so gewachsen sind, wie sie eigentlich mal wollten".
"Das verstehe ich nicht, Papa!" "Sicher, Kind, das kannst du noch nicht verstehen. Auch du bist vielleicht nicht immer so gewachsen, wie du gerne wolltest. Auch du durftest nicht." "Aber warum den nicht, Papa? Du hast mich doch lieb und Mama hat mich auch lieb, nicht wahr?"
Der Vater sah sie eine Weile nachdenklich an. "Ja", sagte er dann, "sicher haben wir dich lieb." Sie gingen langsam weiter und das kleine Mädchen dachte noch lange über dieses Gespräche und den traurigen Baum nach.
Der Baum hatte den beiden aufmerksam zugehört, und auch er dachte lange nach. Er blickte ihnen noch hinterher, als er sie eigentlich schon lange nicht mehr sehen konnte. Dann begriff der Baum... und er begann hemmungslos zu weinen.
(von Heinz Körner aus "Die Farben der Wirklichkeit")
Der Baum
Es war einmal ein Gärtner. Eines Tages nahm er seine Frau bei der Hand und sagt: "Komm, Frau, wir wollen einen Baum pflanzen". Die Frau antwortete:"Wenn du meinst mein lieber Mann, dann wollen wir einen Baum pflanzen". Sie gingen in den Garten und pflanzten einen Baum.
Es dauerte nicht lange, da konnte man das erste grün zart aus der Erde sprießen sehen. Der Baum, der eigentlich noch kein richtiger Baum war, erblickte zum ersten Mal die Sonne. Er fühlte die Wärme ihrer Strahlen auf seinen Blättchen und streckte sich ihnen hoch entgegen. Er begrüsste sie auf seine Weise, liess sich glücklich bescheinen und fand es wunderschön, auf der Welt zu sein und zu wachsen.
"Schau", sagte der Gärtner zu seiner Frau, "ist er nicht schön unser Baum?" Und seine Frau antwortete: "Ja lieber Mann, wie du schon sagtest: Ein schöner Baum!"
Der Baum begann größer und höher zu wachsen und reckte sich immer weiter der Sonne entgegen. Er fühlte den Wind und spürte den Regen, genoss die warme und feste Erde um seine Wurzeln und war glücklich. Und jedes Mal, wenn der Gärtner und seine Frau nach ihm sahen, ihn mit Wasser tränkten und ihn einen schönen Baum nannten, fühlte er sich wohl. Denn da war jemand, der ihn mochte, ihn hegte, pflegte und beschützte. Er wurde lieb gehabt und war nicht allein auf der Welt.
So wuchs er zufrieden vor sich hin und wollte nichts weiter als leben und wachsen, Wind und Regen spüren, Erde und Sonne fühlen, lieb gehabt werden und andere lieb haben. Eines Tages merkt der Baum, dass es besonders schön war, ein wenig nach links zu wachsen, denn von dort schien die Sonne mehr auf seine Blätter. Also wuchs er jetzt ein wenig nach links.
"Schau", sagte der Gärtner zu seiner Frau, "unser Baum wächst schief. Seit wann dürfen Bäume denn schief wachsen, und dazu noch in unserem Garten? Ausgerechnet unser Baum! Gott hat die Bäume nicht erschaffen, damit sie schief wachsen, nicht wahr, Frau? Seine Frau gab ihm natürlich recht. "Du bist eine kluge und gottesfürchtige Frau", meinte daraufhin der Gärtner. "Hol also unsere Schere, denn wir wollen unseren Baum gerade schneiden".
Der Baum weinte. Die Menschen, die ihn bisher so lieb gepflegt hatten, denen er vertraute, schnitten ihm die Äste ab, die der Sonne am nächsten waren. Er konnte nicht sprechen und deshalb nicht fragen. Er konnte nicht begreifen. Aber sie sagten ja, dass sie ihn lieb hätten und es gut mit ihm meinten. Und sie sagten, dass ein richtiger Baum gerade wachsen müsse. Und Gott es nicht gern sähe, wenn er schief wachse. Also musste es wohl stimmen. Er wuchs nicht mehr der Sonne entgegen. "Ist er nicht brav, unser Baum?" fragte der Gärtner seine Frau. "Sicher lieber Mann", antwortete sie "du hast wie immer recht. Unser Baum ist ein braver Baum."
Der Baum begann zu verstehen. Wenn er machte was ihm Spass und Freude bereitete, dann war er, anscheinend ein böser Baum. Er war nur lieb und brav, wenn er tat, was der Gärtner und seine Frau von ihm erwarteten. Also wuchs er jetzt strebsam in die Höhe und gab drauf acht, nicht mehr schief zu wachsen. "Sieh dir das an", sagte der Gärtner eines Tages zu seiner Frau, "der Baum wächst unverschämt schnell in die Höhe. Gehört sich das für einen rechten Baum?" Seine Frau antwortete: "Aber nein, lieber Mann, das gehört sich natürlich nicht. Gott will, dass Bäume langsam und in Ruhe wachsen. Und auch unser Nachbar meint, dass Bäume bescheiden sein müssten, ihrer wachse auch schön langsam." Der Gärtner lobte seine Frau und sagte, dass sie etwas von Bäumen verstehe und dann schickte er sie die Schere holen, um dem Baum die Äste zu stutzen.
Sehr lange weinte der Baum in dieser Nacht. Warum schnitt man ihm einfach die Äste ab und wer war dieser Gott, der angeblich gegen alles war, was Spass machte?
"Schau her Frau" sagte der Gärtner, "wir können stolz sein auf unseren Baum." Und seine Frau gab ihm, wie immer, recht. Der Baum wurde trotzig. Nun gut, wenn nicht in die Höhe, dann eben in die Breite. Sie würden ja schon sehen wohin sie damit kommen. Schließlich wollte er nur wachsen, Sonne, Wind und Erde fühlen, Freude haben und Freude bereiten. In seinem Inneren spürte er ganz genau, dass es richtig war, zu wachsen. Also wuchs er jetzt in die Breite.
"Das ist doch nicht zu fassen". Der Gärtner holte empört die Schere und sagte zu seiner Frau: "Stell Dir vor unser Baum wächst einfach in die Breite. Das könnte ihm so passen. Das scheint ihm ja gerade zu Spaß zu machen, so etwas können wir auf keinen Fall dulden!" Und seine Frau pflichtete ihm bei: "Das können wir nicht zulassen, dann müssen wir ihn eben wieder zurechtstutzen."
Der Baum konnte nicht mehr weinen, er hatte keine Tränen mehr. Er hörte auf zu wachsen. Ihm machte das Leben keine rechte Freude mehr. Immerhin, er schien nun dem Gärtner und seiner Frau zu gefallen. Wenn auch alles keine rechte Freude mehr bereitete, so wurde er wenigstens lieb gehabt. So dachte der Baum.
Viele Jahre später kam ein kleines Mädchen mit seinem Vater am Baum vorbei. Er war inzwischen erwachsen geworden. Der Gärtner und seine Frau waren stolz auf ihn. Er war ein rechter und anständiger Baum geworden. Das kleine Mädchen blieb vor ihm stehen. "Papa findest du nicht auch, dass der Baum hier ein bisschen traurig aussieht?", fragte es. "Ich weiß nicht", sagte der Vater. „Als ich so klein war wie du , konnte ich auch sehen, ob ein Baum fröhlich oder traurig ist. Aber heute sehe ich das nicht mehr. "Der Baum sieht wirklich ganz traurig aus." Das kleine Mädchen sah mitfühlend den Baum an. "Den hat bestimmt niemand richtig lieb. Schau mal, wie ordentlich der gewachsen ist. Ich glaube, der wollte mal ganz anders wachsen, durfte aber nicht. Und deshalb ist er jetzt traurig."
"Vielleicht", antwortete der Vater versonnen. "Aber wer kann schon wachsen wie er will?" "Warum denn nicht?", fragte das Mädchen. "Wenn jemand den Baum wirklich lieb hat, kann er ihn auch so wachsen lassen, wie er selber will, oder nicht? Er tut doch niemanden etwas zuleide." Erstaunt und schließlich erschrocken blickte der Vater sein Kind an. Dann sagte er: "Weisst du, keiner darf so wachsen, wie er will, weil sonst die anderen merken würden, dass auch sie nicht so gewachsen sind, wie sie eigentlich mal wollten".
"Das verstehe ich nicht, Papa!" "Sicher, Kind, das kannst du noch nicht verstehen. Auch du bist vielleicht nicht immer so gewachsen, wie du gerne wolltest. Auch du durftest nicht." "Aber warum den nicht, Papa? Du hast mich doch lieb und Mama hat mich auch lieb, nicht wahr?"
Der Vater sah sie eine Weile nachdenklich an. "Ja", sagte er dann, "sicher haben wir dich lieb." Sie gingen langsam weiter und das kleine Mädchen dachte noch lange über dieses Gespräche und den traurigen Baum nach.
Der Baum hatte den beiden aufmerksam zugehört, und auch er dachte lange nach. Er blickte ihnen noch hinterher, als er sie eigentlich schon lange nicht mehr sehen konnte. Dann begriff der Baum... und er begann hemmungslos zu weinen.
(von Heinz Körner aus "Die Farben der Wirklichkeit")
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Wie es weiterging (Der Baum - Teil 2)
In dieser Nacht war das kleine Mädchen sehr unruhig. Immer wieder dachte es an den traurigen Baum und schlief schließlich erst ein, als bereits der Morgen zu dämmern begann. Natürlich verschlief das Mädchen an diesem Morgen. Als es endlich aufgestanden war, wirkte sein Gesicht blass und stumpf.
„Hast du etwas Schlimmes geträumt?“ fragte der Vater. Das Mädchen schwieg, schüttelte dann den Kopf. Auch die Mutter war besorgt: „Was ist mit dir?“
Und da brach schließlich doch all der Kummer aus dem Mädchen. Von Tränen überströmt stammelte es: „Der Baum! Er ist so schrecklich traurig. Darüber bin ich so traurig. Ich kann das alles einfach nicht verstehen.“ Der Vater nahm die Kleine behutsam in seine Arme, ließ sie in Ruhe ausweinen und streichelte sie nur liebevoll. Dabei wurde ihr Schluchzen nach und nach leiser, und die Traurigkeit verlor sich allmählich. Plötzlich leuchteten die Augen des Mädchens auf, und ohne dass die Eltern etwas begriffen, war es aus dem Haus gerannt.
Wenn ich traurig bin und es vergeht, sobald mich jemand streichelt und in die Arme nimmt, geht es dem Baum vielleicht ähnlich – so dachte das Mädchen. Und als es ein wenig atemlos vor dem Baum stand, wusste es auf einmal, was zu tun war. Scheu blickte die Kleine um sich. Als sie niemanden in der Nähe entdeckte, strich sie zärtlich mit den Händen über die Rinde des Baumes. Leise flüsterte sie dabei: „Ich mag dich, Baum. Ich halte zu dir. Gib nicht auf, mein Baum!“ Nach einer Weile rannte sie wieder los, weil sie ja zur Schule musste. Es machte ihr nichts aus, dass sie zu spät kam, denn sie hatte ein Geheimnis und eine Hoffnung. Der Baum hatte zuerst gar nicht bemerkt, dass ihn jemand berührte. Er konnte nicht glauben, dass das Streicheln und die Worte ihm galten – und auf einmal war er ganz verblüfft, und es wurde sehr still in ihm.
Als das Mädchen wieder fort war, wusste er zuerst nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Dann schüttelte er seine Krone leicht im Wind, vielleicht ein bisschen zu heftig, und sagte zu sich, dass er wohl geträumt haben müsse. Oder vielleicht doch nicht? In einem kleinen Winkel seines Baumherzens hoffte er nur, dass es kein Traum gewesen war. Auf dem Heimweg von der Schule war das Mädchen nicht allein. Trotzdem ging es dicht an dem Baum vorbei, streichelte ihn im Vorübergehen und sagte leise: „Ich mag dich, und ich komm bald wieder.“ Da begann der Baum zu glauben, dass er nicht träumte, und ein ganz neues, etwas seltsames Gefühl regte sich in einem kleinen Ast. Die Mutter wunderte sich, dass ihre Tochter auf einmal so gerne einkaufen ging. Auf alle Fragen der Eltern lächelte die Kleine nur und behielt ihr Geheimnis für sich.
Immer wieder sprach das Mädchen nun mit dem Baum, umarmte ihn manchmal, streichelte ihn oft. Er verhielt sich still, rührte sich nicht. Aber in seinem Innern begann sich etwas immer stärker zu regen. Wer ihn genau betrachtete, konnte sehen, dass seine Rinde ganz langsam eine freundlichere Farbe bekam. Das Mädchen jedenfalls bemerkte es und freute sich sehr. Der Gärtner und seine Frau, die den Baum ja vor vielen Jahren gepflanzt hatten, lebten regelmäßig und ordentlich, aber auch freudlos und stumpf vor sich hin. Sie wurden älter, zogen sich zurück und waren oft einsam. Den Baum hatten sie so nach und nach vergessen, ebenso wie sie vergessen hatten, was Lachen und Freude ist – und Leben. Eines Tages bemerkten sie, dass manchmal ein kleines Mädchen mit dem Baum zu reden schien. Zuerst hielten sie es einfach für eine Kinderei, aber mit der Zeit wurden sie doch etwas neugierig. Schließlich nahmen sie sich vor, bei Gelegenheit einfach zu fragen, was das denn soll.
Und so geschah es dann auch. Das Mädchen erschrak, wusste nicht so recht, wie es sich verhalten sollte. Einfach davonlaufen wollte es nicht, aber erzählen, was wirklich war – das traute es sich nicht. Endlich gab die Kleine sich einen Ruck, dachte: „Warum eigentlich nicht?“ und erzählte die Wahrheit. Der Gärtner und seine Frau mussten ein wenig lachen, waren aber auf eine seltsame Weise unsicher, ohne zu wissen, warum. Ganz schnell gingen sie wieder ins Haus und versicherten sich gegenseitig, dass das kleine Mädchen wohl ein wenig verrückt sein müsse. Aber die Geschichte ließ sie nicht mehr los. Ein paar Tage später waren sie wie zufällig in der Nähe des Baumes, als das Mädchen wiederkam. Dieses Mal fragte es die Gärtnersleute, warum sie denn den Baum so zurechtgestutzt haben. Zuerst waren sie empört, konnten aber nicht leugnen, dass der Baum in den letzten Wochen ein freundlicheres Aussehen bekommen hatte. Sie wurden sehr nachdenklich. Die Frau des Gärtners fragte schließlich: „Meinst du, dass es falsch war, was wir getan haben?“„Ich weiß nur“, antwortete das Mädchen, „dass der Baum traurig ist. Und ich finde, dass das nicht sein muss. Oder wollt ihr einen traurigen Baum?“„Nein!“ rief der Gärtner. „Natürlich nicht. Doch was bisher gut und recht war, ist ja wohl auch heute noch richtig, auch für diesen Baum.“ Und die Gärtnersfrau fügte hinzu: „Wir haben es doch nur gut gemeint.“„Ja, das glaube ich“, sagte das Mädchen, „ihr habt es sicher gut gemeint und dabei den Baum sehr traurig gemacht. Schaut ihn doch einmal genau an!“ Und dann ließ sie die beiden alten Leute allein und ging ruhig davon mit dem sicheren Gefühl, dass nicht nur der Baum Liebe brauchen würde.
Der Gärtner und seine Frau dachten noch sehr lange über dieses seltsame Mädchen und das Gespräch nach. Immer wieder blickten sie verstohlen zu dem Baum, standen oft vor ihm, um ihn genau zu betrachten. Und eines Tages sahen auch sie, dass der Baum zu oft beschnitten worden war. Sie hatten zwar nicht den Mut, ihn auch zu streicheln und mit ihm zu reden. Aber sie beschlossen, ihn wachsen zu lassen, wie er wollte. Das Mädchen und die beiden alten Leute sprachen oft miteinander – über dies oder das und manchmal über den Baum.
Gemeinsam erlebten sie, wie er ganz behutsam, zuerst ängstlich und zaghaft, dann ein wenig übermütig und schließlich kraftvoll zu wachsen begann. Voller Lebensfreude wuchs er schief nach unten, als wolle er zuerst einmal seine Glieder räkeln und strecken. Dann wuchs er in die Breite, als wolle er die ganze Welt in seine Arme schließen, und in die Höhe, um allen zu zeigen, wie glücklich er sich fühlt. Auch wenn der Gärtner und seine Frau es sich selbst nicht trauten, so sahen sie doch mit stiller Freude, dass das Mädchen den Baum für alles lobte, was sich an ihm entfalten und wachsen wollte.
Voll Freude beobachtete das Mädchen, dass es dem Gärtner und seiner Frau beinahe so ähnlich erging wie dem Baum. Sie wirkten lebendiger und jünger, fanden das Lachen und die Freude wieder und stellten eines Tages fest, dass sie wohl manches im Leben falsch gemacht hatten. Auch wenn das jetzt nicht mehr zu ändern wäre, so wollten sie wenigstens den Rest ihres Lebens anders gestalten. Sie sagten auch, dass sie Gott wohl ein wenig falsch verstanden hätten, denn Gott sei schließlich Leben, Liebe und Freude und kein Gefängnis. So blühten gemeinsam mit dem Baum zwei alte Menschen zu neuem Leben auf.
Es gab keinen Garten weit und breit, in welchem ein solch schief und wild und fröhlich gewachsener Baum stand. Oft wurde er jetzt von Vorübergehenden bewundert, was der Gärtner, seine Frau und das Mädchen mit stillem, vergnügtem Lächeln beobachteten. Am meisten freute sie, dass der Baum all denen Mut zum Leben machte, die ihn wahrnahmen und bewunderten.
Diesen Menschen blickte der Baum noch lange nach – oft bis er sie gar nicht mehr sehen konnte. Und manchmal begann er dann, so dass es sogar einige Menschen spüren konnten, tief in seinem Herzen glücklich zu lachen.
(von Heinz Körner aus "Die Farben der Wirklichkeit")
In dieser Nacht war das kleine Mädchen sehr unruhig. Immer wieder dachte es an den traurigen Baum und schlief schließlich erst ein, als bereits der Morgen zu dämmern begann. Natürlich verschlief das Mädchen an diesem Morgen. Als es endlich aufgestanden war, wirkte sein Gesicht blass und stumpf.
„Hast du etwas Schlimmes geträumt?“ fragte der Vater. Das Mädchen schwieg, schüttelte dann den Kopf. Auch die Mutter war besorgt: „Was ist mit dir?“
Und da brach schließlich doch all der Kummer aus dem Mädchen. Von Tränen überströmt stammelte es: „Der Baum! Er ist so schrecklich traurig. Darüber bin ich so traurig. Ich kann das alles einfach nicht verstehen.“ Der Vater nahm die Kleine behutsam in seine Arme, ließ sie in Ruhe ausweinen und streichelte sie nur liebevoll. Dabei wurde ihr Schluchzen nach und nach leiser, und die Traurigkeit verlor sich allmählich. Plötzlich leuchteten die Augen des Mädchens auf, und ohne dass die Eltern etwas begriffen, war es aus dem Haus gerannt.
Wenn ich traurig bin und es vergeht, sobald mich jemand streichelt und in die Arme nimmt, geht es dem Baum vielleicht ähnlich – so dachte das Mädchen. Und als es ein wenig atemlos vor dem Baum stand, wusste es auf einmal, was zu tun war. Scheu blickte die Kleine um sich. Als sie niemanden in der Nähe entdeckte, strich sie zärtlich mit den Händen über die Rinde des Baumes. Leise flüsterte sie dabei: „Ich mag dich, Baum. Ich halte zu dir. Gib nicht auf, mein Baum!“ Nach einer Weile rannte sie wieder los, weil sie ja zur Schule musste. Es machte ihr nichts aus, dass sie zu spät kam, denn sie hatte ein Geheimnis und eine Hoffnung. Der Baum hatte zuerst gar nicht bemerkt, dass ihn jemand berührte. Er konnte nicht glauben, dass das Streicheln und die Worte ihm galten – und auf einmal war er ganz verblüfft, und es wurde sehr still in ihm.
Als das Mädchen wieder fort war, wusste er zuerst nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Dann schüttelte er seine Krone leicht im Wind, vielleicht ein bisschen zu heftig, und sagte zu sich, dass er wohl geträumt haben müsse. Oder vielleicht doch nicht? In einem kleinen Winkel seines Baumherzens hoffte er nur, dass es kein Traum gewesen war. Auf dem Heimweg von der Schule war das Mädchen nicht allein. Trotzdem ging es dicht an dem Baum vorbei, streichelte ihn im Vorübergehen und sagte leise: „Ich mag dich, und ich komm bald wieder.“ Da begann der Baum zu glauben, dass er nicht träumte, und ein ganz neues, etwas seltsames Gefühl regte sich in einem kleinen Ast. Die Mutter wunderte sich, dass ihre Tochter auf einmal so gerne einkaufen ging. Auf alle Fragen der Eltern lächelte die Kleine nur und behielt ihr Geheimnis für sich.
Immer wieder sprach das Mädchen nun mit dem Baum, umarmte ihn manchmal, streichelte ihn oft. Er verhielt sich still, rührte sich nicht. Aber in seinem Innern begann sich etwas immer stärker zu regen. Wer ihn genau betrachtete, konnte sehen, dass seine Rinde ganz langsam eine freundlichere Farbe bekam. Das Mädchen jedenfalls bemerkte es und freute sich sehr. Der Gärtner und seine Frau, die den Baum ja vor vielen Jahren gepflanzt hatten, lebten regelmäßig und ordentlich, aber auch freudlos und stumpf vor sich hin. Sie wurden älter, zogen sich zurück und waren oft einsam. Den Baum hatten sie so nach und nach vergessen, ebenso wie sie vergessen hatten, was Lachen und Freude ist – und Leben. Eines Tages bemerkten sie, dass manchmal ein kleines Mädchen mit dem Baum zu reden schien. Zuerst hielten sie es einfach für eine Kinderei, aber mit der Zeit wurden sie doch etwas neugierig. Schließlich nahmen sie sich vor, bei Gelegenheit einfach zu fragen, was das denn soll.
Und so geschah es dann auch. Das Mädchen erschrak, wusste nicht so recht, wie es sich verhalten sollte. Einfach davonlaufen wollte es nicht, aber erzählen, was wirklich war – das traute es sich nicht. Endlich gab die Kleine sich einen Ruck, dachte: „Warum eigentlich nicht?“ und erzählte die Wahrheit. Der Gärtner und seine Frau mussten ein wenig lachen, waren aber auf eine seltsame Weise unsicher, ohne zu wissen, warum. Ganz schnell gingen sie wieder ins Haus und versicherten sich gegenseitig, dass das kleine Mädchen wohl ein wenig verrückt sein müsse. Aber die Geschichte ließ sie nicht mehr los. Ein paar Tage später waren sie wie zufällig in der Nähe des Baumes, als das Mädchen wiederkam. Dieses Mal fragte es die Gärtnersleute, warum sie denn den Baum so zurechtgestutzt haben. Zuerst waren sie empört, konnten aber nicht leugnen, dass der Baum in den letzten Wochen ein freundlicheres Aussehen bekommen hatte. Sie wurden sehr nachdenklich. Die Frau des Gärtners fragte schließlich: „Meinst du, dass es falsch war, was wir getan haben?“„Ich weiß nur“, antwortete das Mädchen, „dass der Baum traurig ist. Und ich finde, dass das nicht sein muss. Oder wollt ihr einen traurigen Baum?“„Nein!“ rief der Gärtner. „Natürlich nicht. Doch was bisher gut und recht war, ist ja wohl auch heute noch richtig, auch für diesen Baum.“ Und die Gärtnersfrau fügte hinzu: „Wir haben es doch nur gut gemeint.“„Ja, das glaube ich“, sagte das Mädchen, „ihr habt es sicher gut gemeint und dabei den Baum sehr traurig gemacht. Schaut ihn doch einmal genau an!“ Und dann ließ sie die beiden alten Leute allein und ging ruhig davon mit dem sicheren Gefühl, dass nicht nur der Baum Liebe brauchen würde.
Der Gärtner und seine Frau dachten noch sehr lange über dieses seltsame Mädchen und das Gespräch nach. Immer wieder blickten sie verstohlen zu dem Baum, standen oft vor ihm, um ihn genau zu betrachten. Und eines Tages sahen auch sie, dass der Baum zu oft beschnitten worden war. Sie hatten zwar nicht den Mut, ihn auch zu streicheln und mit ihm zu reden. Aber sie beschlossen, ihn wachsen zu lassen, wie er wollte. Das Mädchen und die beiden alten Leute sprachen oft miteinander – über dies oder das und manchmal über den Baum.
Gemeinsam erlebten sie, wie er ganz behutsam, zuerst ängstlich und zaghaft, dann ein wenig übermütig und schließlich kraftvoll zu wachsen begann. Voller Lebensfreude wuchs er schief nach unten, als wolle er zuerst einmal seine Glieder räkeln und strecken. Dann wuchs er in die Breite, als wolle er die ganze Welt in seine Arme schließen, und in die Höhe, um allen zu zeigen, wie glücklich er sich fühlt. Auch wenn der Gärtner und seine Frau es sich selbst nicht trauten, so sahen sie doch mit stiller Freude, dass das Mädchen den Baum für alles lobte, was sich an ihm entfalten und wachsen wollte.
Voll Freude beobachtete das Mädchen, dass es dem Gärtner und seiner Frau beinahe so ähnlich erging wie dem Baum. Sie wirkten lebendiger und jünger, fanden das Lachen und die Freude wieder und stellten eines Tages fest, dass sie wohl manches im Leben falsch gemacht hatten. Auch wenn das jetzt nicht mehr zu ändern wäre, so wollten sie wenigstens den Rest ihres Lebens anders gestalten. Sie sagten auch, dass sie Gott wohl ein wenig falsch verstanden hätten, denn Gott sei schließlich Leben, Liebe und Freude und kein Gefängnis. So blühten gemeinsam mit dem Baum zwei alte Menschen zu neuem Leben auf.
Es gab keinen Garten weit und breit, in welchem ein solch schief und wild und fröhlich gewachsener Baum stand. Oft wurde er jetzt von Vorübergehenden bewundert, was der Gärtner, seine Frau und das Mädchen mit stillem, vergnügtem Lächeln beobachteten. Am meisten freute sie, dass der Baum all denen Mut zum Leben machte, die ihn wahrnahmen und bewunderten.
Diesen Menschen blickte der Baum noch lange nach – oft bis er sie gar nicht mehr sehen konnte. Und manchmal begann er dann, so dass es sogar einige Menschen spüren konnten, tief in seinem Herzen glücklich zu lachen.
(von Heinz Körner aus "Die Farben der Wirklichkeit")
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