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Hin- und hergerissen

2 Antworten1'062 AufrufeGestartet von tishani ·

tishaniThemenstart
#1
(Teil 1 - Ich habe tatsächlich das Wortlimit gesprengt! 8o )

Hallo liebe Liebeskummmer-Leser, ich hab auch so ein "kleines" Problem und würde gerne mal Euren Rat hören. Ich warne lieber gleich, die Geschichte ist etwas länger und ein wenig ungewöhnlich ist sie auch. ;)

Eigentlich ist es ganz einfach, ich habe mich im letzten November verliebt - in einen neuen Arbeitskollegen. Kompliziert wird das Ganze, weil ich verlobt war und dieses Jahr auch geheiratet habe. Bevor jetzt jemand Zeter und Mordio schreit, von wegen wie ich konnte: ich liebe meinen Mann über alles, wir haben bereits über Jahre hinweg zusammengelebt und sind wirklich glücklich miteinander. Ich hatte vor ihm zwei Beziehungen, in denen auch mehr als zwei Personen beteiligt waren. Das ist damals nicht geplant passiert, sondern hat sich so ergeben, allerding kamen wir alle nicht wirklich damit klar (gesellschaftliche Vorstellungen irgendwer?). Heute weiß ich, daß es unter dem Begriff Polyamory das als eigenes Beziehungskonzept gibt und wir damals vieles falsch gemacht haben. Daß ich nochmal in so eine Situation geraten würde, hatte ich aber nicht gedacht. Bis ich von Polyamory laß, waren daß für mich eher Unfälle gewesen. Und nein, man kann mehrere Männer gleichermaßen lieben, von Eltern mit zwei Kindern behauptet ja auch niemand, sie müßte ihr Gefühl der Liebe plötzlich halbieren, oder? Liebe ist nicht mengenmäßig begrenzt, Zeit ist es.

Ich war meinem jetzigen Mann jedenfalls immer treu, hatte ich auch nie ein Problem und die ganze Vorgeschichte war abgeschlossen für mich. Mein Mann ist bisher rein monogam gewesen, aber so aufgeschlossen, daß er einen Versuch prinzipiell wagen würde. Wir haben uns darüber vor Kurzem mal ganz allgemein unterhalten.

Jedoch weiß er nichts von meiner Vorgeschichte und auch nicht, daß sich bei mir jetzt dieser Arbeitskollege als so wichtig für mich entwickelt hat. Allerdings denke ich, er ahnt was, weil er Bemerkungen macht über ihn (sie kennen sich flüchtig) in ... eindeutigen Situationen/Bezug. Nichts Böses oder so, sondern humorvoll neckend. Auch einer der Charakterzüge, die ich so an ihm liebe. Er könnte ja auch an die Decke gehn oder eifersüchtig hinter mir hertelefonieren oder sonstwas, nicht wahr?

Soweit diese Seite.

Die andere Seite ist der Arbeitskollege. Er ist ebenfalls liiert. Sehr schüchterner und introvertierter Charakter. Ich bin ein ziemlich unkonventioneller Mensch und durch seine Barrieren zugegebenermaßen ... einfach durchmarschiert. Eigentlich lief es so, daß ich instinktiv erkannte, ich komme nur mit Offenheit an ihn heran, weil er so verschlossen ist und habe ihm dann von mir erzählt. Nichts über meine Beziehung oder sowas, sondern was ich worüber denke, wie ich aufgewachsen bin, was mit wichtig ist etc. Die ersten beiden Monate haben wir so viel geredet abends im Büro, wenn die andern gegangen waren. Tiefe Blicke, Witze auch mit derberem/sexuellen Charakter, er ist allmählich aus sich herausgekommen und hat viel gelacht. Ich habe ihm gesagt, daß er mir sympathisch ist und er mir, daß er meine Art sehr mag. Außerdem hat er abfällige Bemerkungen gemacht über Weihnachten, welches vor der Tür stand, wäre ja alles nur Konsum. Als ich antwortete, daß es für mich sehr wichtig ist, weil es ein Fest ist bei dem man die Familie zusammen hat, meinte er, naja, wenn er Familie hätte, würde er das vielleicht auch so sehn. Damals wußte ich nichts von seiner Freundin, aber Eltern leben beide noch und er ist sie zu Weihnachten auch besuchen gefahren. Insofern eigenartige Bemerkung, aber gut. Diese Bemerkungen über Weihnachten rissen jedenfalls nicht ab und als ich dann mit meinem Mann bei meinen Eltern zu Besuch war und dort der Haussegen dieses Mal arg schief hing, war ich so gefrustet, daß ich ihm eine Mail schickte. Er solle mir mein Weihnachten wiedergeben und sowas. Außerdem hatte ich geschrieben, daß wir in einem Film waren und ich mich frage, was er von diesem gehalten hätte. (Darin ging es um eine Frau, die einem ziemlich verknöcherten Beamten, den sie mit einem Therapeuten verwechselt, ihre ganze Lebensgeschichte erzählt und ihn so aus seiner eingestaubten kleinen Welt herausholt. Er verliebt sich allmählich in sie, aber traut sich nicht, etwas zu sagen. Die ganze Zeit nur Gespräche und vorsichtiges Herantasten und nachts tanzt er dann durch die Wohnung ...) Alles scherzhaft formuliert. Aber bei mir der Druck dahinter, daß ich irgendwie aus der Situation raus mußte. Zu dem Zeitpunkt gab es für mich nur entweder oder, also Heiraten oder nicht. Ich brauchte Klarheit, hab mich aber nicht getraut, was wirklich Klares zu sagen (inzwischen wußte ich von seiner Freundin).

Nach dem die Mail verschickt war, kam ich mir unheimlich dumm vor und hätte sie gern zurcükgeholt. Was technisch nunmal nicht machbar ist. Als er dann im neuen Jahr wieder da war nach Urlaub, habe ich ihm gesagt, daß mir das mit der Mail sehr peinlich ist und ein Kurzschluß war und es mir leid tut. Er gab sich völlig verwirrt, welche Mail ich meine. Fing an, in seinem Posteingang nachzusehn - während ich dasaß und am liebsten im Boden versunken wäre. Schließlich hatte er sie gefunden und meinte "Ach die? Wieso, was war so schlimm daran?". Man kann sich übrigens nicht selbst in den Hintern beißen, auch wenn man das noch so gerne möchte ...

Ich konnte nur schweigen, was sollte ich auch sagen. Er fing an nachzuhaken, was denn los sei, weswegen ich mich entschuldigen würde, ob mein Weihnachten wirklich so schlimm gewesen wäre? Brachte kein Wort heraus.

Langer Rede kurzer Sinn, ich hab ihm dann später, als er gegangen war, eine Mail geschrieben und gesagt, daß es mir um den Film ging und ich mir ziemlich dumm vorkäme, weil er sich nichts dabei gedacht hat und ich ihn erst drauf hingewiesen habe. Daß ich jedenfalls hoffe, daß das nicht irgendwie unser Verhältnis belastet. Nun ja ... damit fing die Sache an kompliziert zu werden. Er wurde nämlich hocgradig nervös in meiner Nähe. Gottseidank mußte ich sowieso das Büro wechseln, wäre sonst kaum auszuhalten gewesen. Aber es war nicht mehr möglich, mit ihm normal zu reden, er bekam einen roten Kopf und trockenen Mund und konnte mir nicht in die Augen sehn. Trauma hoch 10, das hatte ich ja nun garnicht gewollt. Ich versuchte, das zu kitten, schrieb ein paar lockere Mails und zuletzt meinte er, er möchte gern 2-3 Dinge dazu sagen, aber Auge in Auge. Also haben wir uns zusammengesetzt. Was schon eigenartig anfing. Er hatte (Januar!) ein enges Shirt an, daß er gut gebaut ist, konnte man damit zweifellos erkennen. Die Räumlichkeit, wo wir reden wollten, ist architektonisch sehr ... modern - und hat kein Licht, außer durch die großen Fensterflächen. Es war aber bereits abends und damit ziemlich dunkel. Ich sah nach, ob auf der gegenüberliegenden Raumseite ein Lichtschalter ist (ich war neu dort) und er ... machte Klimmzüge an den Vorsprüngen, ob da was wäre (haha?). Hm nagut. Er begann das Gespräch damit, daß er mich sehr schätzt als Mensch, aber in einer glücklichen Beziehung ist ... Da gingen bei mir alle Alarmglocken an und ich meinte gleich, naja, ich hab da nen Hochzeitskoller gehabt und das wär alles etwas dumm gelaufen. Und er erleichtert "Und jetzt ist alles wieder ok?". Ich nickte und damit wars entspannt wie vorher. Wobei er meinte, er würde ja nie heiraten, warum soll er sich so an die Kette legen. Wüßte keinen Grund, warum man das tun sollte, grade in meinem Alter (bin jünger als er) - blabla.

Ich war traurig aber gleichzeitig erleichtert, daß das vom Tisch ist.

Ist es aber nicht (Überraschung). Wir sind seitdem so eine Art Freunde geworden (soweit das geht bei ihm, er ist extrem zurückhaltend, hat sonst keinerlei Kontakt zu irgendwem auf Arbeit), er erzählt mir sogar ein bischen von sich, Alltagszeug, Familie, Kindheit. Wir machen ziemlich üble Witze teilweise und lassen uns über Arbeitskollegen aus. Er war auch mit mir mein Hochzeitskleid abholen und ich war mal bei ihm zuhause und wir waren in einer Ausstellung, weil wir uns beide für Kunst interessieren und mein Mann da kein Interesse hat. Was mir nun zu schaffen macht an der ganzen Sache ist, daß er - obwohl er das sonst extrem vermeidet - teilweise Körperkontakt zu mir sucht. Z.B. ein Empfang, ich bin am Buffett und greife nach einem Weinglas, er bittet mich, ihm auch eins zu geben, was ich mache. Und er greift mit beiden Händen so zu, daß er meine Hände mit umschlossen hat. War etwas schwierig, ihm das Glas so überhaupt zu geben bzw. meine Hände da wieder rauszubekommen. Oder wir sitzen nebeneinander bei einer Besprechung o.Ä. und er fäng seit einer Weile an, mit dem Stuhl hin- und herzuschwenken und herumzurutschen, bis er Kniekontakt mit mir hat. Dann hört er auf. Oder andere Situation, wir stehen irgendwo in einer Gruppe, reden mit anderen und er räuspert sich und rückt dann langsam an mich heran, bis er meinen Ellbogen berührt und bleibt so stehn. Außerdem hatten wir mehrfach Gespräche wegen Mails, teilweise fehlt ihm im Umgang mit Anderen ein gewisses Einfühlungsvermögen oder seine Witze sind mißverständlich. Und im Gegensatz zu allen Anderen rege ich mich dann auf und knalle ihm das auch klar hin - was er, wie er mal sagte, mag. Jedoch lief das einmal im Sommer dann soweit, daß er meinte, daß würde schon so wirken, als ob ... naja, ich wisse schon. Ich gab mich ahnungslos, wie denn? Er wurde rot und druckste herum, ich wüßte schon, müßte ich nur mal drüber nachdenken. Ich hab nur verärgert ausgesehn und geschwiegen. Was sollte ich auch sagen? Jedenfalls hätte er die Mails auch anderen gezeigt, also ohne zu sagen von wem die sind und nur Vertrauenspersonen - und die hätten die selbe Meinung und gesagt, so würden sie nicht mit sich reden lassen. .

#2
(Teil 2)

Darauf war ich ziemlich fertig und habe erstmal jeden Kontakt abgebrochen. Irgendwie kam dann aber doch wieder ein Gespräch in Gang per Mails. Er fing wieder an herumzuwitzeln und ich schrieb, daß würde nichts werden, dafür wäre zuviel Zeug im Weg, das sich nicht auflösen ließe. Er meinte, er versteht nicht, was ich meine. Ich versuchte knapp, das zu erklären, er machte Bemerkungen von wegen, ich sehe alles zu schwarz etc. - kurzum ich fühlte mich ziemlich verarscht. Also habe ich ihm geschrieben, ich breche das jetzt ab, er würde mich enorm verletzen mit solchen Bemerkungen und das würde ich mir nicht mehr antun. Am nächsten Tag fing er mich ab zwischendurch und meinte, er tut ihm leid, er wollte mir nicht wehtun und ob wir nicht nochmal reden könnten. Haben wir also. Er entschuldigte sich nochmals und erklärte wie seine Bemerkungen gemeint waren, auch daß er meine Mails nicht einfach so herumgezeigt hätte, sondern nur Vertrauenspersonen, seiner Freundin z.B. (das ging ja runter wie Öl ... wenn auch verständlich). Ich sagte ihm, daß ich mit dem Rücken jetzt ziemlich gegen die Wand stünde. Wenn er meine Mails so versteht, als ob ich ihn anmache (sie waren nicht irgendwie sexuell oder zweideutig, ich hab sogar eine Freundin gebeten, sie nochmal quer zu lesen, um so Theater wie im Januar auszuschließen) und sie anderen zeigt, was soll ich dann noch sagen? Und er: "Naja, das heißt ja nicht, daß es so IST, es heißt ja nur, daß es für mich so schien. Und es hat mich eben sehr belastet und ich wußte nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich mußte mit jemandem drüber reden.". Ich konnte damit dann soweit leben und wir haben uns noch eine Weile unterhalten. Dann fing er irgendwann wieder an "Aber man regt sich doch nicht so sehr auf über so Kleinigkeiten, oder? Da steckt doch mehr dahinter?", eisernes Schweigen von meiner Seite, was blieb mir auch übrig? Seitdem kommen wir jedenfalls soweit sehr gut klar miteiander und können sehr ehrlich miteinander reden. Und allmählich entspanne ich mich auch wieder in seiner Gegenwart und höre auf, so furchtbar mich am Riemen zu reißen, damit er nicht irgendwas entsprechend interpretiert. Ich hatte das auch mal so erwähnt ihm gegenüber und er meinte dann, ich soll einfach ich sein.

Je mehr ich mich aber entspanne, desto stärker werden meine Gefühle wieder. Und das ist das Problem an der Sache.

Ich weiß nicht, ob ich das falsch interpretiere von seiner Seite, daß er wirklich Kontakt sucht und nicht nur so ein bischen rumwitzeln will. Er wird immernoch nervös in meiner Nähe - ich brauche nur mal bei einer Besprechung näher heranzurücken anstatt ihn sein Stuhl-Wipp-Verfahren abspulen zu lassen, sofort kommt er ins Stocken. Er lacht laut, wenn ich über etwas Lachen muß und versucht auch ständig, mich zum Lachen zu bringen - sonst lacht er fast nie. Und eine Arbeitskollegin, mit der ich mich sehr gut verstehe, meinte schon mal, ob mir das garnicht auffällt, daß er bei Besprechungen immer nur mich ansieht. Da habe ich natürlich abgewiegelt.

Falls bis hierhin irgendjemand wirklich durchgehalten hat (danke ;) ), die verzwickte Frage ist nun: soll ich es riskieren und nochmal einen Anlauf wagen? Ihm sagen, daß ich poly bin bzw. war und mein Mann auch bereit wäre, eine poly Beziehung zu versuchen. Das ich doch mehr für ihn empfinde und gerne über diese Freundschaft hinaus mehr möchte? Seine Freundin würde natürlich auch bereit sein müssen dazu (was vielleicht sogar das Hauptproblem wäre, andererseits redet er soviel über Experimentierei und sich ausprobieren und sowas ...). Aber ersteinmal geht es mir natürlich darum, was er selber dazu sagen würde.

Ich habe ziemliche Angst, daß alles wieder so verkrampft wird wie im Januar. Und sein Vertrauen zu verlieren, weil ich ihm letztendlich was vorgemacht habe - das wäre schlimm. Andererseits denke ich, können wir inzwischen so locker miteinander umgehn, daß ich annehme, er würde diesmal besser damit umgehen können. Aber ich bin mir natürlich nicht sicher.

Wie klingt das Ganze denn für Euch?

Interpretiere ich zuviel in die Sache hinein und sollte das begraben?

Ich schaffe es nunmal nicht, die ganze Geschichte objektiv zu betrachten. Und meine engsten Freunde kennen ihn nicht und können es ebensowenig beurteilen, weil wir über die halbe Welt verstreut sind.

#3
hallo tishani,

nur eine kurze antwort... bin müde vom lesen ((-: scherz.

sag es ihm... es nimmt sont kein ende.

rede ganz offen mit ihm darüber.

ich wünsch dir viel glück

lg annabell

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