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Vergessen

0 Antworten1'197 AufrufeGestartet von SeinMädchen ·

SeinMädchenThemenstart
#1
Vergessen Durch Erinnern

„Was machst Du heute noch?“ fragte er mit leeren Augen, die sein Desinteresse an der Antwort bereits vorher manifestierten. Unausweichlich. Einzig am Klang seiner eigenen Stimme schien er sich zu erwärmen, dem inneren Schweigen von außen Töne zu verleihen.

„Ich werde vergessen.“ sagte sie, ohne den Blick zu heben.

Sein Interesse war nicht geweckt und so fragte er eher zwanghaft, als interessiert, einzig, um sich nochmals reden zu hören: „Und wie machst Du das mit dem Vergessen?“

„Ich erinnere mich“ kam es wie aus der Pistole geschossen.

Seine Augen füllten sich mit weißem Blut, sah er doch die einmalige Gelegenheit, sich an ihrem Widerspruch aufzurichten. Von Lethargie wechselte er zu lauernder Höflichkeit. „Erinnern soll dem Vergessen behilflich sein?“

„Sicher kann man durch Erinnern auch vergessen.“ Während sie antwortete, hob sie ein wenig die Augenbrauen, für einen Blick in seine Augen reichte es noch nicht. „Wenn ich mich erinnere, dann weiß ich, dass es keine Zeit gibt. Mein Hier und meine Vergangenheit verschmelzen in einen großen Fluss, alles erlebe ich wie ein Vogelschwarm, den ich gerade sehe und von dem ich weiß, dass er schon vorbei geflogen ist, wenn ich einen Lidschlag in die Unendlichkeit gesendet habe.

Was war, das war, dies kann ich nicht mehr ändern. Es steht wie ein Monument von Un- und Zulänglichkeiten in meinem Leben. Ich bin nicht mehr dafür verantwortlich, es ist abgeglitten in die Unabänderlichkeit. Also bin ich auch davon befreit. Wovon ich frei bin, das kann ich auch vergessen.“

Er spürte, wie das Blut in seinem Kopf zu rauschen begann. „Aber“, begann er stotternd, „aber Du kannst Dich doch trotzdem wieder daran erinnern und hast es nicht vergessen.„

„Stimmt.“

Ein Wort, ein Wort nur. Dabei hatte er ihr doch gerade gestattet, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Er würde es nicht hinnehmen, dass sie ihn zwang, sich weiter mit ihr zu beschäftigen, ohne dass sie ihm den für ihn nötigen Respekt entgegen brachte. „Wenn Du Dich erinnern kannst, dann hast Du gar nicht vergessen!“ brach es aus ihm heraus.

„Doch“ sagte sie in der ihr im Gespräch gewachsenen Selbstverständlichkeit. „Ich habe einfach zwei Mal kapituliert. Ich vergesse meine Verantwortung, dann muss ich mich auch nicht mehr erinnern.“

Er war durch seine Sprachlosigkeit geschlagen, die schon wieder die gefühlte, wollig warme Leere einzustellen vermochte. Und dennoch erwog er noch eine Frage: „Und was machst Du, wenn Du nicht vergessen willst?“.

„Ganz einfach“, sagte sie und dieses Mal schaute sie ihm direkt in die Augen: „Ich resigniere wieder. Warum soll sich ein Staubkorn am Sonnensystem aufreiben. Es existiert auch ohne das Sonnensystem weiter. Das Staubkorn aber gewinnt an Größe, umso weniger Reibung es hat.“

„Du langweilst mich.“ meinte er und hatte nun endgültig beschlossen, einfach zu gehen.

„Und auch das werde ich gleich vergessen haben.“ Dies meinte sie nur beiläufig und schien sich gerade zu erinnern.

(Quelle: SeinMädchen)

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