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Erich fried, die besten

36 Antworten115'126 AufrufeGestartet von schnubbi87 ·

#21
Was ich möchte

Wenn ich dich ganz so

sehen könnte

wie ich gern möchte müßte

ich mich nach

deinem Anblick nicht sehnen

Ich sähe dich dann ja vor mir

wann immer ich wollte

mit offenen oder

mit geschlossenen Augen

Aber ich könnte doch

deine Stimme nicht hören

und dich nicht atmen fühlen

und deine Haut

und deine Haare nicht riechen

und dich nicht halten

Ich möchte dich

so sehen

daß du mir im Auge bleibst

wie das Bild der Sonne

wenn man die Augen schließt

Aber nicht nur

wenn ich meine Augen

schließe:

auch wenn ich tot bin

#22
Eine Art Liebesgedicht

Wer sehnt sich nach dir

wenn ich mich nach dir sehne?

Wer streichelt dich

wenn meine Hand nach dir sucht?

Bin das ich oder sind das

die Reste meiner Jugend?

Bin das ich oder sind das

die Anfänge meines Alters?

Ist das mein Lebensmut oder

meine Angst vor dem Tod?

Und warum sollte

meine Sehnsucht dir etwas bedeuten?

Und was gibt dir meine Erfahrung

die mich nur traurig gemacht hat?

Und was geben dir meine Gedichte

in denen ich nur sage

wie schwer es geworden ist

zu geben oder zu sein?

Und doch scheint im Garten

im Wind vor dem Regen die Sonne

und es duftet das sterbende Gras

und der Liguster

und ich sehe dich an

und meine Hand tastet nach dir

#23
Vielleicht

Ich müßte vielleicht

an den Kuß

von dir

gar nicht denken

Aber ich roch dabei

den Duft deiner Haare

und deiner Haut

und an den muß ich denken

An den Duft deiner Haare

und deiner Haut

müßte ich vielleicht

gar nicht denken

Aber ich spürte dabei

dein Einatmen und

dein Ausatmen

und an das muß ich denken

An dein Einatmen

und dein Ausatmen

müßte ich vielleicht

gar nicht denken

Aber ich sah dabei

deine Augen

ganz nahe

An die muß ich denken

Und wenn ich

den Duft deiner Haare

und deiner Haut

nicht gerochen hätte

Und wenn ich

dein Einatmen und

dein Ausatmen

nicht gespürt hätte

Und wenn ich

deine Augen

nicht ganz nahe

gesehen hätte

Dann müßte ich

vielleicht doch denken

an diesen Kuß

von dir

#24
Seither

Seither bedeutet Küssen

eigentlich nur noch

Dich küssen

also nur noch

geküsst haben

nicht mehr küssen

nicht wirklich mehr küssen dürfen

also vielleicht auch

nicht wirklich küssen können

Aber eigentlich hat Küssen

nicht nur Küssen bedeutet

sondern auch bei dir sein

Und eigentlich

bedeutet seither

auch sein

nichts als bei dir sein

und atmen

nichts als dich einatmen

oder in dich hineinatmen

also nichts als

bei dir gewesen sein

und bei dir geatmet haben

also eigentlich

nicht mehr atmen

und nicht mehr sein

#25
das fehlt mir die sprache...kompliment!

#26
danke belive

aber wie egsagt, das sind gedichte von erich fried ;)

der is echt der coolste ;)

#27
ist mir auch eben aufgefallen ^^ :o

ich verplantes kind :D

#28
auch für mich ist erich fried der absolut beste und genialste dichter... hab alle seine werke. und deine signatur ist von xavier naidoo, oder? der kann ja auch nicht schlecht mit worten umgehen. wünschte ich hätte das auch im griff...

liebe grüsse

#29
ja erich fried is echt n vorbild für mich...

ja xavier naidoo hat echt super texte....

schon sowas wie gedichte....

liebe grüße

#30
Wollte eig. das Gedicht v. #10 eintragen... aber das hier ist auch schön (und Erich Fried musste mal wieder "nach oben geholt" werden..):

Grenze der Verzweiflung

Ich habe Dich so lieb

daß ich nicht mehr weiß

ob ich Dich so lieb habe

oder ob ich mich fürchte

ob ich mich fürchte zu sehen

was ohne Dich

von meinem Leben

noch am Leben bliebe

Wozu mich noch waschen

wozu noch gesund werden wollen

wozu noch neugierig sein

wozu noch schreiben

wozu noch helfen wollen

wozu aus den Strähnen von Lügen

und Greueln noch Wahrheit ausstrählen

ohne Dich

Vielleicht doch weil es Dich gibt

und weil es noch Menschen

wie Du geben wird

und das auch ohne mich

Quelle: Erich Fried

#31
Antwort auf einen Brief

Ich lese das

was du schreibst

von deinen schlechten Eigenschaften

Gut schreibst du

aber das kann mich

nicht trösten darüber

daß alle diese

deine schlechten Eigenschaften

so weit weg sind von mir

denn ich will sie

ganz nahe haben

Und wenn ich versuche

einzeln an sie zu denken

- deine schlechten Eigenschaften wie du sie aufgezählt hast -

dann wird mir bang

und ich finde

ich muß mich zusammenreißen

damit meine guten

deine schlechten

noch halbwegs wert sind

Quelle: Erich Fried

#32
Fragen und Antworten


W
o sie wohnt?

Im Haus neben der Verzweiflung


Mit wem sie verwandt ist?


Mit dem Tod und der Angst


Wohin sie gehen wird


wenn sie geht?

Niemand weiß das


Von wo sie gekommen ist?


Von ganz nahe oder ganz weit weg


Wie lange sie bleiben wird?


Wenn du Glück hast

solange du lebst


Was sie von dir verlangt?


Nichts oder alles


Was soll das heißen?


Daß das ein und dasselbe ist


Was gibt sie dir


- oder auch mir - dafür?

Genau soviel wie sie nimmt

Sie behält nichts zurück


Hält sie dich


- oder mich - gefangen

oder gibt sie uns frei?

Es kann uns geschehen

daß sie uns die Freiheit schenkt


Frei sein von ihr


ist das gut oder schlecht?

Es ist das Ärgste

was uns zustoßen kann


Was ist sie eigentlich


und wie kann man sie definieren?

Es heißt daß Gott gesagt hat

daß er sie ist

Quelle: Erich Fried




#33
Die Warner

​





Wenn Leute dir sagen:


​



"Kümmere dich nicht

​



soviel um dich selbst"

​



dann sieh dir die Leute an

​



die dir das sagen

​



An ihnen kannst du erkennen

​



wie das ist

​



wenn einer sich nicht genug

​



um sich selbst gekümmert hat

​









Quelle:
Erich Fried

​

#34
Zuflucht

​





Manchmal suche ich Zuflucht


​



bei dir

​



vor dir und vor mir

​





vor dem Zorn auf dich


​



vor der Ungeduld

​



vor der Ermüdung

​





vor meinem Leben


​



das Hoffnungen abstreift

​



wie der Tod

​





Ich suche Schutz


​



bei dir

​



vor der zu ruhigen Ruhe

​





Ich suche bei dir


​



meine Schwäche

​



Die soll mir zu Hilfe kommen

​



gegen die Kraft

​



die ich

​



nicht haben will

​





Quelle: Erich Fried


Zwischengedanken

​





Weil es


​



menschliche Beziehungen gab

​



musste es Menschen geben

​





Nun gibt es zwischenmenschliche


​



Beziehungen

​



die lassen auf das Dasein von Zwischenmenschen schließen

​





Es muss aber auch


​



Zwischenmenschen geben

​



die dafür sorgen

​



dass die zwischenmenschlichen Beziehungen

​



so unmenschlich sind

​





Quelle:
Erich Fried

​

#35
Lob der Verzweiflung




Es ist ein verzweifeltes Tun

die Verzweiflung herunterzumachen

denn die Verzweiflung macht unser Leben zu dem


was es ist



Sie denkt das aus


vor dem wir Ausflüchte suchen

Sie sieht dem ins Gesicht

vor dem wir die Augen verschließen


Keiner der weniger oberflächlich wäre als sie


Keiner der bessere Argumente hätte als sie

Keiner der in Erwägung all dessen

was sie und wir wissen

mehr Recht darauf hätte als sie

so zu sein wie sie ist


Früh am Morgen fühlt sie sich fast noch glücklich


Erst langsam erkennt sie sich selbst

Nach den ersten Worten

die sie mit irgendwem wechselt beginnt sie zu wissen:

sie ist nicht froh

sie ist noch immer sie selbst


Die Verzweiflung ist nicht frei von Launen und Schwächen


Ob ihr Witz eine Stärke oder eine Schwäche ist

weiß sie selbst nicht


Sie kann zornig sein


sie kann bissig und ungerecht sein

sie kann zu besorgt sein um ihre eigne Würde


Aber ohne den Mut zur Verzweiflung wäre vielleicht


noch weniger Würde zu finden

noch weniger Ehrlichkeit

noch weniger Stolz der Ohnmacht gegen die Macht


Es ist ungerecht die Verzweiflung zu verdammen


Ohne Verzweiflung müßten wir alle verzweifeln





QUELLE: Erich Fried





#36
Krank





Wer gegen die Gesetze dieser Gesellschaft


nie verstoßen hat und nie verstößt

und nie verstoßen will

der ist krank


Und wer sich noch immer nicht krank fühlt


an dieser Zeit

in der wir leben müssen

der ist krank


Wer sich seiner Schamteile schämt


und sie nicht liebkost und


die Scham anderer die er liebt



nicht liebkost ohne Scham


der ist krank


Wer sich abschrecken läßt


durch die die ihn krankhaft nennen

und die ihn krank machen wollen

der ist krank


Wer geachtet sein will


von denen die er verachtet

wenn er den Mut dazu aufbringt

der ist krank


Wer kein Mitleid hat


mit denen die er mißachten

und bekämpfen muß


um gesund zu sein


der ist krank


Wer sein Mitleid dazu gebraucht


die Kranken nicht zu bekämpfen

die um ihn herum andere krank machen

der muß krank sein


Wer sich zum Papst der Moral


und zum Vorschriftenmacher

der Liebe macht

der ist so krank wie der Papst


Wer glaubt daß er Frieden haben kann


oder Freiheit

oder Liebe

oder Gerechtigkeit

ohne gegen seine eigene Krankheit

und die seiner Feinde und Freunde

und seiner Päpste und Ärzte zu kämpfen

der ist krank


Wer weiß daß er weil er gesund ist


ein besserer Mensch ist

als die kranken Menschen um ihn herum

der ist krank


Wer in unserer Welt


in der alles nach Rettung schreit

keinen einzigen Weg sieht zu retten

der ist krank





QUELLE: Erich Fried





#37
Was es ist

Es ist Unsinn


sagt die Vernunft



Es ist was es ist



sagt die Liebe


Es ist Unglück


sagt die Berechnung



Es ist nichts als Schmerz



sagt die Angst



Es ist aussichtslos



sagt die Einsicht



Es ist was es ist



sagt die Liebe


Es ist lächerlich


sagt der Stolz



Es ist leichtsinnig



sagt die Vorsicht



Es ist unmöglich



sagt die Erfahrung



Es ist was es ist



sagt die Liebe


​



Quelle: Erich Fried

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