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Tiefer Schlag-Sind wir noch eine Familie?

28 Antworten2'083 AufrufeGestartet von schnalli ·

schnalliThemenstart
#1
Ich hab in den letzten Tagen sehr lange darüber nachgedacht, wie und ob ich überhaut das alles schreiben soll.

Aber ich möcht es dennoch versuchen, da ich keine Antwort für mich finden kann. Wie soll ich nur anfangen, denn egal wie, für solch eine Situation finde ich nur selber schwer die richtigen Worte.

Ich hatte bisher immer eine echt große und glückliche Familie. Doch vor ein paar Tagen ist meine Mutter sehr unerwartet aber friedlich von uns gegangen. Als wenn das nicht schon schwer genug ist, kommt jetzt noch hinzu, das wir alle fast nicht miteinander reden. Alle Familienmitglieder sind da, das Haus ist voll, einige von weit her angereist, und es ist so verdammt still. Gut, jeder versucht mit seiner Trauer und dieser ganzen Situation irgendwie fertig zu werden, aber wir haben noch nicht einmal zusammen versucht, in einem Raum zu sein und darüber zu sprechen.

Alles hängt an mir und meinem Bruder. Selbst er redet nur das Nötigste, und ich kann damit nicht umgehen.

Wir haben immer reden können und schon so manche schwere Prüfung bestanden. Das ist das, was ich immer so außergewöhnlich an unserer Familie fand. Egal wie weit weg einige von uns waren, wie haben immer gemeinsam einen Weg gefunden. Doch jetzt, was bleibt oder ist geblieben von meiner Familie. Alle sind mir so fremd und ich hab das Gefühl, ganz ehrlich, wir schaffen das nicht.

Ich kümmere mich um meinen Vater, den ich kaum wiedererkenne, und ich mir echt Sorgen mache, versuch den Haushalt zu machen, aber vorallem versuch ich, jemanden zu erreichen. Jeder trauert und weint für sich allein, aber warum?

So ein volles Haus, mit all den Menschen, die mir lieb sind und es ist, als wenn die Zeit stehen geblieben ist, seitdem meine Mutter nicht mehr da ist. Es gibt noch so viele Dinge zu erledigen,und zu entscheiden, die ich nicht tun will, aber muß.

Ich würd am liebsten alle anschreien, das sie aufwachen und endlich anfangen zu begreifen. Warum nur ich allein, warum bin ich diejenige, die versucht alle zusammenzuhalten?

Mache ich etwas falsch?

Selbst mein Freund redet kaum mit mir, nur ich hab das Bedürfnis,.....ich muß was tun, es zerreißt mich sonst.

Er sagte mir heute, das er nicht mitgehen wird zur Beerdigung, er kann und schafft das nicht. Er hatte ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Eltern und doch fühl ich mich völlig alleingelassen. Es gab einen riesen Streit, danach hab ich mich auf mein Motorrad gesetzt und bin ersteinmal abgehauen.

Heute sind echt bei mir alle Sicherungen gekommen und meine Angst ist, das meine Familie daran kaputt geht.

Es gibt nicht viele Freunde, mit denen ich reden kann. Sie sind alle befangen und wissen auch nicht, wie man in so einer Situation sein soll. Was auch völlig normal ist und ich erwarte das auch nicht, von keinem meiner Freunde.

Und mit dem, mit dem ich gern reden würde, kann ich nicht reden und will ihn auch nicht damit belasten.

Ist es zu viel oder zu früh, was ich erwarte....oder noch schlimmer, vielleicht verlange, von meiner Familie?

Sind wir überhaupt noch eine Familie?

Ich weis es nicht, auch mir tut mein Herz weh und ich hab auch langsam keine Kraft mehr.

Ich will doch nur damit klarkommen und anfangen zu verstehen. Es wird noch lange sehr schwer für uns werden, und desshalb brauch ich meine Familie, wir brauchen uns.

Es kann doch eigentlich nicht sein, das ich ständig allein in meinem alten Zimmer sitze, weil keiner reden will und alle sich mehr oder weniger aus dem Weg gehen. Diese Ruhe macht mich ganz verrückt.

Wenn es euch möglich ist, und mir vielleicht ein wenig helfen könnt, die Lücke ein bisschen zu verkleinern, dann bin ich sehr dankbar.

Aber eine Bitte habe ich.....kein Mitleid, denn das ertrage ich im Augenblick nicht.

Habt vielen Dank!

Schnalli

#2
Liebe Schnalli,

ich verspreche Dir, deinen Wunsch zu respektieren. Kein Mitleid, aber dennoch mein Beileid für das Geschehene.

Es ist eine schwere Zeit für Euch alle. So unerwartet geht deine Mom von Euch, unwiderbringlich. Alle sind Fassungslos, jedem fehlt wie Dir das passende Wort, jeder versucht die Situation so gut es geht zu ertragen. Zumal ihr ja alle auch die eine oder andere schwierige Situation miteinander gemeistert habt. So eine Situation ist allerdings etwas ganz spezielles. Denn einem jeden wird etwas bewusst, das Leben ist endlich. Und diese Endlichkeit kann jederzeit einkehren, unverhofft, einfach zu früh!

Mir scheint, als seit ihr alle ein wenig durch den Wind. Das ist auch ganz normal! Alles andere wäre wohl eher ein wenig verwunderlich. Die Emotionen sind einfach zu groß. Aber wie geht man damit um?

Klar, reden, reden kann helfen. Aber reden will gerade keiner. Oder jeder fühlt sich unwohl etwas anzusprechen, eine Lawine in Gang zu setzen, hat vielleicht auch Angst, dass die eigenen Gefühle und Gedanken nicht erwidert werden, er noch mehr verletzt wird.

Kannst Du Dir vorstellen, einfach zu einem Dir ganz vertrauten Familienmitglied zu gehen und ihn einfach mal in den Arm zu nehmen. Vielleicht kannst Du ihm sagen, dass Du so traurig bist, Dich mit der gesamten Situation ein wenig überfordert fühlst. Ich glaube, dass wird Dir gut tun, hilft Dir ein Gespräch anzufangen. Und Du kannst damit auch zeigen, dass die ganze auf Dir liegenden Verantwortung einfach zu viel für einen ist.

Liebe Schnalli, lass deine Trauer einfach raus. Es ist gut, es erleichtert einfach mal zu weinen -, ob alleine oder gemeinsam. Allerdings bin ich mir sicher, dass alle trauern. Deine Familie wird mit Sicherheit nicht zerbrechen, auch wenn es momentan so scheint!

Fühl Dich umarmt von mir! Grinsebacke

#3
Sind wir überhaupt noch eine Familie?
Ja, das seid ihr noch. :trost:

Du schreibst von deiner Familie mit sehr viel Achtung. Ihr wart (seid) also alle zusammen und jeder einzelne ganz besondere Menschen. Ja, du hast Recht, dass das wirklich außergewöhnlich ist.

Und nun ist so ein ganz besonderer Mensch von euch gegangen - eure Mutter. Ich sehe eine Mutter immer in der Rolle, dass sie der absolute, zentrale Mittelpunkt einer Familie ist, der die Fäden in der Hand hat, der für alle da ist. So ähnlich kommt das auch bei dir rüber. Und der Mittelpunkt ist jetzt weggefallen. Es fehlt also für euch alle eine Orientierung. Könnte es vielleicht auch daran liegen, dass immer jeder zu ihr gegangen ist, um sich "auszuheulen"? Ja, wo sollten sie aber jetzt hingehen, wenn SIE nicht mehr da ist? Sie haben niemanden, der sie in ihrem Kummer aufnehmen kann. (Und das ist nicht altersabhängig!!!)

So wie du es schilderst, klingt es so, als würden jetzt alle irgendwie in der Luft hängen, irgendwie durch die Gegend irren. Keiner weiß so richtig wohin mit seiner Trauer und frißt sie lieber in sich rein. Hinzu kommt auch noch, dass jeder anders trauert. Wenn es euer erster Trauerfall in der Familie ist, ist es umso schwerer.

Und mit dem, mit dem ich gern reden würde, kann ich nicht reden und will ihn auch nicht damit belasten.
Komplett falsch. Was heißt "nicht belasten"? Kann man nicht von nahestehenden Personen, Freunden etc. verlangen, dass sie für so eine extreme Situation Verständnis aufbringen? Eigentlich sollten jetzt mal DEINE Sorgen, Ängste und Nöte im Mittelpunkt stehen. Du hast deine Mutter verloren. Das ist ja nun weiß Gott Grund genug, dass mal jemand zu DIR sagt: "Hey, ich hab mal ein offenes Ohr für dich. Du machst gerade schlimmes durch." Und solche Hilfe solltest du auch annehmen, denn auch du bist nur begrenzt belastbar. Oder du raffst dich auf und sagst: "Ich brauch jetzt mal von dir Hilfe. Ich kann nicht mehr." Schwäche eingestehen ist keine Schwäche, sondern zeugt von sehr viel Stärke.

Heute sind echt bei mir alle Sicherungen gekommen und meine Angst ist, das meine Familie daran kaputt geht.
Nein, das wird sie nicht. :trost: Wie schon geschrieben, ihr werdet wieder eine Orientierung finden. Aber das braucht Zeit. Gib allen, aber auch vor allem dir diese Zeit.

Ich will doch nur damit klarkommen und anfangen zu verstehen.
Das wird jedem von euch so gehen. Vielleicht getrauen sich die anderen auch nicht, zu diesem Gefühl "Ich kann nicht mehr, ich weiß nicht mehr weiter" zu stehen. Siehe oben mit der Schwäche und der Stärke. Wer will sich schon eingestehen, dass er mit etwas nicht klar kommt? Das gibt es sehr selten.

Hast du deine Familie schon einmal aufgefordert, dass ihr euch alle zusammen setzt und darüber sprecht? Das jeder merkt, dass es dem anderen genauso geht?

Und für dich... Du wirst vielleicht über meinen Vorschlag lächeln, aber wende dich doch mal an einen Pfarrer o.ä. Das sind Menschen, die zuhören können, die viel erklären können, die Trost und Kraft spenden können. Trauer muss verarbeitet werden - warum auch nicht auf diese Art?

#4
Hallo Grinsebacke, hallo Tylli.

Habt vielen lieben Dank für eure Worte. Die Nacht war kurz, und wenn ich das hier so lese, dann tut es ein ganzes Stück gut für mein Herz. Nichteinmal dafür hat es in den letzten Tagen gereicht. Solch Worte zu hören, nur von euch.

Ich bin in meiner Art, wie soll ich sagen, immer so erzogen worden.....reden um zu verstehen. Und genau das versuche ich, denn diesen verdammten Schmerz irgendwie zu verarbeiten, zu teilen, ihn nur wieder abstellen zu können....das will ich und nichts anderes.

Das ist wie Bauchschmerzen haben, die will man ganz schnell wieder los werden.

Heut nach dem Frühstück hab ich meinen Bruder kurz gebeten zu bleiben, bevor er wieder in seinem Zimmer verschwindet. Er sah mich an und sagte, Schwesterherz....ich kann nicht, ich weis nichts mehr, laß mich einfach.

Gut, ich hab ihn gelassen.

Ob das meine Tante oder Onkel ist, nur ein paar Blicke, die eine oder andere flüchtige Berührung und das war es dann.

Ich merke sehr schmerzhaft, das ich hier und jetzt nicht weiterkommen werde. Vielleicht ist es so, alle brauchen ihre Zeit und nehmen den Weg, der ihnen gut zu tun scheint. Nur habe ich meinen noch nicht einmal annähernd gefunden. Es ist vielleicht auch ein Fehler von mir, da ich immer alles so sachlich und kühl betrachte. Beruflich auf jeden Fall und das versuche ich eben jetzt in dieser Situation auch, weil es nicht so weh tun soll.

Ja, meine Mutter war der Mittelpunkt der Familie, aber vorallem eben meiner.

Vor vielen Jahren ist meine Oma gestorben, aber ich war da noch viel zu jung.Ich kann mich daran erinnern, ich war traurig, aber das jetzt, es ist mein Mutter, und das fühlt sich ganz anders an. Irgendwann müssen wir uns alle damit auseinandersetzten, Verlust, Abschied, Trauer, Tod, das ist eine erschreckende Tatsache.

Am Mittwoch ist die Beerdigung und bis dahin......man ich hasse das so sehr. Ich hab so eine Wut.

Ein Pfarrer, Gott und den Trost dort zu finden. Nein, den Glauben besitze ich nicht.

Genau das habe ich erst vor kurzem versucht einem lieben Menschen zu erklären, warum ich so denke. Seine Worte fehlen mir gerade jetzt, aber dazu kann und will ich nichts dazu sagen.

Ich lebe im Augenblick von Stunde zu Stunde und die Tage vergehen nicht, und noch nie hab ich mich so unnütz und völlig fehl am Platz gefühlt.

Also, habt nochmals vielen Dank......ich drück euch mal.

Schnalli

#5
Nur habe ich meinen noch nicht einmal annähernd gefunden.
Die anderen werden ihren Weg auch noch nicht gefunden haben. Trauer wegschieben (wie sie es machen) ist kein Weg. Probleme haben die Angewohnheit, hinter einem herzukommen, wenn man sie nicht löst. und Trauer verschwindet nicht, wenn man nicht mal drüber spricht.

Wie wäre es denn, wenn du dich mit dem Thema "Trauer" mal auseinandersetzt? Wie wäre es, wenn du mal in Einrichtungen gehst und fragst, wie du mit so etwas umgehen kannst? Du kommst aus Sachsen. ;) Ich weiß, dass hier die Malteser eine wirklich sehr gute Hospitzarbeit anbieten. Dort kann man auch mit den Ehrenamtlichen, die dort ab und zu arbeiten, über die Trauer reden.

Oder du besorgst dir mal Bücher über das Thema. Das klingt lapidar, aber auch Bücher können manchmal Trost und Klarheit bieten.

Ein Pfarrer, Gott und den Trost dort zu finden. Nein, den Glauben besitze ich nicht
Darüber muss ich schmunzeln. Ich wusste, dass du das sagst. =)

Mir geht´s dabei aber nicht um "Glaube" oder "Gott". Damit hab ich auch nix am Hut. ;)

Ein Pfarrer hat - wie auch ein Psychologe - eine Schweigepflicht. D.h. du kannst dir bei diesem Menschen sicher sein, dass er nicht gleich zur nächsten Nachbarin rennt und anfängt "Ach Gott, die arme Frau ist ja schlimm dran." Dann geht er auch (vor-)urteilsfrei ran. Da kommt also kein Mitleid sondern Verständnis. Das ist sehr viel wert. Und er weiß vor allem, wie du mit deiner Trauer umgehen müsstest.

War aber bloß mal ne Anregung. Vor allem auch, weil ich die Befürchtung hab, dass du schon bald hier den Tipp bekommst, zum Psycho-Doc zu rennen. ;)

bearbeitet #6
Hallo Schnalli

Auch von mir herzliches Beileid :-(

Auf Deine Frage ob Ihr noch eine Familie seid - das seid ihr ganz bestimmt. Nur können nicht alle mit der Trauer und dem Schock gleich umgehen und reden.

Ich will in solchen Situationen jeweils auch in Ruhe gelassen werden und ganz klar nicht reden. Ich will weder getröstet werden noch bemitleided werden - sondern einfach meine Ruhe haben und das Ganze erstmal für mich etwas zu verarbeiten.

Möglicherweise geht es Deinen Familienmitgliedern im Moment gleich.

Sie stehen vielleicht noch unter Schock, können und wollen es noch nicht wahrhaben und je mehr man darüber redet, desto "klarer" und "eindeutiger" wird, was gerade geschehen ist. Du bist ihnen im Moment vielleicht einfach einen "Schritt" voraus.

Ich würde sie im Moment quasi "in Ruhe" lassen. Wenn sie selber soweit sind und über das Geschehene reden können, dann werden sie es bestimmt auch tun. Aber im Moment scheint dies noch nicht der Fall zu sein.

Damit Du selber aber nicht auf der Strecke bleibst - da Du offenbar auch mit Freunden nicht gescheit reden kannst - wie wärs, wenn Du z.B. mit einem Seelsorger/Seelsorgerin reden würdest? Einfach, damit Du Dir Deinen Schmerz selber von der Seele reden kannst? Bei uns gibt es dieses Angebot z.B. in der Bahnhofskirche des Hauptbahnhofs - wenn man nicht mit jemandem von der Gemeinde selber reden möchte. Es ist annonym, mit keinen Kosten verbunden. Da die Bahnhofskirche hier für alle Glaubensrichtungen offen ist, egal ob christlich, buddhistisch, islam, jüdisch, ... wird hier auch sicher nicht "verdeckt missioniert" oder so.

Ich bin nicht wirklich gläubig, aber seid sie mal ne Doku am TV brachten über diese "Dienstleistung" bei uns, muss ich sagen - hätte ich nicht eh schon eine Psychologin wo ich regelmässig hingehen würde - würde ich zu diesen Seelsorgern gehen. Sie sind geschult, was die Hilfe bei solchen Situationen anbelangt.

Erkundige Dich doch mal, sowas gibts bei Euch doch sicher auch. Sofern Du das denn möchtest.

Liebe Grüsse und *drückdich*

Trändli

Zum Buchtipp evt. noch was anderes:

Such ggf. mal im Internet nach "Phasen der Trauer". Nur schon Wikipedia gibt eine schöne Erklärung ab.

So kannst Du evt. nachvollziehen, warum Deine Familie im Moment nicht reden kann. Und was ich damit meinte mit, "Du bist schon weiter". Es ist ganz normal.

#7
Ihr seit echt unglaublich. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie gut das tut, all diese lieben und vorallem endlich mal, klaren Worte zu hören.

Die Situation bei mir zu Hause ist leider immer noch die gleiche, aber ich hab für mich entschieden, meinen Leuten ihre Ruhe zu lassen. Vielleicht sehen sie ja unser Haus, als eine Art Ruhepool um damit klar zu kommen. Vielleicht hilft es ja uns allen, einfach nur zu wissen, wir sind alle hier....unter einem Dach. Was mich betrifft, ich muß hier raus.

Bin heut ein paar Stunden mit dem Motorrad rumgefahren und hab mich ganz in Ruhe an einen See gesetzt. Ich glaub, da hab ich zum ersten Mal ein wenig begriffen, das sie nicht mehr da ist und auch nicht wiederkommt. Vielleicht ist das auch für mich eine Art Weg, mein Motorrad zu nehmen und raus.

Bis jetzt konnte ich noch nicht so richtig weinen, und das schnürt mich innerlich ab.

Auf jeden Fall werde ich mir eure Worte zu Herzen nehmen. Weis nicht wie ich es sagen soll, aber es gibt mir ein Stück weit Ruhe, Danke Euch!

Schnalli

bearbeitet #8
schnalli

Deine Situation kommt mir seltsam bekannt vor... Ich habe ähnliches durch, dass ein geliebter Mensch so fehlt, dass die übriggebliebene Familie keinen Halt mehr hat. Aber ich weiß jetzt auch (unser Trauerfall liegt 32 Jahre zurück), dass alles wieder ins Lot kommt.

Und ich glaube, dafür wirst Du sorgen.

Damit meine ich (da Du auch schreibst, dass Deine Mutter ganz besonders Dein Lebensmittelpunkt war): Kann es sein, dass Du jetzt die Rolle des Familienmittelpunktes übernommen hast? Unbewusst? Deshalb geht es Dir so nahe, dass die Familie auseinanderdriftet (sei gewiss: Nur für eine gewisse Zeit!). Du scheinst mit den Gedanken Deiner Mutter zu denken, denn wäre sie noch am Leben, würde sie sich auch eine Platte machen, wie man den Familienzusammenhalt wiederbekommt.

Lerne einfach, zuzuhören. Nicht immer reden wollen. Manche reden durch Gesten, weil Wörter zu schwer fallen. Lerne die Körpersprache der anderen zu deuten. Tipp: Manchmal hilft es einfach, eine Kanne Tee auf den Tisch zu stellen. Es wird alles gut.

PS: Übrigens cool mit dem Motorrad. Ich will jetzt auch Motorradfahrschule machen, damit ich mal so für mich allein rumdüsen kann.

#9
Hallo Windspiel!

Man, wie schnell sich doch das Leben von einem Moment auf den anderen brutal verändern kann. Ich sag mal...lieben Dank für deine Worte und diesen Einblick in deine Trauer.

Ich habe schon vor einiger Zeit bemerkt, das es mir gut tut, all meine Gedanken und Gefühle aufschreiben zu können. Und du,...ich könnte mir vorstellen, das dir genauso geht.

Hier, in diesem Forum so viele aufbauende und klare Worte zu lesen, ist wie Balsam.

In meiner Welt, vorallem im Job, der mich sehr in Anspruch nimmt, bin ich ehrlich, hab ich es nicht so mit Gefühlen und Emotionen.

Umsomehr erwischt mich diese Zwangspause, weil ich mich jetzt mit mir und all diesen schmerzlichen Tatsachen beschäftigen muß. Ich kenn mich so nicht und zu sehen, wie sich meine Familie genauso quält, ist echt zu viel. Nach all dem, was ich hier erfahren habe und es ist ja auch so, es wird besser und man lernt damit umzugehen. Aber dennoch, es ist nichts mehr so, wie es war und solch eine Veränderung erwischt dich völlig unvorbereitet und das mit all seiner Wucht.

Ganz krass ist, ich kann es nicht anders ausdrücken, das Verhalten vom Papa. Er macht alles genauso, wie immer. Wir hatten gestern den Arzt da, da ich nicht an ihn herankomme. Er läßt sich nicht einmal berühren. Er hat was zur Beruhigung bekommen und das hat uns dann alle erstmal beruhigt.

Ja, ich bin immer sehr gern Motorrad gefahren und meine Mutter war oft dabei. Ich glaub, mir hilft das und wenn du die Möglichkeit hast, dann mach den Führerschein. Es ist ein tolles Gefühl. Für Frauen ein wenig ungewöhnlich, da ich nicht gerade eine kleine Maschine habe, aber es macht den Kopf frei und schafft Platz für Neues.

Schnalli

#10
Dein Papa muss wieder lernen, allein zu leben. Das wird hart sein. Ich nehme an, er ist kurz vorm Rentenalter, da geht das mit dem Umstellen nicht mehr so einfach.

Ich habe vor 4 Jahren einen Hospizkurs gemacht. Da lernte man auch , wie man mit Trauernden umgehen sollte: Auch wenn sie sich nicht anfassen lassen wollen oder reden - daneben setzen, gemeinsam schweigen, vielleicht kurze Artikel aus der Zeitung vorlesen. Geduld.

Du klingst so, als ob Du das hinkriegst.

#11
Das hinkriegen?.....was bleibt einem denn auch anderes übrig.

Mein Vater ist schon weit über 70 und das, was dieser Tag in ihm angerichtet hat, das wird wohl keiner von uns je so recht erfahren. Wenn man fast 50 Jahre verheiratet ist und du eines morgens aufwachst, und der liebste Mensch neben dir eben nicht mehr, das.....das ist, ich weis es nicht.

Er rief mich an, und sagte......die Mutti wird nicht wach. Ich wohne nicht weit weg von meinen Eltern und war sofort da. Der Notarzt war bereits da aber auch ich hab sie noch so gesehen.

Wir alle müssen lernen, ohne sie zu leben, weiter zu machen.

Als ich damals geboren wurde, starb kurz darauf meine Oma, von der ich noch meinen Namen bekommen habe.

Und nun ist es so, das mein Bruder ein zweites Mal Vater wird und Mama gegangen ist. Ein Mensch wird geboren und ein anderer wird gehen.

Schnalli

#12
Ich sitz gerade im Garten und laß den heutigen Tag mir nochmal durch den Kopf gehen. Was für ein wunderschöner Frühlingstag, alles ist getan und ich hab nichts mehr, was ich noch machen kann. Wenn ich mich hier so umschaue, wie friedlich alles ist, dann kann ich es nicht glauben. Mit einem Lächeln und einer Flasche Wein kam sie sonst um die Ecke und sagte.....na, auf was wollen wir denn anstoßen? Alles ist leer in mir und ich bin so müde. Seit einer Stunde sitze ich hier und weis nur eines....das ich morgen Abschied nehmen muß.

Die Stille im Haus ist unerträglich, aber einen kleinen Lichtblick gab es heute.

Ich versuchte heut Mittag meinem Papa einen Kaffee zu bringen und suchte ihn überall. So leicht geb ich ja nicht auf. Ich fand ihn dann ganz allein auf der alten Bank, weit hinten im Garten. Dann hab ich mich einfach neben ihn gesetzt und nichts gesagt. Er nahm mir den Kaffee ab, sah mich an und fragte mich.....was machen wir denn jetzt?

Und zum ersten Mal fehlten mir die Worte. Ich konnte nur sagen...ich weis es nicht.

Er hat mich so fest in den Arm genommen und bitterlich geweint.

Das tat scheiße weh, sorry, ihn so zu sehen, aber es war wichtig, glaube ich, dass das endlich mal raus kam.

Ich bin da so froh darüber, ihr könnt euch das nicht vorstellen.

Schnalli

#13
Ja, es ist ein Anfang. Ein Anfang für ihn und ein Anfang für dich - und ein Anfang für euch.

Irgendwann wird das Eis brechen und ihr findet wieder zueinander. Und dann zeigt ihr euch vielleicht auch gegenseitig eure Trauer und eure Orientierungslosigkeit. Aber wenn ihr wieder zusammenfindet, werdet ihr auch wieder eine Orientierung finden. Das braucht Zeit, liebe Schnalli, verlier also nicht die Geduld. :schmatz:

#14
*drückdichganzfest* :-(

Weisst Du, ich mag gar nicht dran denken, wenns bei mir soweit ist. Ich hatte schon den totalen Zusammenbruch, als mich mein Freund verliess. Aber der Tod... der ist unwiederrufbar und endgültig. Meinen Freund "hab ich wieder" aber wenn meine Eltern... nein, ich mag nicht dran denken :-( Und trotzdem müssen wir alle irgendwie da durch. Zwangsläufig. Ausser man selber muss vorher gehen...

Kann Dir leider keine Tipps geben, aber ich denke an Euch und wünsche Euch viel Kraft.

#15
Hallo ihr Zwei.

Ich danke euch, das ihr die Zeit findet, mich ein bisschen aufzubauen.

Um Tips, wie man so einen Einbruch leichter verarbeiten kann, geht es nur in zweiter Linie. Ich glaube, das es mir sehr hilft, wenn ich meine Empfindungen einfach nur mal mitteilen kann. Ein paar liebe Worte von euch zu lesen, einfach nur, das sich jemand mit mir beschäftigt.

Liebeskummer kann sich auch wie sterben anfühlen, weis ich nur zu gut.

Aber der Tod, es ist und bleibt ein schwieriges Thema in unserer Gesellschaft. Nicht jeder kann und will sich damit auseinandersetzen. Doch wenn es einen dann trifft, ist man so unglaublich dankbar für jedes einzelne Wort.

Gerade weil es in der eigenen Familie nicht so recht möglich ist, zueinander zu finden.

Danke!

#16
Ich finde es sehr, sehr mutig von dir, dass du mit diesem Thema an die "Öffentlichkeit" gehst. Immerhin lesen das hier wildfremde Menschen. Und eigentlich ist ja Trauer etwas sehr intimes. Also - Hut ab vor dir! :schmatz:

#17
hey schnalli..

hab mir bis jetzt den ganzen ablauf hier mal durchgeschaut und ja auch finde das toll von dir.

und ich zweifle keine sekunde daran, dass du packst. ganz sicher! GLAUB GANZ FEST AN DICH! kannst immer wieder in diesen thread schreiben wenns dir hilft:) hast ja genug leute, die dir hier beistehen und kraft geben können!

alles gute weiterhin!

cross

#18
Oh man....Tylli, wenn ich das so lese, bin ich ein wenig geschmeichelt und dann kommen mir schon wieder die Tränen. Du findest das mutig, echt?

Ich komm mir manchmal so blöd vor, aber es hilft.....irgendwie. Danke!

cross....auch dir, danke und danke, das du das so siehst. Mich so siehst. Ich hab ne Menge Zweifel und bis ich das Gröbste überwunden habe, werd ich euch wohl noch Weile auf die Nerven gehen.

Danke euch!

Schnalli

#19
Du findest das mutig, echt?
In einer Zeit, in der nur Stärke zählt, sich Schwächen öffentlich einzugestehen, ja, das finde ich mutig und stark.

Ich kann noch so taff überkommen, aber ich glaube, dazu hätte ich nicht den Mut. Der letzte Todesfall in unserer Familie liegt erst ein paar Jahre her, aber das ich mich da an jemand Außenstehenden gewandt hätte - nein, das hab ich nicht fertig gebracht.

#20
Tylli

Hier in diesem Forum gibt es so viel Kummer und traurige Menschen. Verzweifelt suchen alle einen Rat oder noch besser einen Weg aus diesem Tief.

Glaub mir, ich hab es mir nicht leicht gemacht und lang überlegt, hier nach Rat und Hilfe zu suchen. Gerade weil es eine andere Art Trauer und Schmerz ist, und nichts mit Liebe zu tun hat.

Den Halt, den ich mir von meiner Familie erhofft und gewünscht habe, den konnte ich , den konnten wir uns noch nicht geben.

Jeder kann sich vorstellen, wie es ist, Liebeskummer zu haben, den Partner zu verlieren, Menschen wieder gehen zu lassen, die man doch gerade erst gefunden hat. Unsicher ist, und das Gefühl bekommt, alles stürzt über einem zusammen.

Wir alle schreiben unsere Geschichten und teilweise sehr intime Geschichten hier.Und warum eben auch nicht den Kummer und Schmerz, der mit dem Tod kommt.

Es ist entgültig und es gibt kein Zurück....und genau das ist der Punkt.

Was man in solch einer Zeit empfindet, was sich da an Schmerz den Weg nach draußen sucht, soetwas hab ich noch nie gefühlt.

Manche Menschen, die das vielleicht erlebt haben, schreiben ihre eigene kleine Geschichte und jeder sucht sich den Weg, um weitermachen zu können.

Sei es drum, in die Kirche zu gehen, in Einrichtungen, wo einem sicher geholfen werden kann....wenn man das kann und den Mut hat. Sicher auch Mut hat und den Willen, ihn anzunehmen. Auch das sind Außenstehende und fremde Menschen.

Ich kann das eben nicht, mich neben einen Fremden zu setzten und ihn an meinem Kummer teilhaben zu lassen.

Ich schreibe es auf und jeder, der das liest, kann selber entscheiden, mir ein paar Worte zu schreiben oder nicht. Vielleicht hift es auch schon anderen, die ähnliches erlebt haben, sich es einfach nur anzuschauen und zu lesen.

Das weis ich nicht, aber für mich ganz allein, hab ich gemerkt, das das hier mich ein Stück durch diese Zeit bringen kann und wird.

Weil es eben Menschen wie dich und all die lieben, die hier geschrieben haben, gibt.

Schnalli

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