Tja, warum kommt meine Frau und alles, was wir uns gemeinsam aufgebaut haben, nicht in meinen Zukunftsträumen vor?
Es ist ja jetzt nicht so, dass mir das alles nichts bedeutet, im Gegenteil, daher fällt mir alles ja so schwer. Aber ich bin trotzdem unglücklich. Das was ich mir wünsche, ist die vollständige Kontrolle über mein Leben zu haben, in jeder Sekunde eigenständige Entscheidungen treffen zu können, ohne dass diese von jemandem beeinflusst werden.
Wenn ich um drei Uhr morgens aufwache und ich Lust drauf habe, die nächsten drei Stunden auf dem Kopf zu stehen und dabei die Zeitung zu lesen, dann will ich das tun können, ohne mich vor jemandem rechtfertigen oder erklären zu müssen.
Wenn es mir am Freitag spontan einfällt, dass ich das Wochenende ja irgendwo auf der Alm verbringen könnte, dann will ich das ohne Zögern tun können. Ohne Rücksicht nehmen zu müssen, ob das irgendwie mit den Plänen von anderen kollidiert.
Jetzt könnte man natürlich fragen: Wo ist das Problem? Das mit dem Urlaub allein kann ich knicken, wir kamen da zufällig darauf zu sprechen, weil meine Cousine das öfters macht. Antwort meiner Frau: Zu zweit ist doch alles schöner. Mit wem willst Du denn dann beim Essen reden? Und Außerdem: Allein fährst Du mir nirgends hin, Du nimmst.....kurze Nachdenkpause.....Deine Cousine oder diesen Freund oder jenen Bekannten mit. Ich hab dazu dann nichts mehr gesagt und die Sache innerlich abgehakt. Da ist scheinbar kein Vertrauen da und sie denkt sich im Kopf alle möglichen Horrorszenarien aus. Jetzt mal ganz abgesehen davon, dass ich mir wie ein kleiner Junge vorkomme, der Mama fragt, ob er allein in die große, böse Stadt fahren darf.
Unser Feierabend läuft so ab: Sie kommt nach Hause, ich freue mich auch drauf, aber dann ist es so, dass ich bald irgendwie in einen Wartemodus verfalle, in dem ich nur auf Anweisungen von ihr warte. Tu dies, tu jenes, hab ich einen Wunsch frei? Magst Du im Keller nachschauen, ob wir noch Eis haben?
Klar, manchmal gehen wir schick essen oder auch mal ins Kino. Aber irgendwie hab ich mich selbst verloren, im Kontext unseres Zusammenseins handle und entscheide ich nicht eigenständig, sondern reagiere nur noch.
Früher bin ich beispielsweise nie allein mit dem Auto durch die Gegend gefahren. Aber nun empfinde ich das als "Auszeit", ICH entscheide ob ich nach rechts, nach links oder gerade aus fahre. Und wenn ich dann heimkomme, verfalle ich wieder in diesen Wartemodus. Sitz oft nur auf der Couch rum und denk daran, wie es wäre, gerade mit dem Panorama-Zug durch die schöne Schweiz zu fahren.
Versteht ihr, was ich meine bzw. warum ich nicht mehr in einer Beziehung sein will? Keine Ahnung, wieviel Lebenszeit mir noch vergönnt ist und wie lange ich noch in der Lage bin, überhaupt noch aus dem Haus zu gehen. Das kann sich schneller ändern, als man glaubt und dann denkt man daran, was man noch alles gerne gemacht hätte und nun nicht mehr kann.
So sieht's aus in mir drin. Das hat nichts mit den Gefühlen zu meiner Frau zu tun, aber die Einschränkungen, welche eine Beziehung nun mal zwangsweise mit sich bringt, machen mich unglücklich und bremsen mich irgendwie aus. Ich stecke auch als Mensch irgendwie fest, ich wäre gern selbständiger, eigenständiger im Denken und Handeln, selbstbewusster, jemand, der was entscheidet und umsetzt.
Das funktioniert in dem komfortablen, goldenen Käfig alles irgendwie nicht, in dem ich sitze. Selbst wenn ich mehr Freiraum hätte, könnte ich das nicht so genießen, weil ich mit einem Ohr immer in ihre Richtung lausche. Es ist einfach diese ständige emotionale Präsenz von jemand anderem, dieses nie vollständig Alleinsein können, das mich so unglücklich macht.
Zunächst dachte ich, ich spinne und bin mit diesen Gefühlen allein auf der Welt, aber ich hab mal nachgelesen und es geht sehr vielen so. Dass sie in einer Beziehung irgendwie untergehen, persönliche Bedürfnisse nicht erfüllt werden und auch keine Aussicht besteht, dass sich das jemals ändern wird. Und trotzdem in einer unglücklichen Beziehung verbleiben.
Aber ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll. Morgens verabschieden wir uns liebevoll, abends begrüßen wir uns liebevoll, erzählen uns dies und das, gehen gemeinsam zu den Nachbarn zum Quatschen, sehen gemeinsam fern, essen gemeinsam, lachen miteinander.....
Wie soll man es da schaffen, sich an einen Tisch zu setzen und zu verkünden, dass man sich trennen will? Wie schafft man sowas? Morgens verabschiede ich mich ganz normal von ihr und abends bitte ich sie zwecks Trennungsgespräch an einen Tisch?
Da versteht man doch die Welt nicht mehr.
Und habe ich schon meine geliebte Katze erwähnt?
Im Falle einer Trennung wäre ja ich derjenige, der auszieht und im Grunde von 0 beginnen müsste. Denn ich kann ja wohl kaum von meiner Frau verlangen, dass sie auszieht, wenn ich derjenige bin, der sich trennen will. Und meine Katze nehme ich sicher nicht mit und reiße sie aus ihrem gewohnten Lebensraum. Ich würde auch finanziell weiterhin meinen bisherigen Anteil beitragen (oder zumindest einen Teil davon, den ich verkraften kann), denn meine Frau soll durch meine Entscheidung keine finanzielle Mehrbelastung haben.
Einfach wegrennen, hinter mir die Sintflut und sie im Stich lassen - das bin nicht ich.
Ende August ist ein Urlaub in Griechenland geplant und sie freut sich schon sehr darauf. Das ist auch so ein Punkt, der es mir so schwer macht. Auch wenn sie von der Zukunft redet. In diesen Momenten fällt es mir sehr schwer, an Trennung zu denken und ich verfalle wieder in den verhängnisvollen Modus "lieber unglücklich bleiben, als ihr den Boden unter den Füßen wegzuziehen", obwohl ich ganz genau weiß, dass das der falsche Weg ist.