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Gedichte und Gedanken

278 Antworten30'548 AufrufeGestartet von Chance2Desire ·

#241
Rose Ausländer (1901-1988)

Des Geliebten Nächte zu entzünden,


will ich augenspendend süß erblinden.






Des Geliebten Atem zu umkosen,



wandelt sich mein Blut in tausend Rosen.






Des Geliebten Liebe zu erhalten,



möcht' ich mich in tausend Frauen spalten,






daß er tausendfach nur mich begehre,



alle liebend nur mir angehöre!


* seufz *

#242
Else Lasker-Schüler (1869-1945)

Heimlich zur Nacht

Ich habe dich gewählt


Unter allen Sternen.






Und bin wach - eine lauschende Blume



Im summenden Laub.






Unsere Lippen wollen Honig bereiten,



Unsere schimmernden Nächte sind aufgeblüht.






An dem seligen Glanz deines Leibes



Zündet mein Herz seine Himmel an -






Alle meine Träume hängen an deinem Golde,



Ich habe dich gewählt unter allen Sternen.


#243
Sandor Petöfi (1823-1849)

Ich liebe dich





Ich liebe dich, mein holder Engel,



Unendlich tief und heiß.



Ich frag mich nur betrübt: wie geb ich



Dir dafür den Beweis?






Du glaubst vielleicht nicht meinen Worten;



Hältst sie für leeren Schein?



Wie könnte ich den letzten Zweifel,



Der in dir nagt, zerstreun?






Wär ich ein reicher Mann, ich würfe



Für jedes liebe Wort



Den schönsten meiner Edelsteine



Sogleich mit Freuden fort.






Wär ich ein König, meine Krone



Legte ich ab sogar



Für einen Kranz, den deine Hände



Mir winden um das Haar.






Wär ich ein Regenbogen, gäb ich



All meine Farben dran,



Um einen Gürtel dir zu färben,



Den legte ich dir an.






Wär ich die Sonne, Mond und Sterne



Beachtete ich nicht.



Ich stieg herab, mich nur zu freuen



An deinem Angesicht.


#244
Paul Heyse (1830-1914)

Siesta

Lieb, o lieb war die Nacht

Mitten am hellen Tag,

Als wir die Läden geschlossen,

Als durch die schützenden Sprossen

Goldige Dämmerung brach.

Kühl, o kühl war der Saal,

Drinnen die Welt uns verging,

Da wir in seligem Schmachten

Wandelten, flüsterten, lachten,

Bis uns der Schlummer umfing.

Süß, o süß war der Traum,

Herz am Herzen geträumt!

Über uns schwebend im Kreise

Flattert’ ein Schmetterling leise,

Dunkel die Schwingen umsäumt.

#245
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)

O glücklich, wer ein Herz gefunden!





O glücklich, wer ein Herz gefunden,



Das nur in Liebe denkt und sinnt



Und mit der Liebe treu verbunden



Sein schönres Leben erst beginnt!






Wo liebend sich zwei Herzen einen,



Nur eins zu sein in Freud und Leid,



Da muß des Himmels Sonne scheinen



Und heiter lächeln jede Zeit.






Die Liebe, nur die Lieb ist Leben:



Kannst du dein Herz der Liebe weihn,



So hat dir Gott genug gegeben,



Heil dir! Die ganze Welt ist dein!


#246
Dieses Baumes Blatt, der von Osten


Meinem Garten anvertraut,



Gibt geheimen Sinn zu kosten,



Wie's den Wissenden erbaut.






Ist es Ein lebendig Wesen,



Das sich in sich selbst getrennt?



Sind es zwei, die sich erlesen,



Daß man sie als Eines kennt?






Solche Fragen zu erwidern,



Fand ich wohl den rechten Sinn:



Fühlst du nicht an meinen Liedern,



Daß ich Eins und doppelt bin?


Johann Wolfgang von Goethe

#247
Maiensegen

Nun ruht in weißen Schleiern


die See, umspielt vom West,



und Himmel und Erde feiern



das große Liebesfest.



Da strömt in rinnendem Regen



hernieder Kuß auf Kuß,



der rings zu Frucht und Segen,



zur Blüte werden muß.






So ruht in weißen Schleiern



mein Herz in deiner Brust,



und unsere Seelen feiern



die ewige Hochzeitslust.



Da strömt wie rinnender Regen



dein Kuß auf meinen Leib,



daß er zum Maiensegen



werde deinem Weib . . .






Ein Duften reifer Tage



um unsere Stirnen weht,



da wieder die singende Sage



durch flimmernde Fluren geht:



- daß kein Leid mehr bliebe,



wenn über der grünen Welt



die junge Frühlingsliebe



die flatternde Fahne hält!


Clara Müller-Jahnke (1860-1905)

#248
Die erste Liebe

Die erste Liebe füllt das Herz mit Sehnen

Nach einem unbekannten Geisterlande,

Die Seele gaukelt an dem Lebensrande,

Und süße Wehmut letzet sich in Tränen.

Da wacht es auf, das Vorgefühl des Schönen,

Du schaust die Göttin in dem Lichtgewande,

Geschlungen sind des Glaubens leise Bande,

Und Tage rieseln hin auf Liebestönen.

Du siehst nur sie allein im Widerscheine,

Die Holde, der du ganz dich hingegeben,

Nur sie durchwebt deines Daseins Räume.

Sie lächelt dir herab vom Goldgesäume,

Wenn stille Lichter an den Himmel schweben,

Der Erde jubelst du: Sie ist die Meine!

#249
Nähe der Geliebten

Ich denke dein im Morgenlicht des Maien,


Im Sonnenglanz;



Ich denke dein, wenn mich die Sterne freuen



Am Himmelskranz.






Ich sorg' um dich, wenn in des Berges Wettern



Der Donner lauscht;



Du schwebst mir vor, wenn in den dunkeln Blättern



Der Zephir rauscht.






Ich höre dich, wenn bei des Abends Gluten



Die Lerche schwirrt;



Ich denke dein, wenn durch des Deiches Fluten



Der Nachen irrt.






Wir sind vereint, uns raubt der Tod vergebens



Der Liebe Lust;



O, laß mich ruhn, du Sonne meines Lebens,



An deiner Brust!


Theodor Körner (1791-1813)

#250
Liebesglück

Geh' ich von meinem Liebchen


Nach Haus' in stiller Nacht



Und denk, wie ich so selig



Den Abend zugebracht,



Wie ich bei ihr gesessen



So traulich und so nah,



Und wie ihr schönes Auge



So freundlich zu mir sah:



Dann wogt in meinem Herzen



Unendlich süße Lust,



Die Welt' möcht' ich umarmen



Und drücken an die Brust



Und möchte laut es rufen



Hin in die stille Nacht,



Wie wonnig meine Liebe,



Wie reich sie mich gemacht.



Doch manchmal in dem Jubel,



Da fällt mir bange ein,



Der Glücklichen auf Erden,



Nicht viele sollen's sein;



Dann bete ich verstohlen



Zum Sternenhimmel hin:



O werde mir nicht böse,



Daß ich so glücklich bin!


Franz von Kobell

#251
Stille Sicherheit.

Horch, wie still es wird im dunkeln Hain,


Mädchen, wir sind sicher und allein.






Still versäuselt hier am Wiesenhang



Schon der Abendglocke müder Klang.






Auf den Blumen, die sich dir verneigt,



Schlief das letzte Lüftchen ein und schweigt.






Sagen darf ich dir, wir sind allein,



Daß mein Herz ist ewig, ewig dein!


Nikolaus Lenau (1802-1850)

#252
Im geheimsten Wald

Wir sprachen bald und schwiegen bald,


Beseligt ich und du,



Und du, geheimster Quell im Wald,



Du sahst und hörtest zu.






Und was die Liebe Liebes dort,



Was ich gefragt, was du,



Es floß als wie die Welle fort,



Und wie die Welle zu.






Und wie die Welle kam und floß



Und schwand und wallte zu,



Der ganzen Welt, die uns umschloß,



Vergaßen ich und du.






Doch weiß ich wohl, so selig lauscht



Uns nimmer deine Ruh,



O Wald, so leis du uns gerauscht,



So leise deck' uns zu!


Johann Georg Fischer (1816-1890)

#253
Mit deinen blauen Augen

Siehst du mich lieblich an,

Da wird mir so träumend zu Sinne,

Daß ich nicht sprechen kann.

An deine blauen Augen

Gedenk ich allerwärts;

Ein Meer von blauen Gedanken

Ergießt sich über mein Herz.

Heinrich Heine (1797-1856)

#254
Glück der Liebe

Einem Schmetterlinge gleicht die Liebe;


Wie er flatternd über Blumen schwebt,



So entflieht sie oft auf leichten Schwingen,



Und nur selten kehrt sie uns zurück.






Um gewaltsam ihre Flucht zu hemmen,



Strebt das kranke Herz mit leisem Weh;



Möcht' ihr gern die raschen Flügel binden,



Gern sie bannen in der Treue Kreis.






Aber wie des Schmetterlinges Farben



Selbst in zarten Händen untergehn,



So vernichten Fesseln auch die Reize,



Die der Liebe freie Regung schmücken.






Darum öffne ihrem kurzen Glücke



Willig und geniessend Geist und Herz;



Aber will es wankelmüthig weichen



Trauere dann - doch halt es nicht zurück!


Charlotte von Ahlefeld

#255
Einfall

Er trägt an allen Tagen

Sein schwarzes Hofmannskleid;

Und ist es abgetragen,

So ist es ihm nicht leid;

Ich mach ihm gern ein neues,

Ich näh und überstreu es

Mit glänzendem Geschmeid.

Er trägt an allen Tagen

Sein schwarzes Hofmannskleid;

Ich seh es mit Behagen,

Die andern sehn's mit Neid.

Ihr neidet nicht das Kleid,

Ihr traget schweren Neid,

Weil ihr so schön nicht seid

Wie er, mein Lustgeschmeid.

Er trägt an allen Tagen

Sein schwarzes Hofgewand.

Er bringt - ich darf nicht klagen -

Mir jeden Tag ein Pfand,

Ein Pfand von seiner Liebe;

Wenn er nur länger bliebe!

Das wehret ihm sein Stand.

Er trägt an allen Tagen

Sein schwarzes Hofgewand.

Und kommt - ich will nicht klagen -

So oft der Abend schwand.

Legt's ab, so wie er naht;

Und wenn er geht, dann hat

Ein neues er von meiner Hand.

Er trägt an allen Tagen

Die schwarze Hofmannstracht.

Ich will es ihm nicht sagen,

Was ich mir ausgedacht:

Wenn er das Kleid legt nieder,

So geb ich's ihm nicht wieder,

Dann bleibt er Tag und Nacht.

Aus dem Schi-King (1200-700 v. Chr.)


Nachdichtung von Albert Ehrenstein


#256
Wie schön sind deine Schritte

in den Sandalen,

du Edelgeborene.

Deiner Hüften Rund ist

wie Geschmeide,

gefertigt von Künstlerhand.

Dein Schoß ist

ein rundes Becken,

Würzwein mangle ihm nicht.

Dein Leib ist ein Weizenhügel,

mit Lilien umstellt.

Deine Brüste sind

wie zwei Kitzlein,

Wie die Zwillinge

einer Gazelle.

Dein Hals ist ein Turm

aus Elfenbein.

Deine Augen sind

wie die Teiche zu Heschbon

beim Tor von Bat-Rabbim.

Deine Nase ist

wie der Libanonturm,

der gegen Damaskus schaut.

Dein Haupt gleicht

oben dem Karmel;

wie Purpur sind deine Haare;

ein König liegt

in den Ringeln gefangen.

Wie schön bist du und wie reizend,

du Liebe voller Wonnen!

Wie eine Palme ist dein Wuchs;

deine Brüste sind wie Trauben.

aus dem Hohen Lied Salomos

#257
Ich mußte denken unverwandt,


wie ich einst zwischen schwarzen Pinien



den tiefen Frühling sinnen fand,



als ich vor deiner Schönheit stand,



und durch der Scheitel dunkle Linien



dein Antlitz träumte wie ein Land.






Es schlich von deiner Lippen Saum



ein Lächeln auf verlornem Pfade -



ganz leis. Die andern merktens kaum.



So weht ein Blatt vom Blütenbaum:



nur Einer schaut die Frühlingsgnade,



und der sie schaut, ist wie im Traum.


Rainer Maria Rilke

#258
So schön bist du!

Ein Lieblingstraum, aus goldnen Nächten


Vortretend, schlank, in ernster Ruh,



Den Zauberschleier in der Rechten -



So schön bist du!






Mein Blick erstaunt und muß sich senken,



Mein Herz schließt alle Tore zu,



Dem Wunder heimlich nachzudenken-



So schön bist du!


Hermann Hesse

* seufz *

#259
Gioconda Belli

Erfinden wir unsere eigene Sprache,


Geliebter,



und uns werden die Augen groß:



Dinge sehen wir dann, die niemand sah,



Wege zwischen den Wolken,



Lieder in den Weizenfeldern.



Unter die Röcke sehen wir



dann dem Wind,



wie seine Lippen das Wasser küssen.



Wir gehen dann ungezwungen,



ohne Schuhe und nackt,



wie unsichtbare Geister.



Worte und Lachen malen wir dann



auf die Mauern in der Welt,



während aus unseren Körpern



die Liebe strömt,



sprudelnd,



gluckernd,



plätschernd wie aus Brunnen.


#260
Gioconda Belli

Bitte

Kleide mich in Liebe

denn ich bin nackt,

bin unbewohnte Stadt,

benommen von Lärm

taub von Trillern,

trockenes Blatt im März.

Umhülle mich mit Freude,

ich wurde nicht geboren

um traurig zu sein,

die Traurigkeit ist mir zu weit

wie ein fremdes Kleid.

Ich will wieder brennen,

den salzigen Geschmack

der Tränen vergessen,

die Löcher in den Lilien,

die tote Taube auf dem Balkon.

Noch einmal mich wiegen

im wehenden Wind

schäumende Welle

Meer über den Klippen

meiner Kindheit

Sterne in den Händen

lachende Lampe auf dem Weg

zum Spiegel

in dem ich mich wieder schaue

heilen Leibes

beschützt

an die Hand genommen

vom Licht

von grüner Wiese und Vulkanen

das Haar voller Spatzen.

Schmetterlinge sprießen

aus meinen Fingern

Luft nistet in den Zähnen

und kehrt zurück zur Ordnung

des Universums bewohnt

von Zentauren.

Kleide mich in Liebe

denn ich bin nackt.

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