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Gedichte und Gedanken

278 Antworten30'548 AufrufeGestartet von Chance2Desire ·

#201
Lebenszeit

Es ist Zeit


Sagt die Zeit



Besinne dich






Ich bin da für dich



Sagt die Zeit



Nutze mich






Du hast mein Herz



Sagt die Zeit



Wärme mich






Ich liebe dich



Sagt die Zeit



Meine Zeit ist dein






Vergesse mich



Sagt die Zeit



Mein Atem ist still für Dich






Zögere nicht



Sagt die Zeit



Ich bin kostbar






Lebe mich



Sagt die Zeit



Glück ist Gnade






Sei dankbar



Sagt die Zeit



Ich muss weiter






Vertraue mir



Sagt die Zeit



Ich komme zurück






Mit Lebenszeit...


Reinhard Lehmitz

#202
Dein Garten wollt ich sein zuerst

Dein Garten wollt ich sein zuerst


und Ranken haben und Rabatten



und deine Schönheit überschatten,



damit du mit dem muttermatten



Lächeln gern mir wiederkehrst.






Da aber - als du kamst und gingst,



ist etwas mit dir eingetreten:



das ruft mich zu den roten Beeten,



wenn du mir aus den weißen winkst.


Rainer Maria Rilke

#203
Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.


Sie sprechen alles so deutlich aus:



Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,



und hier ist Beginn und das Ende ist dort.






Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,



sie wissen alles, was wird und war;



kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;



ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.






Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.



Die Dinge singen hör ich so gern.



Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.



Ihr bringt mir alle die Dinge um.


Rainer Maria Rilke

#204
Is zwar ein wenig OFF Topic , aber habe gerade die engl. Version von dem " Panther " entdeckt !

Das Gedicht ist ja eh der Classic schlechthin - aber in der engl. Sprache .... wunderschön :verliebt:

The Panther





His gaze, going past those bars, has got so misted



with tiredness, it can take in nothing more.



He feels as though a thousand bars existed,



and no more world beyond them than before.






Those supply powerful paddings, turning there



in tiniest of circles, well might be



the dance of forces round a centre where



some mighty will stands paralyticly.






Just now and then the pupils' noiseless shutter



is lifted. - Then an image will indart,



down through the limbs' intensive stillness flutter,



and end its being in the heart.






Rainer Maria Rilke


#205
Frühlingsliebe

Zart schlägt mich dein Herzschlag

Liebe in Zeitlosigkeit

Du bist ein Harmonietag

Frühling im Sonnenweit

Rosenduft auf deiner Haut

Strahlend blaue Himmelsküsse

haben uns ein Liebesschloss gebaut

durch Herzen fliessen Schmetterlingsflüsse

"Liebe mein Herz"

Leises flüstern unserer Lippen

Brauchen keinen Sehnsuchtschmerz

Gefühle sind wie Weltenklippen

Birgit Marie Nessel

#206
Wie er wolle geküsset seyn

Nirgends hin / als auff den Mund /

da sinckts in dess Hertzens Grund.

Nicht zu frey / nicht zu gezwungen /

nicht mit gar zu fauler Zungen.

Nicht zu wenig / nicht zu viel!

Beydes wird sonst Kinder-spiel.

Nicht zu laut / und nicht zu leise /

Beyder Mass' ist rechte Weise.

Nicht zu nahe / nicht zu weit.

Diss macht Kummer / jenes Leid.

Nicht zu trucken / nicht zu feuchte /

wie Adonis Venus reichte.

Nicht zu harte / nicht zu weich.

Bald zugleich / bald nicht zugleich.

Nicht zu langsam / nicht zu schnelle.

Nicht ohn Unterscheid der Stelle.

Halb gebissen / halb gehaucht.

Halb die Lippen eingetaucht.

Nicht ohn Unterscheid der Zeiten.

Mehr alleine denn bei Leuten.

Küsse nun ein Jedermann /

wie er weiss / will / soll und kan.

Ich nur und die Liebste wissen /

wie wir uns recht sollen küssen.

Paul Fleming (1609-1640)

=)

#207
Joseph von Eichendorff

Wolken, wälderwärts gegangen,

Wolken, fliegend übers Haus,

Könnt ich an euch fest mich hangen,

Mit euch fliegen weit hinaus!

Tag'lang durch die Wälder schweif ich,

Voll Gedanken sitz ich still,

In die Saiten flüchtig greif ich,

Wieder dann auf einmal still.

Schöne, rührende Geschichten

Fallen ein mir, wo ich steh,

Lustig muß ich schreiben, dichten,

Ist mir selber gleich so weh.

Manches Lied, das ich geschrieben

Wohl vor manchem langen Jahr,

Da die Welt vom treuen Lieben

Schön mir überglänzet war;

Find ich's wieder jetzt voll Bangen:

Werd ich wunderbar gerührt,

Denn so lang ist das vergangen,

Was mich zu dem Lied verführt.

Diese Wolken ziehen weiter,

Alle Vögel sind erweckt,

Und die Gegend glänzet heiter,

Weit und fröhlich aufgedeckt.

Regen flüchtig abwärts gehen,

Scheint die Sonne zwischendrein,

Und dein Haus, dein Garten stehen

Überm Wald im stillen Schein.

Doch du harrst nicht mehr mit Schmerzen,

Wo so lang dein Liebster sei -

Und mich tötet noch im Herzen

Dieser Schmerzen Zauberei.

#208
Hyazinthen

Fern hallt Musik ; doch hier ist stille Nacht,


Mit Schlummerduft anhauchen mich die Pflanzen.



Ich habe immer, immer dein gedacht ;



Ich möchte schlafen, aber du mußt tanzen.






Es hört nicht auf, es rast ohn Unterlaß;



Die Kerzen brennen und die Geigen schreien,



Es teilen und es schließen sich die Reihen,



Und alle glühen ; aber du bist blaß.






Und du mußt tanzen ; fremde Arme schmiegen



Sich an dein Herz ; O leide nicht Gewalt !



Ich seh dein weißes Kleid vorüberfliegen



Und deine leichte , zärtliche Gestalt.






Und süßer strömend quillt der Duft der Nacht



Und träumerischer aus dem Kelch der Pflanzen.



Ich habe immer, immer dein gedacht;



Ich möchte schlafen , aber du mußt tanzen.


#209
She walks in beauty , like the night


Of cloudless climes and starry skies



And all that's best of dark and bright



Meet in her aspect and her eyes:



Thus mellow'd to that tender light



Which heaven to gaudy day denies.






One shade the more, one ray the less,



Had half impair'd the nameless grace



Which waves in every raven tress,



Or softly lightens o'er her face;



Where thoughts serenely sweet express



How pure , how dear their dwelling-place.






And on that cheek, and other that brow,



So soft , so calm , yet eloquent,



The smiles that win , the tints that glow,



But tell of days in goodness spent,



A mind at peace with all below,



A heart whose love is innocent!


#210
Dein Antlitz war mit Träumen ganz beladen.

Ich schwieg und sah dich an mit stummem Beben.

Wie stieg das auf! Daß ich mich einmal schon

In frühern Nächten völlig hingegeben

Dem Mond und dem zuviel geliebten Tal,

Wo auf den leeren Hängen auseinander

Die magern Bäume standen und dazwischen

Die niedern kleinen Nebelwolken gingen

Und durch die Stille hin die immer frischen

Und immer fremden silberweißen Wasser

Der Fluß hinrauschen ließ - wie stieg das auf !

Wie stieg das auf! Denn allen diesen Dingen

Und ihrer Schönheit - die unfruchtbar war -

Hingab ich mich in großer Sehnsucht ganz,

Wie jetzt für das Anschaun von deinem Haar

Und zwischen deinen Lidern diesen Glanz!

... :verliebt: ... :verliebt: ... :verliebt:

#211
Friedrich Halm

Mein Herz, ich will dich fragen

Mein Herz, ich will dich fragen:

Was ist denn Liebe, sag?

„ Zwei Seelen und ein Gedanke ,


zwei Herzen und ein Schlag! "


Und sprich , woher kommt Liebe?

„Sie kommt und sie ist da! "

Und sprich, wie schwindet Liebe?

„Die war's nicht, der's geschah! "

Und was ist reine Liebe?

„Die ihrer selbst vergißt! "

Und wann ist Lieb am tiefsten?

„Wenn sie am stillsten ist. "

Und wann ist Lieb am reichsten?

„Das ist sie, wenn sie gibt! "

Und sprich, wie redet Liebe?

„Sie redet nicht, sie liebt! "

#212
Detlev von Liliencron

Vier adlige Rosse


voran unserm Wagen,



wir wohnen im Schlosse



in stolzem Behagen.






Die Frühlichterwellen



und nächtens der Blitz,



was all sie erhellen,



ist unser Besitz.






Und irrst du verlassen,



verbannt durch die Lande;



mit dir durch die Gassen



in Armut und Schande!






Es bluten die Hände,



die Füße sind wund,



vier trostlose Wände,



es kennt uns kein Hund.






Steht silberbeschlagen



dein Sarg am Altar,



sie sollen mich tragen



zu dir auf die Bahr',






Und fern auf der Heide



und stirbst du in Not,



den Dolch aus der Scheide,



dir nach in den Tod!


#213
Theodor Storm

Noch einmal fällt in meinen Schoß

die rote Rose Leidenschaft ;

noch einmal hab' ich schwärmerisch

in Mädchenaugen mich vergafft.

Noch einmal legt ein junges Herz

an meines seinen starken Schlag;

noch einmal weht an meine Stirn

ein juni-heißer Sommertag.

#214
Achim von Arnim

Die Liebe lehrt





Die Liebe lehrt



Mich lieblich reden,



Da Lieblichkeit



Mich lieben lehrte.






Arm bin ich nicht



In Deinen Armen,



Umarmst du mich



Du süße Armut.






Wie reich bin ich



In Deinem Reiche,



Der Liebe Reichtum



Reichst du mir.






O Lieblichkeit!



O reiche Armut!



Umarme mich



In Liebesarmen.


#215
Adelbert von Chamisso

Was soll ich sagen?

Mein Aug' ist trüb,

Mein Mund ist stumm,

Du heißest mich reden,

Es sei darum!

Dein Aug' ist klar,

Dein Mund ist rot,

Und was du nur wünschest,

Das ist ein Gebot.

Mein Haar ist grau,

Mein Herz ist wund,

Du bist so jung

Und bist so gesund.

Du heißest mich reden,

Und machst mir's so schwer.

Ich seh' dich so an

Und zittre so sehr.

#216
Wie mein Aug' am Sommer hängt

Alle Hecken stehn zerzaust

Und der Wind am Wege haust.

Tag und Nacht die Regentropfen

Auf die kahlen Steine klopfen;

Augen meine nimmersatten

Nie genug vom Sommer hatten.

Wie mein Aug' am Sommer hängt,

So mein Mund zur Liebsten drängt.

#217
Überall blüht nun die Liebe

Überall blüht nun die Liebe,


Laß uns in die Gärten gehn ,



wo die kleinen frommen Primeln



Zärtlich schon in Paaren stehn .






In den Gärten, wo die Schritte



und die Worte nicht mehr eilen,



Wo die Träume unter weißen süßen Bäumen



wie in lauter Wolken weilen.






Viele kleine trunkne Vögel



kommen dir ans Herz geflogen,



Sind vom Land, wo Honig fließt,



mit der Sonne hergezogen.






Lausche mit versunknem Auge,



meine Lippen wollen schwören.



Gib Erhörung meinen Lippen,



meinem ewig jungen Sehnen



Gib Betören.


#218
Sanft legte dich die Liebe auf mein Bett

Sanft legte dich die Liebe auf mein Bett


In deinem schönsten Kleid aus Scham und Blöße,



Und draußen kam die Nacht auf atemlosen Schnee,



Und auch Gottvater kam in atemloser Größe.



Mit vollem Auge hat der Gott geweint, gelacht.



Du hast dein Herz und deinen Leib



Zur Krone dieser Nacht gemacht.


#219
Arno Holz

Ich zeige dir den Mond

Ich zeige dir den Mond durch einen Frühlingsbaum.





Jede Blüte, jedes Blättchen



hebt sich aus seinem Glanz.






Jede Blüte, jedes Blättchen



schimmert.






Beide Arme



schlingst du mir um den Hals!


#220
Friedrich von Hagedorn

Zorn eines Verliebten

Brief und Wink verhießen mir


schon um zwei die liebste Schöne;



doch der Zeiger ging auf vier,



und mir fehlte noch Climene.






So Geduld als Zeit verstrich,



und ich schwur, den Trug zu rächen;



endlich aber wies sie sich,



endlich hielt sie ihr Versprechen.






"Wie so schön", sagt' ich aus Hohn,



"hast du alles wahrgenommen!



Nur zwei Stunden wart' ich schon;



konntest du nicht später kommen?"






Da mein Eifer Raum gewann,



wollt' ich sie noch schärfer lehren;



doch: "was lärmst du", hub sie an,



"wird man mich denn auch nicht hören?






Ach! Was hab ich itzt vor Schmerz



von der Rosenknosp' erlitten,



die mir rechts bis an das Herz



von der Brust hinabgeglitten!






O wie drückt's mich! Himmel, wie!



Hier, hier in der linken Seite!



Sieh nur selbst, mir glaubst du nie;



doch was glaubt ihr klugen Leute!"






Sie entblößte Hals und Brust,



mir der Knospe Druck zu zeigen:



Plötzlich hieß der Thron der Lust



mich und die Verweise schweigen.


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