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Gedichte und Gedanken

278 Antworten30'548 AufrufeGestartet von Chance2Desire ·

#181
Sieh mich nicht an -

Sieh mich nicht an mit diesen Augen,


Sie dringen mir bis an das Mark,



Sieh mich nicht an mit diesen Augen,



Du siehst es doch, ich bin nicht stark.






Umschling mich nicht mit diesen Blicken,



Sie sind viel stärker als dein Arm,



Umschling mich nicht mit diesen Blicken,



Sie ziehn mich an dein Herz so warm.






Sprich nicht zu mir mit diesen Lippen,



Wie Wein so süss, so heiss, so rot,



Sprich nicht zu mir mit diesen Lippen,



Ich küss' dich dann, und wär's mein Tod.






Und wär's mein Tod, ich muss dich lieben,



Was hast du mir nur angetan?



Wohin hat mich dein Wunsch getrieben,



Du siegreicher, du starker Mann?








#182
Geständnis





Fein bist du und jung, und die Lippen sind rot,



Und du fragst mich, warum ich dich liebe?



Ich tat nur, was dringend Natur mir gebot,



Und folgte dem köstlichen Triebe.






Und kommst du geschritten, und schaust du mich an,



So beb' ich vor Lust und Verlangen,



Und gehst du, du junger, du kraftschöner Mann,



So wein' ich vor Sehnen und Bangen.






So wandl' ich in steter, sich mehrender Pein,



Von Lieb' und von Reue getrieben -



Dein darf ich nicht werden und bin ja schon dein



Und finde so süss, dich zu lieben.


#183
Abschied

Hast mit heissem Kuss

Meinen Leib umfangen,

Doch der Seele bist

Du vorbeigegangen.

Und ich suchte wohl,

Suchte Deine Seele,

Dass zur Stunde sie

Meiner sich vermähle.

Doch du bargst sie mir

Unter dichten Schleiern,

Und du wolltest nicht

Diese Stunde feiern.

Sieh, nun ist es aus,

Meine Glut verglommen,

Meiner Liebe Tod

Ist so schnell gekommen.

Und nun muss ich gehn,

Von dir gehn und weinen,

Darf mich nie und nie

Dir in Liebe einen.

Kann dir nie und nie

Meinen Leib mehr geben, -

Meine Seele wird

Suchend weiterschweben ...

#184
Neue Sehnsucht

Wie ward so still mein Herz!

Wie schlummern meine Wünsche nun

So traumlos tief

Sie ruhn,

Mit müdem Flügel heimgekehrt.

Schwer drückt der Schlaf sie nieder

In stumme Nacht,

Dass jähe Angst mich fasst -

O wären sie doch wieder zum Licht erwacht!Zu lange währt der Friede,

Der sie birgt in seinem Schoss,

Und ist ihr Los,

Zu sterben den stillen Tod der Müden,

Zu vergehn,

Noch ehe sie die starke Tat gesehn -

Dann muss ich weinen auf ihr frühes Grab!

Es hat der Friede sie getötet,

Ich habe um ihren Tod gebetet,

Da ich sie in den Schlaf gesungen hab' -

Nun bangt mir vor der Nacht -

O wären sie doch wieder zum Licht erwacht!

#185
Die Sehnsucht peitscht

Die Sehnsucht peitscht mit scharfem Dorn,


Sie reitet mich wild



Und gibt mir den Sporn,



Und ob mein Herz streitet,



Sie macht mir die Hände zu Hufen aus Horn



Und rennt mit mir durch die Wände.






Die Sehnsucht, sie ist wie Salz im Meer,



Die Zunge wird mir bitten,



Und Durst klebt schwer



In Gaumen und Brust.



Und wie der Schaum auf Wellen lebt,



So mir die Sehnsucht am Munde schwebt.



Wie Wellen, die sich erdrücken müssen,



Erdrücken sich meine verlassenen Lippen



In Sehnsucht nach deinen Küssen.


#186
Zwei ungeborne Seelen


sitzen im Geisterbaum,



sie schmiegen sich aneinander



im tiefsten Lebenstraum.






Wer bist du, so fragt sacht



ihr heimlichstes Gelüst:



ein Lächeln, das nicht gelacht



und: ein Kuß , der nicht geküßt.


#187
Heinz Kahlau - Verletzt

Die Wärme, die so dicht um meine Schultern lag,

hast du mit einer harten Geste weggezogen.

Jetzt ist mir kalt am heißen Sommertag.

Der allzu scheue Vogel Zärtlichkeit,

von deiner bösen Stimme ist er aufgeflogen

bis zu den Toten. Zittert dort und schreit.

Du hast ihn um sein schönes Nest betrogen,

das er sich selten aus vier Händen baut.

Du warst zu schweigsam, und du warst zu laut.

#188
Ich liebe dich

Ich liebe dich heißt auch:


komm, schlaf mit mir.



Es kann auch heißen:



lass uns Kinder haben.



Ich liebe dich. Ich bin sehr gern bei dir.



Lass uns zusammen sein bis zum Begraben.






Ich liebe dich heißt auch:



Sei zu mir gut,



mach mir das Leben leicht,



das ich nicht zwinge.






Wenn ich allein wär´, fehlte mir der Mut.



Ich liebe dich, mach, dass es mir gelinge.






Ich liebe dich heißt auch:



Es macht mich stolz,



dass du mich mehr als andere begehrst.



Und dass du mir, nur mir



und keinem sonst,



in allem, was du bist, allein gehörst.






Ich liebe dich kann heißen:



Sei doch so, wie ich den andren,



den ich suche, sehne.



Erfüll mir meine Träume,



mach mich froh, dass ich bestätigt



durch mein Leben gehe.






Ich liebe dich heißt auch:



Ich will so sein, wie du mich brauchst -



ich will dein Schatten werden.



So nützlich ist dir keiner, ich allein



kann alles für dich tun



auf dieser Erden.






Ich liebe dich heißt immer:



Ich will dich für etwas haben,



das mir Glück verspricht.



Manchmal entsteht daraus:



Wir lieben uns.



Erst dieser Satz hat wirkliches Gewicht.





#189
Fall ab, Herz

Fall ab, Herz vom Baum der Zeit,


fallt, ihr Blätter, aus den erkalteten Ästen,



die einst die Sonne umarmt',



fallt, wie Tränen fallen aus dem geweiteten Aug!






Fliegt noch die Locke taglang im Wind



um des Landgotts gebräunte Stirn,



unter dem Hemd preßt die Faust



schon die klaffende Wunde.






Drum sei hart, wenn der zarte Rücken der Wolken



sich dir einmal noch beugt,



nimm es für nichts, wenn der Hymettos die Waben



noch einmal dir füllt.






Denn wenig gilt dem Landmann ein Halm in der Dürre,



wenig ein Sommer vor unserem großen Geschlecht.






Und was bezeugt schon dein Herz?



Zwischen gestern und morgen schwingt es,



lautlos und fremd,



und was es schlägt,



ist schon sein Fall aus der Zeit.











#190
Take this kiss upon the brow!

And, in parting from you now,

Thus much let me avow:

You are not wrong who deem

That my days have been a dream;

Yet if hope has flown away

In a night, or in a day,

In a vision, or in none,

Is it therefore the less gone?

All that we see or seem

Is but a dream within a dream.

I stand amid the roar

Of a surf-tormented shore,

And I hold within my hand

Grains of the golden sand--

How few! yet how they creep

Through my fingers to the deep,

While I weep--while I weep!

O God! can I not grasp

Them with a tighter clasp?

O God! can I not save

One from the pitiless wave?

Is all that we see or seem

But a dream within a dream?

#191
Believe Me, If All Those Endearing Young Charms

Believe me, if all those endearing young charms,

Which I gaze on so fondly today,

Were to change by tomorrow, and fleet in my arms,

Like fairy-gifts fading away,

Thou wouldst still be adored, as this moment thou art,

Let thy loveliness fade as it will,

And around the dear ruin each wish of my heart

Would entwine itself verdantly still.

It is not while beauty and youth are thine own,

And thy cheeks unprofaned by a tear

That the fervor and faith of a soul can be known,

To which time will but make thee more dear;

No, the heart that has truly loved never forgets,

But as truly loves on to the close,

As the sunflower turns on her god, when he sets,

The same look which she turned when he rose.

#192
While on my lonely couch I lie,

I seldom feel myself alone,

For fancy fills my dreaming eye

With scenes and pleasures of its own.

Then I may cherish at my breast

An infant's form beloved and fair,

May smile and soothe it into rest

With all a Mother's fondest care.

How sweet to feel its helpless form

Depending thus on me alone!

And while I hold it safe and warm

What bliss to think it is my own!

And glances then may meet my eyes

That daylight never showed to me;

What raptures in my bosom rise,

Those earnest looks of love to see,

To feel my hand so kindly prest,

To know myself beloved at last,

To think my heart has found a rest,

My life of solitude is past!

But then to wake and find it flown,

The dream of happiness destroyed,

To find myself unloved, alone,

What tongue can speak the dreary void?

A heart whence warm affections flow,

Creator, thou hast given to me,

And am I only thus to know

How sweet the joys of love would be?

#193
Wir träumten voneinander


Und sind davon erwacht.



Wir leben, um uns zu lieben,



Und sinken zurück in die Nacht.



Du tratst aus meinem Traume,



Aus deinem trat ich hervor,



Wir sterben, wenn sich Eines



Im andern ganz verlor.






Auf einer Lilie zittern



Zwei Tropfen, rein und rund,



Zerfließen in Eins und rollen



Hinab in des Kelches Grund.


(Friedrich Hebbel)

#194
Du bist wie eine Blume

so hold und schön und rein;

ich schau' dich an, und Wehmut

schleicht mir ins Herz hinein.

Mir ist, als ob ich die Hände

aufs Haupt dir legen sollt',

betend, daß Gott dich erhalte

so rein und schön und hold.

#195
Alleingelassen bei Erinnerungen

Jetzt sitzt der weiße Schlaf vor allen Wintertüren,

Die Fenster sind gleich blassen Eierschalen,

Dahinter leben Straßen voll Gespenster

Und Stimmen, die uns ferne Menschen malen.

Man kann die Welt nicht sehen und nur spüren.

Wie Blinde ahnt man dunkel das Geschehen,

Alleingelassen bei Erinnerungen,

Die an den Türen wie die Bettler stehen,

Die bei den Ofenflammen warm sich rühren,

Erregt mit nimmersatten Hungerzungen.

Sie können uns an magern Händen führen

Und haben in der Asche noch nicht ausgesungen.

#196
Der Mond, der ohne Wärme lacht

Drüben über dem Fluß in der Nacht





Schwimmen die Berge im mondigen Nebel.






Im Fluß, im dunkeln, da funkeln sacht






Die hellen Wellen in grellen Kreisen.






Im Himmel steht, großes Feuer entfacht –






Der Mond, der ohne Wärme lacht,






Wie einer, den Liebe längst umgebracht.






Nun lebt er noch als Geist bedacht.


#197
Alle handeln wie die Herzen müssen

Meine Ohren horchen in die Nacht,





Wie der Regen seinen Tanzschritt macht.






Ruhe, eine der uralten Ammen,






Singt ihr Lied mit Dunkelheit zusammen,






Und der Regen tanzt auf flinken Füßen.






Alle handeln wie die Herzen müssen,






Alle wandeln frisch und unverfroren.






Nur die Liebe wird mit Angst geboren,






Nur der Sehnsucht ruhen nie die Ohren.


#198
Die Liebe kennt das Wörtlein „sterben“ kaum

Nachtwinde umschauern die Fenster





Und dicken Mauern des Hauses.






Waldgipfel kauern drunten im Düstern.






Im Loch der Nacht lauern






Wie eines Raubtiers Nüstern – Todesgedanken.






Es ist, als ob die uralten Wände wanken.






Ein Käuzchen lockt mit Geschrei






Den Schauder der Sterbestunde herbei.






Sein Hilferuf gellt wie von einem, der sich die Stirn zerschellt.






Waldblätter rasseln und Regen fällt,






Und still ist auf einmal wieder die Welt,






Als ob jemand die Atemzüge dir zählt.






Zu meiner Seite aus tiefen Kissen






Spricht die Liebste im Traum.






Ihr Traumwort hat allen Spuk mir zerrissen –






Die Liebe kennt das Wörtlein „sterben“ kaum.


#199
Eine traurige Geschichte

Ein Hering liebt eine Auster


Im kühlen Meeresgrund;



Es war sein Dichten und Trachten



Ein Kuss von ihrem Mund.






Die Auster, die war spröde,



Sie blieb in ihrem Haus;



ob der Hering sang und seufzte,



Sie schaute nicht heraus.






Nur eines Tages erschloss sie



Ihr duftig Schalenpaar;



Sie wollt im Meeresspiegel



Beschaun ihr Antlitz klar.






Schnell kam der Hering geschwommen,



Streckt seinen Kopf herein



Und dacht, an einem Kusse



In Ehren sich zu freun.






0 Hering, armer Hering,



Wie schwer bist du blamiert!



Sie schloss in Wut die Schalen,



Da war er guillotiniert.






Jetzt schwamm sein toter Leichnam



Wehmütig im grünen Meer



Und dacht: "In meinem Leben



Lieb ich keine Auster mehr!"


Josef Victor von Scheffel (1826-1886)

#200
Ihr lebet in der Zeit

und kennt doch keine Zeit

So wisst Ihr Menschen nicht

von und in was

Ihr seid.

Diß wisst Ihr

daß ihr seid

in einer Zeit gebohren.

Und daß ihr werdet auch

in einer Zeit verlohren.

Was aber war die Zeit

die euch in sich gebracht?

Und was wird diese sein

die euch

zu nichts mehr macht?

Die Zeit ist was

und nichts.

Der Mensch in gleichem Falle.

Doch was dasselbe was

und nichts sei zweifeln alle.

Die Zeit die stirbt in sich

und zeucht sich auch aus sich.

Diß kommt

aus mir und dir

von dem du bist und ich.

Der Mensch ist in der Zeit;

sie ist in ihm ingleichen.

Doch aber muß der Mensch

wenn sie noch bleibet

weichen.

Die Zeit ist was ihr seid

und ihr seid was die Zeit

Nur daß ihr wenger noch

als was die Zeit ist

seid.

Ach daß doch jene Zeit

die ohne Zeit ist

kähme

Und uns aus dieser Zeit

in ihre Zeiten nähme.

Und aus uns selbsten uns

daß wir gleich köndten sein

Wie der itzt

jener Zeit

die keine Zeit geht ein.

Paul Fleming (1609-1640)

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