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Gedichte und Gedanken

278 Antworten30'548 AufrufeGestartet von Chance2Desire ·

#161
Der Vorhang fällt, das Stück ist aus,


Und Herrn und Damen gehn nach Haus.



Ob ihnen auch das Stück gefallen?



Ich glaub, ich hörte Beifall schallen.



Ein hochverehrtes Publikum



Beklatschte dankbar seinen Dichter.



Jetzt aber ist das Haus so stumm,



Und sind verschwunden Lust und Lichter.






Doch horch! ein schollernd schnöder Klang



Ertönt unfern der öden Bühne; -



Vielleicht, dass eine Seite sprang



An einer alten Violine.



Verdriesslich rascheln im Parterr



Etwelche Ratten hin und her,



Und alles riecht nach ranzgem Öle.



Die letzte Lampe ächzt und zischt



Verzweiflungsvoll und sie erlischt.



Das arme Licht war meine Seele.


#162
Über dem Brünnlein nicket der Zweig,

Waldvögel zwitschern und flöten,

Wild Anemon' und Schlehdorn bleich

Im Abendstrahle sich röten,

Und ein Mädchen mit blondem Haar

Beugt über der glitzernden Welle,

Schlankes Mädchen, kaum fünfzehn Jahr,

Mit dem Auge der scheuen Gazelle.

Ringelblumen blättert sie ab:

»Liebt er?« - »liebt er mich nimmer?«

Und wenn »liebt« das Orakel gab,

Um ihr Antlitz gleitet ein Schimmer:

»Liebt er nicht« - o Grimm und Graus!

Daß der Himmel den Blüten gnade!

Gras und Blumen, den ganzen Strauß,

Wirft sie zürnend in die Kaskade.

Gleitet dann in die Kräuter lind,

Ihr Auge wird ernst und sinnend;

Frommer Eltern heftiges Kind,

Nur Minne nehmend und minnend,

Kannte sie nie ein anderes Band

Als des Blutes, die schüchterne Hinde;

Und nun Einer, der nicht verwandt -

Ist das nicht eine schwere Sünde?

Mutlos seufzet sie niederwärts,

In argem Schämen und Grämen,

Will zuletzt ihr verstocktes Herz

Recht ernstlich in Frage nehmen.

Abenteuer sinnet sie aus:

Wenn das Haus nun stände in Flammen,

Und um Hülfe riefen heraus

Der Karl und die Mutter zusammen?

Plötzlich ein Perlenregen dicht

Stürzt ihr glänzend aus beiden Augen,

In die Kräuter gedrückt ihr Gesicht,

Wie das Blut der Erde zu saugen,

Ruft sie schluchzend: »Ja, ja, ja!«

Ihre kleinen Hände sich ringen,

»Retten, retten würd' ich Mama,

Und zum Karl in die Flamme springen!«

#163
Locke und Lied

Meine Lieder sandte ich dir,

Meines Herzens strömende Quellen,

Deine Locke sandtest du mir,

Deines Hauptes ringelnde Wellen;

Hauptes Welle und Herzens Flut,

Sie zogen einander vorüber;

Haben sie nicht im Kusse geruht?

Schoß nicht ein Leuchten darüber?

Und du klagest: verblichen sei

Die Farbe der wandernden Zeichen;

Scheiden tut weh, mein Liebchen, ei,

Die Scheidenden dürfen erbleichen;

Warst du blaß nicht, zitternd und kalt,

Als ich von dir mich gerissen?

Blicke sie an, du Milde, und bald,

Bald werden den Herrn sie nicht missen.

Auch deine Locke hat sich gestreckt,

Verdrossen, gleich schlafendem Kinde,

Doch ich hab' sie mit Küssen geweckt,

Hab' sie gestreichelt so linde,

Ihr geflüstert von unserer Treu',

Sie geschlungen um deine Kränze,

Und nun ringelt sie sich aufs neu'

Wie eine Rebe im Lenze.

Wenig Wochen, dann grünet der Stamm,

Hat Sonnenschein sich ergossen,

Und wir sitzen am rieselnden Damm,

Die Händ' in einander geschlossen,

Schaun in die Welle und schaun in das Aug'

Uns wieder und wieder und lachen,

Und Bekanntschaft mögen dann auch

Die Lock' und der Liederstrom machen.

#164
Irgendwie machen mich diese Gedichte wehmütig !

* sucht nach neuem hobby *

#165
MEIN LIEBESLIED

Wie ein heimlicher Brunnen


Murmelt mein Blut ,



Immer von dir, immer von mir.






Unter dem taumelnden Mond



Tanzen meine nackten , suchenden Träume ,



Nachtwandelnde Kinder ,



Leise über düstere Hecken.






O, deine Lippen sind sonnig...



Diese Rauschedüfte deiner Lippen...



Und aus blauen Dolden silberumringt



Lächelst du ... du, du.






Immer das schlängelnde Geriesel



Auf meiner Haut



Über die Schulter hinweg -



Ich lausche...



Wie ein heimlicher Brunnen



Murmelt mein Blut.


Else Lasker-Schüler

(1869-1945)

#166
Zwei

Falter von da und dort


taumeln zusammen,



kreisen und wehen fort



fliegende Flammen.






Aber da lösen sich zwei



aus dem Gewimmel,



wirbeln trunken und frei



hoch in den Himmel.






Steigen in seligem Drehn



immer aufs neue,



bis sie im Duft vergehn



endloser Bläue.


Manfred Hausmann (1898-1986)

#167
Rote Nelke blüht im Garten,


Läßt verliebte Düfte glühen,



Will nicht schlafen, will nicht warten



Einen Trieb nur hat die Nelke:



Rascher, heißer, wilder blühen!






Eine Flamme seh ich prangen,



Wind in ihre Röte rennen,



Und sie zittert vor Verlangen,



Einen Trieb nur hat die Flamme:



Rascher, rascher zu verbrennen!






Du in meinem Blute innen,



Liebe du, was soll dein Träumen?



Willst ja nicht in Tropfen rinnen,



Willst in Strömen, willst in Fluten



Dich vergeuden, dich verschäumen!


#168
Einem Schmetterlinge gleicht die Liebe;

Wie er flatternd über Blumen schwebt,

So entflieht sie oft auf leichten Schwingen,

Und nur selten kehrt sie uns zurück.

Um gewaltsam ihre Flucht zu hemmen,

Strebt das kranke Herz mit leisem Weh;

Möcht' ihr gern die raschen Flügel binden,

Gern sie bannen in der Treue Kreis.

Aber wie des Schmetterlinges Farben

Selbst in zarten Händen untergehn,

So vernichten Fesseln auch die Reize,

Die der Liebe freie Regung schmücken.

Darum öffne ihrem kurzen Glücke

Willig und geniessend Geist und Herz;

Aber will es wankelmüthig weichen

Trauere dann - doch halt es nicht zurück!

#169
Zum Lieben sind wir nie zu alt

Zum Lieben sind wir nie zu alt!

Wohl dem, der drob nicht streitet.

Und, so lang er durchs Dasein wallt,

Von Liebe ist geleitet!

Ob jünger, älter um manch Jahr!

Wird Lieb' um das sich kümmern?!

Was tut's , ob hier und dort ein Haar

Am Scheitel grau mag schimmern?!

Frägt Liebeslust, frägt Liebesleid,

Ob Kümmernisse haben

In's Antlitz mit dem Pflug der Zeit

Manch Furche schon gegraben?!

Ohn' Liebe leben wäre arg!

Drum altert nicht die Liebe!

Und so lang Kraft noch webt im Mark,

Besel'gen ihre Triebe!

Es liebt der Mensch, so lang er leibt

Und gleicht darin der Linde,

Die immer junge Triebe treibt

Trotz - tausendjähr'ger Rinde!

#170
Der Kuß

Dein Kuß allein will mir nicht genügen!

Ein Kuß nicht mein Begehren stillt!

Trankst Du ihn je in vollen Zügen

Und empfandst noch nicht, was aus ihm quillt?

Ein Kuß - ein Blitz unter Sturmes Toben -

Ein süß Gewittern der Sinnenflut

Im tiefsten Mark, das nach unten, nach oben

Das Sein im Zickzack durchrast mit Glut.

Gewitter, das nicht sich löset in Regen ...

In den Wolken bleibt und wühlend drin schwebt ...

Und wetterleuchtend auf allen Wegen

Mit peinvollen Schauern uns durchbebt ...

#171
Ich wünsch' den Kuß und - küß Dich nicht!

Deinem Kuß möcht' dar ich bringen

Mehr ... viel mehr als nur den Mund ...

Ließe tief in mich ihn dringen

Wie den Sonnenstrahl der Grund ...

Wie der Grund das glüh`nde Weben,

Das in seinen Schoß sich gießt ...

Dem aus diesem Kusse Leben,

Blühen segensreich entsprießt ...

Dieser Beiden Liebestaten,

Daß sich eins dem andern leiht,

Jede Blume darf's verraten,

Jeder Traube Süßigkeit; -

... Unser Kuß, er gilt als Sünde

Und Dein Mund, der küßt, er - spricht ...

Drum - wie sich dies Herz auch winde -

Wünsch' ich ihn und - küß Dich nicht.

#172
Wille und Liebe

Gut. Baue der Liebe Ufer

Und dämme ihr Fluten ein!

Ein tücht'ger Geselle der - Wille!

Der zwängt sie in Ufer von Stein!

Weis' ihren Lauf er regelt

Mit Meister Verstand um die Wett',

Daß nicht sie zerstöre die Fluren

Und roll' in der Pflichten Bett -

Daß zwischen den Gardedamen,

Den Weiden sie schlängle voll Ruh,

Nur Blätter mit sich tragend,

Die die alte Weide wirft zu -

Daß sie in der Tiefe nur dulde

Den Krebs, der rückwärts geht

Und auf dem Spiegel Quappen

Und Fischlaich, der sich bäht.

Für Liebe, die solch ein Bächlein,

So schleichend, so seicht, so sanft,

Baut freilich Verstand mit dem Willen

Leicht einen Uferranft;

Doch gleicht sie dem wilden Strome,

Der tosend stürzet daher,

Den übermächtige Urkraft,

Hoch schwellt zum gewaltigen Meer!

Die reißt fort, was ihr im Weg steht -

Der wehrt keine Brücke, kein Damm:

Es stürzen am Ufer die Häuser! -

Sie entwurzelt den ältesten Stamm! -

Erschrick nicht, zaghaftes Mädchen

Vor diesem entsetzlichen Bild;

Dir wird das niemals geschehen;

Wie könntest Du lieben so wild?!

#173
Wie ich von Dir träume

Guten Morgen! Dein war, Lieb, die Nacht!

Ich hab' im Traum mit Dir sie verbracht.

Noch hab' ich keinen Tag gesehn

Wie diesen Traum, so himmlisch, so schön!

Ach, daß eine Stunde schlagen mir möchte,

Die solche Wonne wirklich mir brächte!

Der Lenz hat über den Thalesgrund

Einen Teppich gebreitet aus Blumen bunt

Und sandte nach uns den Sonnenschein,

Sandt' aus mit Sang die Vögelein,

Das Heer der zirpenden Cicaden

Unsere Liebe zur Flur zu laden.

Wir zogen Hand in Hand hinaus

Ins offne große Gotteshaus;

Und als die Vögel ich gewahrt,

In holder Freiheit traut gepaart,

Die Blumen sah den Kelch erschließen

Dem Blüthenstaub, sich drein zu gießen:

Da zog es zu Dir mich auf den Grund -

Und nahe rückte Mund an Mund

Und immer näher ... wie war das süß!

Geschah's, weil das Denken mich verließ? ...

Der Gürtel war entzwei mir gerissen

Und mir kam der Mut: Dich zu küssen ... zu küssen!

#174
Der Liebe Kurzlebigkeit

Wie sehn' ich mir den Lenz herbei

Auf Berge, in die Täler!

Die Liebe stiehlt die Küsse frei,

Ist Maiengrün ihr Hehler!

Dann werden Arm in Arm wir gehn

Hin in die grünen Auen,

Wo stille Gänseblümchen stehn,

Die stumm auf Küsse schauen! -

Wir küssen leise dann und laut

Dort bei den grünen Saaten,

Die Lerche, die es hört und schaut,

Die wird uns nicht verraten!

Dein Haupt mir in den Schoß dann fällt,

Am Raine dort, am grünen,

Es läßt das blaue Himmelszelt

Herunter die Gardinen ...

#175
Nur nicht

Das Leben

wäre

vielleicht einfacher

wenn ich dich

gar nicht getroffen hätte

Weniger Trauer

jedes Mal

wenn wir uns trennen müssen

weniger Angst

vor der nächsten

und übernächsten Trennung

Und auch nicht soviel

von dieser machtlosen Sehnsucht

wenn du nicht da bist

die nur das Unmögliche will

und das sofort

im nächsten Augenblick

und die dann

weil es nicht sein kann

betroffen ist

und schwer atmet

Das Leben

wäre vielleicht

einacher

wenn ich dich

nicht getroffen hätte

Es wäre nur nicht

mein Leben

#176
Send' mir Rosen

Send' mir Rosen, send' mir Grüße!

Frische Rosen, Worte süße,

Daß ich an den Mund sie drücke

Und mein Krankenlager schmücke!

Daß mich in der holden Gabe

Deines Herzens Grüßen labe!

Laß mich glauben: in den Rosen

Deine Lippen mit mir kosen!

Wenn ich bald die Stengel fasse,

Bald den Händen sie entlasse,

Laß mich glauben, daß ich Deine

Hand fühl' drücken heiß die meine!

Wenn ich mich am Dorne ritze,

Meinen, 's war an deinem Witze!

Send' mir Rosen, send' mir Grüße,

Daß ins Herz mir Balsam fließe!

Laß im Gruß mich Liebe lesen

Und ich werde schnell genesen!

#177
»Lebwohl und sei heiter«

Du ziehst von mir weiter


Zur Anderen hin:



»Lebwohl und schlag heiter



Dir mich aus dem Sinn!«






Reiß aus die Nelke



Und wirf sie fort



Und sprich: nicht welke



Am öden Ort!






Und schieß nach der Taube



Und triff sie ins Herz



Und sag' ihr: nicht glaube



An Deinen Schmerz!






Und ... zieh von mir weiter



Zur Anderen dort -



Und sprich: »sei heiter



Und - leb' nun fort!«


#178
Auf meinen Lippen brennt dein Kuß,


er brennt wie Feuer und Sünde,



er brennt wie himmlischer Hochgenuß



und macht mich zum schwachen Kinde.






Viel wilde Rosen erblühn und glühn



und glühn und verwelken am Hage -



und der Wald ist duftig, der Wald ist grün



am leuchtenden Julitage .....






Vom Meer herauf die Sonne grüßt,



Tautropfen am Riedgras beben: - -



wir haben uns kaum Willkommen geküßt



und sollen uns Abschied geben!






Und gehen sollst du, geliebter Mann,



mit all' dem zitternden Bangen,



mit der ungelöschten Glut hindann -



und durften uns kaum umfangen.






Wie lange währt es, so schwillt der Wein,



Im Felde die Sicheln klingen;



all', was da blühte im Sonnenschein,



wird reifen und Früchte bringen.






Die Luft wird kühl, und das Laub verdorrt,



Schnee liegt auf Hängen und Hagen .....



wir aber werden von Ort zu Ort



die zehrenden Gluten tragen.


#179
Sehnsucht

So still und heiss ist die Sommernacht,


Da bin ich jäh aus dem Schlaf erwacht,



Am Fenster duften die Linden -



Die Sehnsucht sitzt auf des Bettes Rand



Und winkt und winkt mit verstohlener Hand,



Und ich kann keinen Schlaf mehr finden.






Von fernher das Meer herüberrauscht,



Es zittert mein banges Herz und lauscht,



Kann nimmer den Morgen erwarten -



Weich geht der Nachtwind und seufzt und klagt,



Und ich folge hinaus, hinaus in die Nacht,



In den sommerduftenden Garten ...


#180
Je t'aime

»Je t'aime« - in den Baum geschrieben

Hat seine Hand mit keckem Scherz;

Kennt er denn nicht das Wörtchen »lieben«?

Doch süss erschrocken steht ihr Herz.

»Je t'aime« - in das Mark gezwungen

Hat er's dem Baum im tiefen Wald;

»Ich liebe dich!« hat sie gesungen,

Dass es im Walde wiederhallt.

»Je t'aime« - kann sie doch nicht singen,

Denn gar zu fremd ist ihr das Wort;

»Ich liebe dich!« so wird es klingen

In ihrem Herzen fort und fort.

»Je t'aime« - wo ist der Freund geblieben?

Das fremde Glück entwich so bald!

Er kannte nicht das Wörtchen »lieben«,

Und weinend geht sie durch den Wald .

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