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Gedichte und Gedanken

278 Antworten30'548 AufrufeGestartet von Chance2Desire ·

#121
Clemens Brentano

(1778-1842)

Die Liebe gab mir Tränen,

Die linde hat mir Tüchlein dann gesäumt,

Zu trocknen viele Tränen,

Die ich um sie zu weinen noch versäumt,

Willkomm' zukünft'ge Tränen,

Ihr habt euch solche Huld wohl nicht geträumt,

O Mutter meiner Tränen,

Die jetzt noch unter deinem Herzen ruhn,

Fromm tust du meinen Tränen,

Wie treue Mütter ihren Kindlein tun,

Bereitest meinen Tränen

Ein mildes Lager mit der linden Hand

O reicher Strom der Tränen!

Der so ein liebes lindes Bett hier fand,

O nehmt mich auf ihr Tränen!

Tragt mich hinüber in das andre Land,

Und spiegelt mir ihr Tränen

Die Linde, die da an des Saumes Rand

Vielleicht mit eignen Tränen

Die liebe Gabe Stich vor Stich erfand,

Wo sollt ihr hin, ihr Tränen?

Wenn eure Mutter sich von euch gewandt,

Verrinnen müßt ihr Tränen

In einer öden Wüste glühem Sand.

Erweichet doch ihr Tränen

Das Herz, das nie ein ander Herz noch fand,

Und euch gebar ihr Tränen,

Und euch die Tüchlein in die Wiege band,

Daß es vor euch, ihr Tränen

Nicht grausam fliehe, fern und abgewandt;

Es gab wohl kaum noch Tränen,

Die ihre arme Mutter so geliebt,

Und doch, o arme Tränen,

Die liebe, süße Mutter so betrübt!!?

O arme, sel'ge Tränen!

O liebe, linde, die so gern vergiebt.

Vergieb, vergieb den Tränen!

Sieh stille zu, es sind die letzten bald,

Wenn ich in Reuetränen

Ein Tüchlein sterbend in den Händen halt',

Will ich mit treuen Tränen

Ans Herz es drücken, das schon überwallt,

Das überwallt in Tränen

Und meine Seele trägt vor Richters Thron,

Da will ich euch ihr Tränen

Im Tüchlein reichen meines Gottes Sohn,

Daß er sein Blut, ihr Tränen,

Euch mischend, mir die schwere Schuld vergiebt,

Und zu euch spricht ihr Tränen:

Viel ist vergeben euch, die viel geliebt!

#122
Clemens Brentano (1778-1842)

Die Liebe fing mich ein mit ihren Netzen,


Und Hoffnung bietet mir die Freiheit an;



Ich binde mich den heiligen Gesetzen,



Und alle Pflicht erscheint ein leerer Wahn.



Es stürzen bald des alten Glaubens Götzen,



Zieht die Natur mich so mit Liebe an.



O süßer Tod, in Liebe neu geboren,



Bin ich der Welt, doch sie mir nicht verloren.





#123
Original von schau70wenn ich es koennte, wuerde ich wohl genau so ein gedicht schreiben.
... kannst Du , Schatzi , Du kannst es ... :schmatz:

#124
Eduard Mörike (1804-1875)

Neue Liebe

Kann auch ein Mensch des andern auf der Erde

Ganz, wie er möchte, sein?

- In langer Nacht bedacht ich mirs, und mußte sagen, nein!

So kann ich niemands heißen auf der Erde,

Und niemand wäre mein?

- Aus Finsternissen hell in mir aufzückt ein Freudenschein:

Sollt ich mit Gott nicht können sein,

So wie ich möchte, Mein und Dein?

Was hielte mich, daß ichs nicht heute werde?

Ein süßes Schrecken geht durch mein Gebein!

Mich wundert, daß es mir ein Wunder wollte sein,

Gott selbst zu eigen haben auf der Erde!

#125
Max Dauthendey (1867-1918 )

Einst werden Sonn' und Sterne kalt

Du liegst so gut in meinem Arm,

So gut ruht nur in mir mein Herz.

Wir schweben wie das Feuer fort

Und leben nur der Küsse Leben.

Einst werden Sonn' und Sterne kalt,

Uns hat der Tod vergessen müssen,

Und tausend, tausend Jahre alt

Leben wir noch in jungen Küssen.

#126
Rainer Maria Rilke (1875-1926)

VORBEI

WIR hatten uns erkoren,

versprochen Lieb und Treu,

wir hattens uns geschworen...

Und nun ists doch vorbei!.

Verwelkt die schönsten Triebe,

verdorret, müd und matt,

und ach, das Herz der Liebe

und auch des Lebens satt.

>Vorbei< - wie sie auch glühten

im schönen jungen Mai,

vorbei die holden Blüten -

auf immerdar vorbei! -

Erweckt euch nichts mehr wieder

mit himmlischer Gewalt,

sind all die frohen Lieder

auf ewig nun verhallt?

Und doch durchs Herze leise

mir immerfort noch zieht

die zarte, liebe Weise -

das alte schöne Lied!

#127
Der, den ich liebe,

hat mir gesagt,

dass er mich braucht!

Darum,

gebe ich auf mich Acht.

sehe auf meinen Weg und

fürchte mich vor jedem Regentropfen,

dass er mich erschlagen könnt!

#128
Dich nicht näher denken

und dich nicht weiter denken

dich denken wo du bist

weil du dort wirklich bist

Dich nicht älter denken

und dich nicht jünger denken

nicht größer nicht kleiner

nicht hitziger und nicht kälter

Dich denken und mich nach dir sehnen

dich sehen wollen

und dich liebhaben

so wie du wirklich bist(Erich Fried)

#129
ES IST WAS ES IST

Es ist Unsinn

sagt die Vernunft

Es ist was es ist

sagt die Liebe

Es ist Unglück

sagt die Berechnung

Es ist nichts als Schmerz

sagt die Angst

Es ist aussichtslos

sagt die Einsicht

Es ist was es ist

sagt die Liebe

Es ist lächerlich

sagt der Stolz

Es ist leichtsinnig

sagt die Vorsicht

Es ist unmöglich

sagt die Erfahrung

Es ist was es ist

sagt die Liebe

#130
Ja @ zauberhafter Stern =) , dette hat noch gefehlt !

Thanks for your support !

Schau mal wieder rein ! :compi:

#131
Das werde ich gerne tun - liiiiiiebend gerne! =)

Finde diesen Thread wunderbar. Gut gemacht! Thanks! :schmatz:

Einen Stern für Deine Idee und die lieben Worte schenkt Dir

Sternenzauber

#132
Erich Fried

Das Herz in Wirklichkeit

Das Herz


das gesagt hat



" Laß dir nicht bang sein um mich "



friert



und ist bang um die



der es das



gesagt hat


#133
Erich Fried

Trennung

Der erste Tag war leicht

der zweite Tag war schwerer

Der dritte Tag war schwerer als der zweite

Von Tag zu Tag schwerer:

Der siebente Tag war so schwer

daß es schien er sei nicht zu ertragen

Nach diesem siebenten Tag

sehne ich mich

schon zurück

#134
und Fried zum dritten ...

Eine Art Liebesgedicht

Wer sehnt sich nach dir

wenn ich mich nach dir sehne?

Wer streichelt dich

wenn meine Hand nach dir sucht?

Bin das ich oder sind das

die Reste meiner Jugend?

Bin das ich oder sind das

die Anfänge meines Alters?

Ist das mein Lebensmut oder

meine Angst vor dem Tod?

Und warum sollte

meine Sehnsucht dir etwas bedeuten?

Und was gibt dir meine Erfahrung

die mich nur traurig gemacht hat?

Und was geben dir meine Gedichte

in denen ich nur sage

wie schwer es geworden ist

zu geben oder zu sein?

Und doch scheint im Garten

im Wind vor dem Regen die Sonne

und es duftet das sterbende Gras

und der Liguster

und ich sehe dich an und

meine Hand tastet nach dir

#135
...und er so oft sagt, was ich denke: (bzw. leider: sagte...)

Als Kind wußte ich:

Jeder Schmetterling

den ich rette

Jede Schnecke

und jede Spinne

und jede Mücke

jeder Ohrwurm

und jeder Regenwurm

wird kommen und weinen

wenn ich begraben werde

Einmal von mir gerettet

muß keines mehr sterben

Alle werden sie kommen

zu meinem Begräbnis

Als ich dann groß wurde

erkannte ich:

Das ist Unsinn

Keines wird kommen

ich überlebe sie alle

Jetzt im Alter

frage ich: Wenn ich sie aber

rette bis ganz zuletzt

kommen doch vielleicht zwei oder drei?

#136
Dich bedecken

nicht mit Küssen

nur einfach

mit deiner Decke

(die dir

von der Schulter

geglitten ist)

daß du

im Schlaf nicht frierst

Später

wenn du

erwacht bist

das Fenster zumachen

und dich umarmen

und dich bedecken

mit Küssen

und dich

entdecken

#137
GEGENGEWICHT

Dieses Gedicht ist ein kleines Gegengewicht

auf der Schale der Waage,

auf der immer zuwenig liegt.

Ein Gegengewicht zum Autolärm,

zu überfüllten Wartezimmern,

ein Gegengewicht zu den Nachrichten,

zu Schlagzeilen und Schlagbäumen,

Hochstraßen und Dampfwalzen,

Herzinfarkt und Krebsverdacht.

Ich lege es vorsichtig auf die Waagschale

zu all den andren leichten Dingen...

Einen Moment erschien es mir,

als hätte sich etwas verändert.

#138
SOMMERGEDANKEN

Ich nehme mein Leben

in die Hand.

Leicht ist es

und gut zu fühlen.

Zeit gilt nicht,

wenn alles lauscht

und nur der Atem geht

wie sanfter Wind durchs Gras.

Ich schaue hoch.

Wer ich bin,

ist nicht zu sagen;

ich mache mir keinen Vers auf mich;

kein Wort ist so grün

wie die Blätter der Bäume.

Ich bleibe auf dem Teppich

meiner Möglichkeiten

und hoffe,

daß er fliegen lernt.

HANS KRUPPA

#139
An Hans Kruppas Gedichten möchte ich mich satt essen, möchte in ihnen schwimmen und tauchen, möchte die Worte trinken.

Möchte - dass es gar nicht mehr aufhört....

NICHT GENUG

Intelligenz ist nicht genug,

wenn Weisheit fehlt.

Optimismus ist nicht genug,

wenn Kraft fehlt.

Leben ist nicht genug,

wenn Zauber fehlt.

Freundschaft ist nicht genug,

wenn Vertrauen fehlt.

Liebe ist nicht genug,

wenn Mut fehlt.

Ich bin nicht genug,

wenn du fehlst.

HANS KRUPPA

#140
...und für heute noch ein letztes Mal Hans Kruppa.

Weil ich nicht anders kann....

SO VIELES AN DIR

Neulich sagtest du mir,

meine Liebe stehe

immer neben dir,

und wenn mal was daneben gehe,

flüstere sie dir ins Ohr:

„Macht nichts.“

Gestern gingen wir nebeneinander

durch die Straßen,

und plötzlich mußte

ich dich mitten auf

dem Gehweg an mich drücken,

denn deine Art,

neben mir zu gehen,

ließ mir keine andere Wahl.

So vieles an dir kommt zu mir,

als wäre es das erste Mal.

Deine kleinen leisen

Küsse durchs Telefon –

wie bunte Liebesperlen,

die vom Ohr direkt

in den Bauch kullern.

Dein langes Schweigen,

das mir so sachte hilft,

überflüssige Worte ungesagt

abzuwerfen wie Sandsäcke

beim Aufstieg in größere Höhen.

So vieles an dir,

das mich trifft und bewegt

und mir durch und durch geht.

Wenn der Clown in dir

zu tanzen anfängt

und verrückte Kußhände

in mein Herz wirft.

Wenn das kleine Mädchen

in dir nackt und vertrauensvoll

sich in meine Achselhöhle kuschelt

und wie berauscht

unserem Atem lauscht.

So vieles an dir,

das mich immer wieder

überrascht und rührt –

und sanft und sicher

ins Innerste

des Lächelns führt.

HANS KRUPPA

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