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Gedichte und Gedanken

278 Antworten30'548 AufrufeGestartet von Chance2Desire ·

#81
Die zwei Königskinder

1. Es waren zwei Königskinder,

Die hatten so lieb sich beid’,

Die konnten zusammen nicht kommen,

Das Wasser war viel zu breit.

2. “Lieb Herze, kannst du nicht schwimmen?

Lieb Herze, so schwimm zu mir!

Ich will dir zwei Kerzen aufstecken,

Und sie sollen leuchten dir.

3. Das hört’ eine falsche Nonne

In ihrer Kammer, o weh!

Sie tät die Kerzen ausdämpfen –

Lieb Herze blieb in der See.

4. Das war eines Sonntagsmorgens,

Da waren so froh die Leut,

Nicht so des Königs Tochter:

Die Äuglein waren ihr feucht.

5. Sie setzt’ aufs Haupt sich stille

Die Krone von Golde rein,

Sie steckt’ an ihren Finger

Ein güldenes Ringlein.

6. “O Mutter, liebe Mutter,

Mir tut das Herz so weh.

Geht heut allein zur Kirche!

Ich bet’ an der rauschenden See.

7. Die Mutter ging zur Kirche,

Die Tochter ging an den Strand,

Sie ging viel auf und nieder,

Bis sie einen Fischer fand.

8. “O Fischer, lieber Fischer,

Willst du den größten Lohn?

Wirf aus dein Netz in’s Wasser,

Fisch’ mir den Königssohn!

9. Er warf sein Netz in’s Wasser,

Er senkt es bis zum Sand,

Er fischt’ und fischte so lange,

Bis er den Königssohn fand.

10. Da nahm die Königstochter

Vom Haupt ihre goldene Kron:

“Sieh da, viellieber Fischer,

Das ist dein Finderlohn.

11. Da zog sie von ihrem Finger

Den Ring von rotem Gold:

“Sieh da, viellieber Fischer,

Das ist dein Fischersold.

12. Sie nahm in ihr’ blanke Arme

Den Königssohn; o weh!

Sie sprang mit ihm in’s Wasser:

O Vater und Mutter, ade!

#82
Annette von Droste-Hülshoff

Brennende Liebe

Und willst du wissen, warum

So sinnend ich manche Zeit,

Mitunter so töricht und dumm,

So unverzeihlich zerstreut,

Willst wissen auch ohne Gnade,

Was denn so Liebes enthält

Die heimlich verschlossene Lade,

An die ich mich öfters gestellt?

Zwei Augen hab’ ich gesehn,

Wie der Strahl im Gewässer sich bricht,

Und wo zwei Augen nur stehn,

Da denke ich an ihr Licht.

Ja, als du neulich entwandtest

Die Blume vom blühenden Rain,

Und »Oculus Christi« sie nanntest,

Da fielen die Augen mir ein.

Auch gibt’s einer Stimme Ton,

Tief, zitternd, wie Hornes Hall,

Die tut’s mir völlig zum Hohn,

Sie folget mir überall.

Als jüngst im flimmernden Saale

Mich quälte der Geigen Gegell,

Da hört’ ich mit einem Male

Die Stimme im Violoncell.

Auch weiß ich eine Gestalt,

So leicht und kräftig zugleich,

Die schreitet vor mir im Wald,

Und gleitet über den Teich;

Ja, als ich eben in Sinnen

Sah über des Mondes Aug’

Einen Wolkenstreifen zerrinnen,

Das war ihre Form, wie ein Rauch.

Und höre, höre zuletzt,

Dort liegt, da drinnen im Schrein,

Ein Tuch mit Blute genetzt,

Das legte ich heimlich hinein.

Er ritzte sich nur an der Schneide,

Als Beeren vom Strauch er mir hieb,

Nun hab’ ich sie alle beide,

Sein Blut und meine brennende Lieb’.

#83
hey chance, tolle sammlung!

vor allen dingen goethe's lesebuch passt gut hierher!

ich hoffe auf den letzten satz....

viele liebe gruesse!

#84
Best of Goethe

An die Entfernte

So hab ich wirklich dich verloren?

Bist du, o Schöne, mir entflohn?

Noch klingt in den gewohnten Ohren

Ein jedes Wort, ein jeder Ton.

So wie des Wandrers Blick am Morgen

Vergebens in die Lüfte dringt,

Wenn in dem blauen Raum verborgen

Hoch über ihm die Lerche singt;

So dringet ängstlich hin und wieder

Durch Feld und Busch und Wald mein Blick;

Dich rufen alle meine Lieder;

O komm, Geliebte, mir zurück!

Erster Verlust

Ach, wer bringt die schönen Tage,

Jene Tage der ersten Liebe,

Ach, wer bringt nur eine Stunde

Jener holden Zeit zurück!

Einsam nähr ich meine Wunde,

Und mit stets erneuter Klage

Traur ich ums verlorne Glück.

Ach, wer bringt die schönen Tage,

Jene holde Zeit zurück!

Liebebedürfnis

Wer vernimmt mich? ach, wem soll ichs klagen?

Wers vernähme, würd er mich bedauern?

Ach, die Lippe, die so manche Freude

Sonst genossen hat und sonst gegeben,

Ist gespalten, und sie schmerzt erbärmlich,

Und sie ist nicht etwa wund geworden,

Weil die Liebste mich zu wild ergriffen,

Hold mich angebissen, daß sie fester

Sich des Freunds versichernd ihn genösse:

Nein, das zarte Lippchen ist gesprungen,

Weil nun über Reif und Frost die Winde

Spitz und scharf und lieblos mir begegnen.

Und nun soll mir Saft der edlen Traube,

Mit dem Saft der Bienen bei dem Feuer

Meines Herds vereinigt, Lindrung schaffen.

Ach, was will das helfen, mischt die Liebe

Nicht ein Tröpfchen ihres Balsams drunter?

#85
Freudvoll und leidvoll


Gedankenvoll sein



langen und bangen



in schwebender Pein



himmelhoch jauchzend



zu Tode betrübt



Glücklich allein



ist die Seele die liebt !


Goethe

#86
Dich











Dich






dich sein lassen






ganz dich












Sehen






daß du nur du bist






wenn du alles bist






was du bist






das Zarte






und das Wilde






das was sich losreißen






und das was sich anschmiegen will












Wer nur die Hälfte liebt






der liebt dich nicht halb






sondern gar nicht






der will dich zurechtschneiden






amputieren






verstümmeln












Dich dich sein lassen






ob das schwer oder leicht ist?






Es kommt nicht darauf an mit wieviel






sondern mit wieviel Liebe und mit wieviel






offener Sehnsucht nach allem -






nach allem






was du ist












Nach der Wärme






und nach der Kälte






nach der Güte






und nach dem Starrsinn






und deinem Willen






und Unwillen






nach jeder deiner Gebärden






nach deiner Ungebärdigkeit






Unstetigkeit






Stetigkeit












Dann






ist dieses






dich dich sein lassen






vielleicht gar nicht so schwer.


Erich Fried

#87
Wollen

Bei dir sein wollen

Mitten aus dem was man tut

weg sein wollen

bei dir verschwunden sein

Nichts als bei dir

näher als Hand an Hand

enger als Mund an Mund

bei dir sein wollen

In dir zärtlich zu dir sein

dich küssen von außen

und dich streicheln von innen

so und so und auch anders

Und dich einatmen wollen

immer nur einatmen wollen

tiefer tiefer

und ohne Ausatmen trinken

Aber zwischendurch Abstand suchen

um dich sehen zu können

aus ein zwei Handbreit Entfernung

und dann dich weiterküssen

Erich Fried

#88
Kennst du das auch?

Kennst du das auch, daß manches mal

Inmitten einer lauten Lust,

Bei einem Fest, in einem frohen Saal,

Du plötzlich schweigen und hinweggehen mußt?

Dann legst du dich aufs Lager ohne Schlaf

Wie Einer, den plötzlich Heimweh traf;

Lust und Gelächter ist versiebt wie Rauch,

Du weinst , ohne Halt - Kennst du das auch?

Liebe

Wieder will mein froher Mund begegnen

Deinen Lippen , die mich küssend segnen,

Deine lieben Finger will ich halten

Und in meine Finger spielend falten .

Meinen Blick an deinem dürstend füllen,

Tief mein Haupt in deine Haare hüllen,

Will mit immerwachen jungen Gliedern

Deiner Glieder Regung treu erwidern

Und aus immer neuen Liebesfeuern

Deine Schönheit tausendmal erneuern,

Bis wir ganz gestillt und dankbar beide

Selig wohnen über allem Leide .

Bis wir Tag und Nacht und Heut und Gestern

Wunschlos grüßen als geliebte Schwestern ,

Bis wir über allem Tun und Handeln

Als Verklärte ganz im Frieden wandeln.

#89
... man findet doch noch immer eines , daß noch besser passt !

Hesse zum Ditten ! 8)

Liebeslied





O Du , ich kann nicht sagen ,



Was du aus mir gemacht.



Ich fliehe vor den Tagen



Und liebe nur die Nacht.






Die Nacht ist mir so golden



Wie sonst kein Tag mir war,



Da träum ich von einer holden



Fraue mit blondem Haar.
( wahlweise anderes Geschlecht einfügen =) )

Da träum ich von seligen Dingen,

Die mir ein Blick verhieß,

Da hör' ich Lieder klingen

Fernher vom Paradies.

Da sehe ich Wolken jagen

Und schaue lang in die Nacht

O du, ich kann nicht sagen,

Was du aus mir gemacht.

#90
Liebeslied

Ich wollt ich wär eine Blume,

Du kämest still gegangen,

Nähmst mich zum Eigentume

In deine Hand gefangen.

Auch wär ich gern ein roter Wein

Und flösse süß durch deinen Mund

Und ganz und gar in dich hinein

Und machte dich und mich gesund.

Hermann Hesse (Mai 1922)

#91
Dies heißt auch Liebeslied(einfach schön):

Wie soll ich meine Seele halten, daß

sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie

hinheben über dich zu andern Dingen?

Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas

Verlorenem im Dunkel unterbringen

an einer fremden stillen Stelle, die

nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.

Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,

nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,

der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.

Auf welches Instrument sind wir gespannt?

Und welcher Geiger hat uns in der Hand?

O süßes Lied.

Aus: Neue Gedichte (1907)

#92
So ist die Lieb! So ist die Lieb!


Mit Küssen nicht zu stillen:



Wer ist der Tor und will ein Sieb



Mit eitel Wasser füllen?



Und schöpfst du an die tausend Jahr,



Und küssest ewig, ewig gar,



Du tust ihr nie zu Willen.



Die Lieb, die Lieb hat alle Stund



Neu wunderlich Gelüsten;



Wir bissen uns die Lippen wund,



Da wir uns heute küßten.



Das Mädchen hielt in guter Ruh,



Wie's Lämmlein unterm Messer;



Ihr Auge bat: nur immer zu,



je weher, desto besser!






So ist die Lieb, und war auch so,



Wie lang es Liebe gibt,



Und anders hat Herr Salomo,



Der Weise, nicht geliebt.


@angel_corazon :

Sehr schöne Auswahl ! ... Danke für Deinen Beitrag !

#93
Joseph Freiherr von Eichendorff

Neue Liebe

Herz, mein Herz, warum so fröhlich,

So voll Unruh und zerstreut,

Als käm über Berge selig

Schon die schöne Frühlingszeit?

Weil ein liebes Mädchen wieder

Herzlich an dein Herz sich drückt,

Schaust du fröhlich auf und nieder,

Erd und Himmel dich erquickt.

Und ich hab die Fenster offen,

Neu zieh in die Welt hinein

Altes Bangen, altes Hoffen!

Frühling, Frühling soll es sein!

Still kann ich hier nicht mehr bleiben,

Durch die Brust ein Singen irrt,

Doch zu licht ist's mir zum Schreiben,

Und ich bin so froh verwirrt.

Also schlendr' ich durch die Gassen,

Menschen gehen her und hin,

Weiß nicht, was ich tu und lasse,

Nur, daß ich so glücklich bin.

:verliebt: ...

#94
Willkommen und Abschied

Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!

Es war getan fast eh gedacht.

Der Abend wiegte schon die Erde,

Und an den Bergen hing die Nacht;

Schon stand im Nebelkleid die Eiche,

Ein aufgetürmter Riese, da,

Wo Finsternis aus dem Gesträuche

Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel

Sah kläglich aus dem Duft hervor,

Die Winde schwangen leise Flügel,

Umsausten schauerlich mein Ohr;

Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,

Doch frisch und fröhlich war mein Mut:

In meinen Adern welches Feuer!

In meinem Herzen welche Glut!

Dich sah ich, und die milde Freude

Floß von dem süßen Blick auf mich;

Ganz war mein Herz an deiner Seite

Und jeder Atemzug für dich.

Ein rosenfarbnes Frühlingswetter

Umgab das liebliche Gesicht,

Und Zärtlichkeit für mich – ihr Götter!

Ich hofft es, ich verdient es nicht!

Doch ach, schon mit der Morgensonne

Verengt der Abschied mir das Herz:

In deinen Küssen welche Wonne!

In deinem Auge welcher Schmerz!

Ich ging, du standst und sahst zur Erden,

Und sahst mir nach mit nassem Blick:

Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!

Und lieben, Götter, welch ein Glück!

Johann Wolfgang von Goethe

#95
Warum gabst du uns die tiefen Blicke,

Unsre Zukunft ahndungsvoll zu schaun,

Unsrer Liebe, unserm Erdenglücke

Wähnend selig nimmer hinzutraun?

Warum gabst uns, Schicksal, die Gefühle,

Uns einander in das Herz zu sehn,

Um durch all die seltenen Gewühle

Unser wahr Verhältnis auszuspähn?

Ach, so viele tausend Menschen kennen,

Dumpf sich treibend, kaum ihr eigen Herz,

Schweben zwecklos hin und her und rennen

Hoffnungslos in unversehnem Schmerz;

Jauchzen wieder, wenn der schnellen Freuden

Unerwart’te Morgenröte tagt.

Nur uns armen Liebevollen beiden

Ist das wechselseitge Glück versagt,

Uns zu lieben, ohn uns zu verstehen,

In dem andern sehn, was er nie war,

Immer frisch auf Traumglück auszugehen

Und zu schwanken auch in Traumgefahr.

Glücklich, denn ein leerer Traum beschäftigt!

Glücklich, dem die Ahndung eitel wär!

Jede Gegenwart und jeder Blick bekräftigt

Traum und Ahndung leider uns noch mehr.

Sag, was will das Schicksal uns bereiten?

Sag, wie band es uns so rein genau?

Johann Wolfgang von Goethe

#96
Du bist wie eine Blume

Du bist wie eine Blume

so hold und schön und rein;

ich schau' dich an, und Wehmut

schleicht mir ins Herz hinein.

Mir ist, als ob ich die Hände

aufs Haupt dir legen sollt',

betend, daß Gott dich erhalte

so rein und schön und hold.

Heinrich Heine

#97
Ich und du

Wir träumten voneinander

Und sind davon erwacht,

Wir leben, um uns zu lieben,

Und sinken zurück in die Nacht.

Du tratst aus meinem Traume,

Aus deinem trat ich hervor,

Wir sterben, wenn sich Eines

Im Andern ganz verlor.

Auf einer Lilie zittern

Zwei Tropfen, rein und rund,

Zerfließen in Eins und rollen

Hinab in des Kelches Grund.

Friedrich Hebbel

#98
Nähe des Geliebten

Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer

Vom Meere strahlt;

Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer

In Quellen malt.

Ich sehe Dich, wenn auf dem fernen Wege

Der Staub sich hebt;

In tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege

Der Wandrer bebt.

Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen

Die Welle steigt.

Im stillen Haine geh ich oft zu lauschen,

Wenn alles schweigt.

Ich bin bei dir, du seihst auch noch so ferne,

Du bist mir nah!

Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne.

O wärst du da!

Johann Wolfgang von Goethe

ach, ich könnte hier den ganzen thread vollposten, aber ich lass jetzt erstmal euch wieder zu wort kommen ;) kennt hier einer die cd "Liebesgrüße aus Hollywood"?

#99
Verliebt wie damals

von Annegret Kronenberg

Es gibt sie noch alle,





deine lieben Briefe.






Jahre hatte ich sie nicht angeschaut.






Und jetzt, nachdem ich sie alle






noch einmal gelesen habe,






stehst du wieder als Jüngling vor mir.






Und verdammt,






ich bin noch so verliebt






wie damals.


#100
Ich liebe dich, du Seele, die da irrt

im Tal des Lebens nach dem rechten Glücke,

ich liebe dich, die manch ein Wahn verwirrt,

der manch ein Traum zerbrach in Staub und Stücke.

Ich liebe deine armen wunden Schwingen,

die ungestoßen in mir möchten wohnen;

ich möchte dich mit Güte ganz durchdringen,

ich möchte dich in allen Tiefen schonen.

Christian Morgenstern

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